• Erlangen: Grüne erzielen bei Bundestagswahl bestes lokales Ergebnis seit Parteigründung
  • Spardorf: 28 Prozent der Wahlberechtigten geben Grünen ihre Stimme
  • Landkreis Erlangen: Öko-Partei legt auch im ländlichen Raum fast sieben Prozent zu
  • "Davon haben wir auch profitiert": Grüne Kreisvorständin mit eigener Erklärung zum Wahlerfolg

Im Wahlkreis Erlangen haben die Grünen bei der Bundestagswahl 2021 einen großen Wahlerfolg einfahren können. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017, bei der die Öko-Partei 13,5 Prozent erlangt hatte, steigerte sie ihren Anteil bei den Zweitstimmen um fast sieben Prozent auf 20,2 Prozent. Das ist aus zweierlei Sicht ein außergewöhnliches Ergebnis: Denn zum Wahlkreis Erlangen gehören auch viele ländliche Gemeinden - deren Bewohner gelten eigentlich nicht als die klassische Wählerklientel der Partei. Gleichzeitig konnten die Grünen in der Stadt Erlangen das stärkste Ergebnis seit ihrem Bestehen erzielen. Wie ist das möglich?

Erlangen: Grünes Ergebnis bei Bundestagswahl fast doppelt so stark wie bayerischer Schnitt

In der Stadt Erlangen wurden die Grünen mit 26,1 Prozent der Zweitstimmen sogar stärkste Kraft. Bei den Erststimmen unterlag Grünen-Direktkandidatin Tina Prietz in der Stadt CSU-Mann Stefan Müller um 3,1 Prozentpunkte. Müller gewann auch im gesamten Wahlkreis und zieht wieder in den Bundestag ein. Doch auch in mehreren Gemeinden rund um Erlangen konnten die Grünen bei den Wahlberechtigten punkten. 

In Bubenreuth etwa kommen die Grünen nach Auszählung aller Zweitstimmen auf 22,3 Prozent, in Möhrendorf auf 24,5 Prozent und in Spardorf gar auf 28 Prozent. Zum Vergleich: 2017 holte die Öko-Partei in der Stadt Erlangen knapp zehn Prozentpunkte weniger Stimmen, in Spardorf konnten sich die Grünen ebenfalls um rund zehn Prozent steigern. 

Im Bund hingegen lag die Partei rund um Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock weit hinter den Erwartungen und vielen Umfragen zurück. Nach mehreren Patzern im Wahlkampf landeten die Grünen letztlich bei 14,8 Prozent. In Bayern wurde dieses Ergebnis noch untertroffen. Mit 13,6 Prozent legte die Partei im Vergleich zu 2017 zwar zu - doch die Stadt Erlangen zählt seitdem mit München zu den grünen Hochburgen des traditionell "schwarzen" Freistaats. 

Grüne Kreisvorständin in Erlangen: Darum ist die Öko-Partei hier so beliebt 

Wieso aber konnten die Grünen in Erlangen und Umgebung so viele Menschen überzeugen? "Die Wähler der Partei haben überdurchschnittlich hohe Einkommen und sind vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt", schreibt ein Autor der Bundeszentrale für Politische Bildung in einer Analyse. Erlangen hat sich bereits in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Grünen-Hochburg entwickelt, wie nicht nur die Wahlergebnisse beweisen. 

"Wir haben kürzlich unser 250. Mitglied gefeiert", so die Vorständin des Grünen-Kreisverbands Erlangen, Luisa Weyers, gegenüber inFranken.de. Der Verband habe einen "starken Anstieg" bei den Mitgliedszahlen zu verzeichnen, berichtet sie. Gleichzeitig ist der Großraum Erlangen durch die Ansiedlungen von Siemens, aber auch den Sitz von Puma und Adidas im nahen Herzogenaurach ein extrem wirtschaftsstarker Standort, der Fachkräfte anzieht und im fränkischen Vergleich als sehr international gilt. 

"Die Gesellschaft entwickelt sich vom reinen Wachstumsgedanken weg hin zu mehr Nachhaltigkeit und die Wirtschaft hat verstanden, dass die Ressourcen endlich sind. Davon haben wir auch profitiert", so der Erklärungsansatz aus Weyers' Sicht. Gleichzeitig gibt sie durchaus zu, dass die Grünen gerade in der Stadt gut ankommen. Die Gemeinden im Umkreis, in denen die Partei sehr stark abgeschnitten hatte, seien "geografisch doch innenstadtnah". 

"Wo jeder mit dem eigenen Auto fährt, braucht es keinen besseren ÖPNV"

Auf dem Land, sagt Weyers, "fehlt es an Geldern und dem politischen Willen". Wo "jeder mit dem eigenen Auto fährt, braucht es keinen besseren ÖPNV. Den Leuten fehlt vielleicht auch der Glaube, dass einer möglich ist." Gleichzeitig, so schätze sie persönlich, würden viele auch zu sehr an ihrem eigenen Auto hängen. 

Ein Grund für die vielen Grünen-Stimmen sei, so Weyer, sicherlich, "dass wir relativ viel Wahlkampf gemacht haben, viele Infostände, viel Haustürwahlkampf". Gleichzeitig lebten in Erlangen und im Umkreis "viele junge Menschen", darunter auch viele Erstwählende. In dieser Gruppe haben die Grünen bei der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag deutschlandweit am besten abgeschnitten. 

"Anders als im Bund" habe man sich außerdem strategisch auf die Themen "Nachhaltigkeit und Klimaziele" fokussiert, sagt die studentische Hilfskraft am Institut für Völkerrecht der Uni Erlangen. Sie sieht in den Stimmen für die Grünen in der Unistadt Erlangen "Unzufriedenheit mit der CDU/CSU und der SPD", man stehe "mehr für den Wandel". Außerdem, so glaubt Weyers, könnten auch Briefwählende eine Ursache für das starke Abschneiden ihrer Partei sein.

Jamaika-Koalition unter Söder? "Das Schlimmste, was unserem Land passieren könnte"

Die SPD, die in Erlangen immerhin den Oberbürgermeister stellt, konnte nämlich bei der ansässigen Bevölkerung nicht auf den "Scholz-Bonus" zählen und landete letztlich mit 20 Prozent auf dem dritten Rang. "Das ging bei der SPD mit dem Aufwärtstrend ja erst recht spät los und Erlangen hatte einen sehr hohen Briefwahl-Anteil, vielleicht haben viele auch schon vorher die Entscheidung getroffen", vermutet Weyers. 

Und wie geht es nun im Bund weiter? Im Kreisverband Erlangen habe man trotz geringer Wahrscheinlichkeit bis zum Schluss auf die Möglichkeit einer rot-grünen Koalition gehofft - und auf ein besseres Grünen-Ergebnis, sagt Weyers. Bei einer Vorstandssitzung am Dienstag sei deutlich geworden, dass man sich nun eine Ampel-Koalition wünsche. "Ich persönlich möchte schon jetzt auf keinen Fall Jamaika", bekräftigt die Vorständin. Und was sagt sie zu den aktuellen Debatten um Jamaika unter Überraschungskanzler Söder? "Das wäre das Schlimmste, was unserem Land passieren könnte."

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