Ein Blick in den Eimer mit toten Mäusen und Küken, der Weg hoch in den Dachstuhl des Mönchsturms, eine Kamera am Mechanismus, mit dem das Futter ins Nest befördert wird: Gleich mehrere Fernseh-Teams haben in dieser Woche rund um das Hammelburger Storchennest gedreht. Sat1-Moderatorin Eva Grünbauer kündigt im Beitrag das "Storchen-Drama von Hammelburg" an. Im Mittelpunkt des Beitrags steht Elisabeth Assmann, die als "Ersatzmama" für die durch den Blitz getötete Störchin Adele vorgestellt wird. Auch das Landratsamt stellt 2. Bürgermeisterin und Grünen-Kreisrätin Assmann, den Bund Naturschutz und die Untere Naturschutzbehörde in den Mittelpunkt. Auffällig dabei: Christian Fenn, Initiator und Betreiber der Seite www.storchencam.de, wird mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Dazu passt auch, dass der Bund Naturschutz (BN) und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) in einem Brief an die Redaktion einen Zusammenhang zwischen der Initiative von Christian Fenn und dem Blitzeinschlag herstellen: "Die Kameramontage mittels Metallstange direkt am Nest hat möglicherweise als Blitzableiter gewirkt und dieses Desaster ausgelöst", heißt es darin wörtlich. Dass auch das Storchennest selbst aus Metall ist und sich rund um den Mönchsturm Kirchtürme und der Baukran fürs Bürgerhaus befinden, wird in dem Schreiben unterschlagen. Zudem reklamieren die beiden Verbände, dass sie nun die Versorgung der Jungstörche übernehmen müssen.

170 000 Besucher aus aller Welt

Christian Fenn, 3. Bürgermeister von Hammelburg und ebenfalls Mitglied der Grünen-Kreistagsfraktion, ist auf Nachfrage der Redaktion überrascht und verärgert über solche Behauptungen: "Das ist eine Stange wie bei einem Verkehrsschild, davon gibt es tausende in der Stadt an ganz unterschiedlichen Stellen", berichtet er über die Kamerahalterung. Zudem sei sie nicht einmal geerdet gewesen. Niemand könne sagen, wie oft der Blitz vielleicht schon in den Mönchsturm eingeschlagen habe.

"Ohne die Kamera hätten wir vielleicht tagelang gar nicht mitbekommen, dass die Eltern-Störche tot sind", verweist Fenn auf einen weiteren Vorteil der Beobachtungen, und: "Bis wir das gecheckt hätten, wären die Küken vielleicht längst verhungert." Am meisten ärgert Fenn, dass sich jetzt plötzlich andere nach vorne drängen: "Ich wurde wochenlang völlig allein gelassen, aber jetzt, wo die Katastrophe passiert ist, nutzen alle die mediale Aufmerksamkeit."

Im Landkreis Bad Kissingen gibt es laut Unterer Naturschutzbehörde nur zwei Storchennester mit Brut, beide liegen im Hammelburger Stadtgebiet: Die Westheimer Störche brüten eher im verborgenen, die Hammelburger sorgen weltweit für Aufmerksamkeit. Rund 170 000 Besucher habe die Seite www.storchencam.de in den vergangenen Wochen gehabt, berichtet Fenn. Tagsüber beobachteten im Schnitt 30 bis 40 Storchen-Freunde zeitgleich den Livestream, darunter auch Kindergärten, Schulen oder Arzt-Praxen. Die gesamte Ausrüstung streckte Christian Fenn aus eigener Tasche vor, zum Teil gab es private Unterstützung.

Auch beim Füttern hat sich Fenn beteiligt: Nach ersten Versuchen mit einer Zange baute er einen Mechanismus, mit dem in kurzer Zeit viele tote Küken und Mäuse samt Flüssigkeit ins Nest gebracht werden. Die Konstruktion aus zwei Stangen und einem Stück Rohr habe er so gebaut, dass die Helfer vom Dachstuhl aus füttern können. "Eigentlich muss man gar nicht so nah ran ans Nest", wundert sich Fenn, dass sich Elisabeth Assmann für die Fernsehkameras halb aus dem Dach lehnt.

Was den Einfluss der Kamera auf den Blitzeinschlag angeht, gibt es auch innerhalb des LBV unterschiedliche Meinungen: "Ich sehe es nicht so, dass die Kamera da einen Einfluss hatte", sagt Hans Schönecker, der seit zehn Jahren Storchenbeauftragter im LBV-Kreisverband Coburg ist. In dieser Funktion betreut er auch das Storchennest auf der Frankentherme in Bad Königshofen. Dort wurde im Herbst in Abstimmung mit dem LBV ein Storchennest gebaut, bei dem eine Kamera in einem Meter Höhe fest installiert ist. Alles aus Metall. "Die Kamera ist die höchste Stelle weit und breit", berichtet Schönecker. Trotzdem hält er einen Blitzeinschlag für extrem unwahrscheinlich, und: "Es gibt natürlich auch Blitzeinschläge in Nester ohne Kamera, Störche wollen nun einmal eine exponierte Lage." Hans Schönecker hat jedenfalls keinerlei fachliche Bedenken: "Die Störche können in alle anderen Richtungen wegfliegen", sagt er zu den Einschränkungen. Zudem würden sich die Jungen gut entwickeln. Er schätze den Nutzen der Kamera höher ein als die Beeinträchtigung. Der LBV habe deshalb auch eine Webcam im Wanderfalken-Horst in der Coburger Moritzkirche betrieben.

Marion und Dieter Poschau sind sich einig: "Hammelburg ist unsere zweite Heimat." Drei bis vier Mal im Jahr fahren sie mit ihrem Wohnmobil die rund 150 Kilometer aus dem Hochtaunus ins Saaletal. Aber auch daheim ist Hammelburg ganz nah: "Die Störche sind bei uns auf dem Sperrbildschirm", erzählt Dieter Poschau. Und wenn er den Internet-Browser öffnet, erscheint die Seite www.storchencam.de. Täglich haben sie die Live-Bilder verfolgt, beteiligten sich sogar spontan mit 200 Euro an den Kosten für die Technik. Nach dem Blitzeinschlag informierten sie sich gleich über das Schicksal der Jungen und fieberten mit. "Wir würden uns freuen, wenn es wieder eine Kamera am Storchennest geben könnte", sagt Dieter Poschau.

Die Kreisvorsitzenden des Bund Naturschutzes und des Landesbundes für Vogelschutz, Franz Zang und Dieter Fünfstück, sowie BN-Mitglied Ulf Zeidler sehen das ganz anders: "Bei allem Verständnis für verbesserte Beobachtungsmöglichkeiten des Nestgeschehens: die ungestörte und sichere Jungenaufzucht hat Vorrang", sprechen sie sich in einem gemeinsamen Brief gegen eine Kamera am Nest aus, und: "Information und Vermarktungsaspekte der Störche sind nachvollziehbar, aber das darf nicht auf Kosten der Vögel gehen." Deshalb rufen die drei Naturschützer die Behörden dazu auf, "derartige Eingriffe in Zukunft zu untersagen".

"Privat-Vergnügen von Christian Fenn"

"Uns ist das Wohl der Tiere wichtig", betont Elisabeth Assmann, Mitarbeiterin der BN-Kreisgruppe und gleichzeitig 2. Bürgermeisterin in Hammelburg. Die Storchencam sei "keine städtische Kamera, sondern das Privat-Vergnügen von Christian Fenn". Sie sei nicht grundsätzlich gegen eine Kamera, nur eben nicht direkt am Nest. Bis zum vergangenen Jahr hatte Fenn die Kamera im Turm der katholischen Stadtpfarrkirche installiert. Eine ähnliche Lösung kann sich Assmann erneut vorstellen. "Der Mönchsturm gehört zwar der Stadt, aber die Entscheidung, ob dort eine Kamera aufgebaut werden darf, liegt bei den Naturschutzbehörden." Ansonsten mische sich der Bund Naturschutz nicht in die Kamera-Technik ein, sondern kümmere sich um die Fütterung der drei Jungstörche.

Laut Matthias Franz von der Unteren Naturschutzbehörde liegt die Entscheidung bei der Höheren Naturschutzbehörde an der Regierung von Unterfranken. Aus seiner Sicht entwickeln sich alle drei Jungstörche gut, die Fütterung mit Küken und Mäusen aus dem Tierpark Klaushof laufe wie erhofft. Franz beobachtete auch die kräftigen Flügelschläge und ersten Flugversuche: "Wahrscheinlich handelt es sich um einen der beiden älteren Vögel", schätzt der Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde, und: "Er ist siebeneinhalb Wochen alt und damit ein paar Stunden älter als das mittlere Storchgeschwisterchen." Das jüngste Storchenkind schlüpfte vor sieben Wochen. Das Geschlecht der Jungstörche ist laut Landratsamt nicht bekannt.

"Ob aus Gründen der Vorsicht beziehungsweise Vorsorge sicherheitshalber auf die Kamera direkt am Nest verzichtet werden sollte, wird noch geklärt", teilte die Regierung von Unterfranken am Freitag auf Nachfrage mit. An Spekulationen zum Unglück beteiligt sich die Höhere Naturschutzbehörde nicht: "Über die Ursachen des Blitzeinschlags liegen auch uns keine gesicherten Erkenntnisse vor." Die Storchen-Kamera in Bad Königshofen kennt die höhere Naturschutzbehörde bislang gar nicht, will den Fall aber prüfen: "Ohne Zweifel bieten derartige Kameras für jeden Naturliebhaber einen wichtigen Einblick in das jeweilige Brutgeschehen", teilt die Regierung von Unterfranken mit, aber: "Gefährdungen der jeweiligen Art sollten jedoch tunlichst vermieden werden."

Die Höhere habe der Unteren Naturschutzbehörde die langjährige bayerische Storchenexpertin Oda Wieding vom LBV in Hilpoltstein vermittelt. Zudem sei gemeinsam festgelegt worden, dass die Jungstörche bis zum Ausfliegen in rund zwei Wochen auf dem Nest gefüttert werden. "Nach dem Ausfliegen der Störche wird entschieden, ob sie noch eine kurze Zeit weiter gefüttert werden müssen, bis sie dann nach Süden abfliegen", heißt es aus Würzburg.

"Viel Hammelburger Innenpolitik"

Der Bund Naturschutz verweist darauf, dass die Stadt vor etwa 30 Jahren die Nistplattform für Störche auf dem Hammelburger Mönchsturm montierte. "Bis jetzt hat dort nie ein Blitz eingeschlagen, deshalb ist Ulf Zeidler davon überzeugt, dass die Kamera die Ursache für den Blitzeinschlag ist", betont BN-Kreisvorsitzender Franz Zang. Nachweise habe aber auch er nicht. Das Schreiben sei unter anderem deshalb entstanden, weil sich der Bund Naturschutz nach dem Unglück sehr viel Arbeit gemacht habe, um den Jungstörchen zu helfen. Auch wenn der Brief "viel Hammelburger Innenpolitik" enthalte, stehe er zu dem Vorgehen, sagt Zang auf Nachfrage.

Die Livebilder aus dem Hammelburger Storchennest kennt auch Dr. Joachim Schneider, Leiter des Naturerlebniszentrums Rhön. Aus Sicht der Umweltbildung begrüße er das niederschwellige Angebot: "Jeder kann jederzeit und frei reinschauen." Die Menschen würden vor allem das schützen, was sie kennen, laute der Grundsatz der Umweltbildung. Allerdings könne er die Folgen nicht abschätzen: "Das Projekt ist aus Bildungssicht interessant, aber der Nistplatz darf nicht gestört werden", stellt Schneider klar.

Dazu ein Kommentar von Ralf Ruppert:

Kampf um die Deutungshoheit

Die Störche auf dem Mönchsturm und deren Beobachtung spalten nicht nur die Stadt. Die einen saßen gebannt vor dem Monitor, die anderen waren von Anfang an gegen die Kamera und machen sie jetzt für den Blitzeinschlag verantwortlich. Obwohl alle Beteiligte eigentlich das gleiche wollen, nämlich mehr Störche im Saaletal, wächst sich der Streit zu einer echten Provinzposse aus: Christian Fenn und die Fans seiner Kamerabilder auf der einen Seite, die etablierten Naturschutz-Verbände und Behörden auf der anderen. Das Schlimme daran: Leider wird nicht mit-, sondern übereinander geredet. Statt eines Gesprächs mit Fenn fuhren Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz gleich große Geschütze auf, wollten in einem Leserbrief ihre unbewiesenen und zum Teil auch unhaltbaren Vorwürfe ungefiltert veröffentlichen.

Am Ende des Tages geht es dabei vor allem um Macht: BN und LBV reklamieren die Deutungshoheit für sich, schließlich werden sie ja als Träger öffentlicher Belange auch in demokratischen Verfahren gehört. Was sie nicht wollen, darf nicht sein. Wer das Wort Naturschutz im Namen trägt, legt auch fest, was Naturschutz ist.

Dass die Definition von Naturschutz allerdings nicht ganz so einfach ist, hat der LBV-Kreisverband erst vor zwei Jahren schmerzhaft erfahren: 2019 war der LBV-Kreisvorsitzende Norbert Schmäling nach nur 34 Wochen aus dem Amt gejagt worden, weil er sich erdreistet hat, Klimaschutz gegen Artenschutz aufzuwiegen: Sind Windräder vielleicht doch gut für Ökosysteme als Ganzes, auch wenn dort Vögel sterben? Das ist ein Dilemma, für das es keine einfache Lösung gibt.

Bei der Storchencam auf dem Mönchsturm ist es ähnlich: Die Live-Bilder haben viele in Hammelburg und weit darüber hinaus begeistert und zu Storchen-Fans gemacht.

Wer weiß: Wenn der Bund Naturschutz das nächste Mal eine Wiese an der Saale kaufen und zum Lebensraum (auch für Störche) umwandeln will, treffen sie vielleicht auch deshalb auf offenere Ohren, weil der Eigentümer die Störche live beobachtet hat? Der Freistaat Bayern gibt jedes Jahr Millionen Euro für Umweltbildung aus, woanders scheitern Nestbeobachtungen, weil das Geld fehlt. Christian Fenn und seinen privaten Einsatz so öffentlich anzugreifen, zeugt von der Überheblichkeit der Verbände, die Naturschutz ausschließlich mit Artenschutz gleich stellen und dabei den Aspekt der Umweltbildung ausblenden. Und der persönliche Nicht-Umgang mit Fenn zeigt leider allzu deutlich, dass nicht jeder, der die Schöpfung schützt, auch Respekt vor den Gefühlen seiner Mitmenschen hat.

r.ruppert@infranken.de