Zwei Herzen schlagen in Ivica Ratkajecs Brust: das eine kroatisch, das andere deutsch. In beiden Ländern ist er daheim, doch nirgends so richtig zu Hause. "Das ist manchmal schwierig", sagt der 57-Jährige. Denn wohl fühlt er sich in beiden Nationen.

Im Jahr 1972 kam Ivica Ratkajec im Alter von 15 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Leverkusen war die erste Station der Familie. Ivo, so lautet die Kurzform von Ivica, lernte Automechaniker bei einer großen deutschen Marke. Dann schulte er zum Schweißer um und war Jahre lang auf Montage in ganz Deutschland unterwegs.

Ende der 90er-Jahre verschlug es ihn dann nach Höchstadt. Es gefiel ihm hier, er blieb. Es war 2003 als Ratkajecs Hüfte schlapp machte. Ärzte mussten ihm ein künstliches Gelenk einsetzen - seinem Job als Schweißer konnte er fortan nicht mehr nachgehen.
Ratkajec hielt sich als Leiharbeiter über Wasser, bis er vor kurzem bei einem Taxiunternehmen anheuerte.

Geboren ist Ivica Ratkajec in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, der Stadt, in der der EU-Beitritt des kleinen Landes am Mittelmeer vor kurzem offiziell gemacht wurde. Ein Umstand, den Ivica Ratkajec als große Chance für sein Heimatland sieht. "Es müsste sich aber noch sehr viel ändern", sagt er. Aus seiner Sicht müsste zunächst eine kompetente Führungsriege her. Dieser müsste die EU dann helfen, ihr aber auch "auf die Finger schauen".

Die Lage aus der Ferne einzuschätzen, sei für ihn alles andere als einfach. Seine Informationen bekommt er von Mutter und Schwester, die in Kroatien leben. Außerdem liest Ratkajec täglich im Internet in kroatischen Zeitungen. Vom EU-Beitritt seines alten Heimatlandes verspricht er sich vor allem Einigkeit. "Ich hoffe, dass es keine Kriege mehr geben wird", sagt er. Es sei viel Schreckliches geschehen in den 90er-Jahren. "Das wünscht man keinem Volk."

Seine erste Zeit in Deutschland war schwer für ihn, erinnert sich Ratkajec. "Ich wollte nach einem Jahr wieder mit dem Zug zurück zu meiner Oma fahren", sagt er. Alles war neu für ihn in dem unbekannten Land. Außerdem musste er seine Freunde in der Heimat zurücklassen. Er fühlte sich zerissen: "Man weiß nicht, wo man hingehört."

Inzwischen ist das vorbei, er fühle sich hier viel mehr zu Hause als in Kroatien. Doch ein paar Dinge gibt es, die Ratkajec nach wie vor vermisst: das Meer, kroatischen Wein und die mediterrane Küche. "Wobei das Essen in Bayern auch sehr lecker ist", gibt er zu.

Anpassung ist wichtig

Für ihn als Einwanderer sei es schon immer wichtig gewesen, sich anzupassen. Für Kroaten sei das aber nicht allzu schwer, denn schließlich seien sich Bayern und Kroatien recht ähnlich. Woran macht er das fest? "Zum Beispiel am Glauben. Oder an den Dingen die man macht, oder eben nicht macht", sagt Ratkajec.

Besonders beeindruckt ist er von der Toleranz der Deutschen. Er glaubt nicht, dass es in seiner alten Heimat umgekehrt genauso wäre. Und obwohl er sich manchmal ausländerfeindlichen Parolen ausgesetzt sieht, hat er bislang noch keinerlei schlechte Erfahrungen hier gemacht, betont er.

Nur beim Fußball, da schlägt sein Herz für die kroatische Nationalmannschaft. "Ein bisschen was muss man sich ja bewahren", sagt Ratkajec. Deshalb denkt er noch gerne an die Europameisterschaft 2008 zurück. Damals besiegten die Kroaten die Deutschen in der Vorrunde mit 2:1. "Ich weiß noch genau, damals bin ich vor Freude vom Stuhl aufgesprungen", erzählt Ratkajec.

Rückkehr nicht ausgeschlossen

Wenn er das Rentenalter erreicht hat, möchte Ivica Ratkajec nach Kroatien zurückkehren - zumindest halb. "Ich stelle mir vor, das Frühjahr und den Sommer dort zu verbringen. Im Herbst und Winter bin ich dann in Höchstadt."

Wie die Situation in seinem alten Heimatland bis dahin ist, weiß natürlich niemand. Doch Ivica Ratkajec hat einen Wunsch für die Zukunft Kroatiens: "Ich möchte, dass mein Land vorwärts kommt und die Leute dort wieder besser leben."