• Worum geht es bei dem Konflikt?
  • Was sind die Streitpunkte?
  • Warum ist der Konflikt für die NATO besonders brisant? 
  • Was bedeutet er für die EU?
  • Kann man den Konflikt lösen?
  • Droht hier ein Krieg?

Zwischen dem EU-Mitgliedsstaat Griechenland und dem EU-Anwärter Türkei schwelt lange schon ein Konflikt. Besonders brisant: Beide Staaten gehören der NATO an. Doch worum geht es eigentlich genau? Wie könnte man den Konflikt beilegen? Und was würde ein offener Krieg für die NATO und die EU bedeuten?

Türkei und Griechenland – Zwei Länder im Konflikt

Zwei Länder. Zwei Kontinente. Während Griechenland in Europa liegt, liegt die Türkei fast komplett in Asien. Nur drei Prozent der Landfläche der Türkei liegt in Europa, Istanbul liegt dabei als einzige Stadt der Erde auf zwei Kontinenten. Das Mamarameer und zwei Meerengen trennen den europäischen vom asiatischen Teil ab. Demzufolge liegen auch fast alle Grenzen zu Griechenland im Meer. Nur auf Zypern und entlang des Flusses Evos grenzen die beiden Länder aneinander. Und genau an dieser Grenze gibt es Spannungen, die allerdings aus einem anderen Grund auftreten. 

Türkei und Griechenland streiten über den Status von Inseln im nordöstlichen Mittelmeer, genauer gesagt um die Inseln Lesbos und Samos. Laut internationalen Verträgen, die nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg geschlossen wurden, und in denen zunächst das Osmanische Reich und später Italien etliche Inseln an Griechenland zurückgeben mussten, darf dort kein Militär stationiert werden. Die Türkei hat mittels Bildern, welche von Drohnen aus gemacht wurden, belegt, dass gepanzerte Fahrzeuge nach Lesbos und Samos, welche offiziell zu Griechenland gehören, gebracht worden sind. Die griechische Regierung bestreitet dies nicht, sondern macht das Selbstverteidigungsrecht geltend, da die Türkei angeblich auf gegenüberliegenden Inseln Landungsboote für einen Angriff stationiert habe. Die Türkei wiederum beschuldigt Griechenland, durch die Aktionen gegen die Auflagen zu verstoßen, unter denen es die Inseln erhalten habe, und stellt deshalb den griechischen Anspruch infrage – und zwar auf die Inseln Lesbos, Chios, Samos und Ikaria sowie auf die Dodekanes-Inseln, die ebenfalls vor der türkischen Küste liegen, darunter auch die größte davon: Rhodos.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beruft sich auf zwei Verträge. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Griechenland zu den Siegermächten gehört. Im Vertrag von Sévres 1920 wurde das Osmanische Reich, das zu den Verlierern gehörte, auf Kleinasien reduziert. Doch Griechenland wollte mehr und zettelte einen Krieg gegen das Osmanische Reich an, der damit endete, dass Kemal Pascha (bekannt als Kemal Atatürk) und seine Truppen siegreich gegen die Griechen waren. Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurden die Grenzen der neuen Republik Türkei festgelegt. Damit fielen die Inseln Lesbos, Samos, Chios und Ikaria an Griechenland. Im Vertrag von 1947 musste Italien die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten. Da Athen jetzt widerrechtlich auf den Inseln Militär stationiert habe, wäre dies ein Bruch des Vertrages und damit stünde die griechische Souveränität über die Inseln infrage. Griechenland hingegen behauptet, die einzige Differenz mit der Türkei sei die Abgrenzung der Meereszonen beider Länder, nämlich des Festlandsockels und der Ausschließlichen Wirtschaftszone. Das Problem ist, dass beide Länder unterschiedliche Auslegungen vorbringen. Griechenland argumentiert, dass auch Inseln diese Meereszonen beanspruchen können, was nach dem Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen möglich wäre. Die Türkei hingegen verneint dies jedoch vehement.

Worum geht es in Wahrheit?

Durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine sind weltweit die Gaspreise in die Höhe geschossen. Dies spüren auch Griechenland und die Türkei. Um dem entgegenzuwirken und die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu beenden, suchen beide Länder nach eigenen Gasvorkommen. Und wurden fündig. Vor allem um die Insel Kastelorizo werden große Mengen an Gas vermutet. Eine kleine Insel mit gerade mal 500 Einwohnern, mehr ein Felsen als eine Insel. Die Lage der Insel ist jedoch prekär: Sie liegt nur drei Kilometer vor der türkischen Küste und 125 Kilometer von der nächsten größeren griechischen Insel Rhodos entfernt. Allerdings gehört sie faktisch zu Griechenland. Und genau damit will Erdogan sich nicht abfinden. Bereits 2020 ließ der türkische Präsident dort Probebohrungen vornehmen, unterstützt von türkischen Kriegsschiffen.

Doch nicht nur dort, sondern im gesamten östlichen Mittelmeerraum wurden Gasvorkommen entdeckt. Diese sollen etwa dem fünfzigfachen Jahresverbrauchs Frankreich entsprechen. Weitere 3,5 Billionen Barrell sollen zwischen Zypern, Ägypten, Israel und dem Libanon schlummern, dazu noch etwa 1,7 Milliarden Barrell Rohöl. Diese Vorkommen bedeuteten bereits vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gewaltige Gewinne, die jetzt noch gewaltiger erscheinen. Wer in der Lage ist, diese auszubeuten, dem winken am Ende weitere wirtschaftliche Gewinne, da sich andere Staaten ihnen zuwenden. 

Griechenland setzt bei der Ausbeutung dieser Rohstoffe auf eine Kooperation mit Zypern, Israel und Ägypten und schließt die Türkei dabei aus. Erdogan hingegen sieht sich als alleiniger Inhaber dieser Bodenschätze. Dies ist aus dem Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1982 begründet, welches eine "Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ)" vorsieht. Dem Küstenstaat wird das alleinige Recht zur Ausbeutung von Bodenschätzen eingeräumt. Diese AWZ erstreckt sich von der Küstenlinie bis zu einer Grenze von 200 Seemeilen, liegt die Küste eines anderen Landes näher, gilt die rechnerische Mitte als Grenze. Die Türkei fühlt sich daran nicht gebunden, da sie diese Vereinbarung nicht unterschrieben hat und argumentiert, dass der Kontinentalsockel, der sich vor der türkischen Küste erstreckt, ausschlaggebend sei. Dieser Sockel verschaffe ihr eine AWZ und damit das Recht auf die Bodenschätze, auch vor den zu Griechenland gehörenden Inseln. 

Welche Rolle spielt Zypern?

Die Insel Zypern ist seit der türkischen Invasion geteilt. Nun liegt aber gerade vor Zypern ein Gasfeld, "Aphrodite", in dem nach Schätzungen etwa 510 Milliarden Kubikmeter Gas lagern sollen. Doch durch die Teilung der Insel in einen griechischen und einen türkischen Teil ist die Ausbeutung schwierig. Sowohl Griechenland als auch die Türkei beharren darauf, dass Zypern in ihrer AWZ liegt. Während der griechische Teil der Insel als Republik Zypern international anerkannt ist (außer durch die Türkei), so ist der türkische Teil, die Türkische Republik Nordzypern, nur von Ankara anerkannt worden. Dazu kommt ein Abkommen mit Libyen, welches das östliche Mittelmeer in zwei Zonen aufteilt und die Suche nach Erdgas durch beide Länder festlegt.

Die Türkei hat einseitig ihre Meereszonen mit dem besetzten Teil der Insel festgelegt. Sie bestreitet, dass Zypern einen eigenen Festlandsockel habe und beansprucht daher eine eigene AWZ für die Insel und sieht das Problem darin, dass die EU den griechischen Teil Zyperns in die Gemeinschaft aufgenommen hat. Sowohl die USA als auch Russland haben Interessen, welche den Konflikt noch weiter verschärfen. Russland versucht, nach seinem massiven militärischen Engagement in Syrien auch in Libyen Fuß zu fassen. Trump hatte, entgegen aller Erwartungen, sich auf die Seite der Türkei gestellt. Der amtierende Präsident Joe Biden hingegen steht wieder auf Seite Griechenlands. 

Doch droht wirklich ein Krieg zwischen Griechenland und der Türkei? Und welche Folgen hätte dies? Beide Länder sind Mitglieder der NATO. Die versucht, sich möglichst neutral zu verhalten. Doch der Unmut über die Politik Erdogans wächst. Der türkische Präsident blockiert nicht nur die Aufnahme Schwedens und Finnlands in die NATO, er liebäugelt mit einem Beitritt zur Shanghaier Organisation für Kooperation. Dabei handelt es sich um eine Art "Anti-Nato". Mitglieder sind u.a. Russland, China und der Iran. Auch die Bundesregierung befindet sich in der politischen Zwickmühle. Unter Angela Merkel war man stets darauf bedacht, Erdogan nicht zu verärgern. Annalena Baerbock, amtierende Außenministerin, stellt sich jedoch auf die Seite Griechenlands, ganz wie die USA. Frankreich hat mit Griechenland ein Verteidigungsabkommen geschlossen. Darin verpflichten sich beide Länder, einander militärisch Beistand zu leisten, wenn eines von ihnen angegriffen wird. Somit würde, sollte die Türkei versuchen, mit militärischer Gewalt eine oder mehrere der umstrittenen Inseln in seine Gewalt zu bringen, ein multinationaler Konflikt drohen. 

Wie geht es weiter?

Die Situation ist im Moment scheinbar verfahren. Beide Seiten beharren auf ihren Standpunkten. Zusätzlich wird die Krise durch die Entscheidung der griechischen Regierung, den Grenzzaun im Nordosten des Landes von 35 Kilometern um 80 Kilometer zu verlängern, verschärft. Damit, so der griechische Migrationsminister Notis Mitarkis, wären alle Gebiete abgesichert, die zu Fuß passiert werden könnten.

Gebaut wurde der Zaun bereits 2012. Im letzten Jahr hatten zehntausende Asylsuchende versucht, über diese Grenze nach Griechenland und damit in die EU einzureisen. Hintergrund ist, dass die Türkei in der Vergangenheit erklärt hatte, man würde Migranten nicht länger am Grenzübertritt hindern. 

Ein Einlenken einer Seite scheint aktuell nicht in Sicht zu sein. Im September hat die griechische Küstenwache Warnschüsse auf ein türkisches Schiff abgegeben, welches sich nahe der Insel Lesbos innerhalb der griechischen Hoheitsgewässer bewegt hat. Der Kapitän des Schiffes hatte sich vorher geweigert, eine Kontrolle vornehmen zu lassen und sei dann in türkische Gewässer gefahren. Weiterhin soll Griechenland ein aus Russland stammendes Abwehrsystem genutzt haben, um türkische Kampfflieger per Radar zu verfolgen und zu bedrohen, was Griechenland vehement bestreitet. Der türkische Präsident Erdogan droht Griechenland unverhohlen mit massiven Maßnahmen

Fazit

Unter all den Krisenherden rund um den Globus ist dieser derjenige, der durch die Besonderheit, dass beide Länder in der NATO sind, für Europa die höchste Brisanz darstellt. Es geht dabei nicht nur um Erdgas, sondern auch um die bisher ungelösten Probleme, welche die Teilung Zyperns mit sich bringt. Wenn aus dem Konflikt ein offener Krieg werden sollte, steht die NATO vor dem Problem, dass sich zwei ihrer Mitglieder bekämpfen. Was dann geschieht, darüber kann zurzeit nur spekuliert werden. Tatsache ist allerdings, dass gerade durch den Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Problem mit der Gasversorgung eine diplomatische Lösung dringend erforderlich ist.