Nürnberg
Gesetzgebung

Werbung der Erlanger Samenbank zur Samenspende: Deshalb sind die Spenderkinder wütend

Ab 1. Juli gibt es ein Samenspenderregister. Die Erlanger Samenbank hat dazu eine Werbekampagne gestartet, die Spenderkinder wütend macht.
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Über 100 000 Kinder wurden in Deutschland durch Samenspenden gezeugt. Das bleibt emotional nicht ohne Folgen. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa
Über 100 000 Kinder wurden in Deutschland durch Samenspenden gezeugt. Das bleibt emotional nicht ohne Folgen. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa
Leonard F. (der Name ist der Redaktion bekannt) war der erste, der in Nürnberg die großflächigen Werbeplakate der Erlanger Samenbank entdeckte. Darauf wird mit Helden wie James Bond für Samenspende geworben und auf das neue Samenspenderregistergesetz aufmerksam gemacht, das zum 1. Juli 2018 in Kraft tritt. Leonard F. und sein Verein "Spenderkinder" kritisieren diese Kampagne. Im Interview erklärt F., was ihn an der Werbung empört und stört.

Herr F., Sie waren derjenige, der die Werbekampagne in Nürnberg entdeckt hat. Was haben Sie danach getan?
Ich bin Mitglied im Verein "Spenderkinder" und habe die anderen Mitglieder des Vereins auf die Werbung aufmerksam gemacht. Zunächst sendete ich nur das Bild mit Bitte um Meinungsäußerung,
weil ich die Meinung der anderen nicht beeinflussen wollte. Aber auch die anderen Mitglieder fanden die Werbung kritikwürdig.
Hier einige der Punkte, die von den anderen kritisiert wurden:
* Die Werbung thematisiert nur die zukünftigen Eltern und ihre Wunschrollen unter dem Motto "Familienglück für Paare, Sicherheit für Spender". Die Kinder werden nicht thematisiert.
* Manche Spenderkinder fragen sich noch viel grundsätzlicher, warum für Samenspende überhaupt geworben werden muss. Schließlich wird damit etwas so Fundamentales wie eine Eltern-Kind-Beziehung kommerzialisiert.
* Weiterhin wurde im Verein die Darstellung des Samenspenders als junger attraktiver Held sehr negativ empfunden, da sie die sozialen Väter im Umkehrschluss abwertet. Als Mann ist es bereits schwierig genug zu seiner Unfruchtbarkeit zu stehen, wenn man dann noch der Hilfe eines so heteronormativen Rollenbildes bedarf, wie sehr sticht diese Darstellung dann noch mehr in diese Wunde? Wenn der genetische Vater als Held dargestellt wird - wie darf man sich dann den sozialen Vater vorstellen - als Verlierer, Opfer, Versager?

Was ist nach Ihrem Vorstoß im Verein weiter geschehen?
Wir haben bis jetzt keine offiziell an uns gerichtete Antwort von Herrn Dr. Hammel, dem Leiter der Samenbank, erhalten, obwohl wir ihm eine E-Mail geschrieben haben. Frau Meier-Credner vom Vorstand unsere Vereins hat einen Beitrag verfasst, der sich auf unserer Webseite finden lässt. Die Erlanger Samenbank hat versucht, den Heldenbegriff auf ihrer Facebook-Seite umzudeuten. Die Kinder, die aus einer Samenspende entstehen und ihr Interesse an ihrem genetischen Vater werden aber weiter nicht in der Werbung erwähnt. Deswegen finde ich die Reaktion der Samenbank Erlangen unzureichend. Und sie ist im Einklang mit der Art, wie viele Reproduktionsmediziner jahrzehntelang mit Spenderkindern umgegangen sind, nämlich gar nicht. Sie wurden überhaupt nicht in ihren Bedürfnissen ernst genommen.

Was genau ist Ihre Kritik?
Mich macht die Werbung von Herrn Dr. Hammels Praxis sehr wütend. Sie verschleiert meiner Meinung nach mit Absicht und um potenzielle Spender nicht zu verunsichern, worum es in einer Samenspende wirklich geht.

Was bedeutet eine Samenspende in Ihren Augen?
Eine Samenspende bedeutet, dass ein Mensch aus ihr hervorgeht mit Bedürfnissen und höchstwahrscheinlich mit dem Wunsch, früher oder später seinen/ihren leiblichen Vater kennen zu lernen. Die Werbung suggeriert stattdessen eine einmalige Rettungsaktion und stilisiert den genetischen Vater zum Superhelden. Jedes Mal, wenn ich auf meinem Weg durch die Stadt mit der Werbung konfrontiert werde, versetzt mir das einen Stich.

Weil die Rechte von Spenderkindern lange übergangen wurden?
Ja. Noch heute habe ich das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, dass mir auch meine biologischen Wurzeln wichtig sind. Samenspende bedeutet, dass eine Familie zu dritt, also mit einer weiteren Person, gegründet wird. Das machen sich viele Beteiligte nicht bewusst. Viele Wunscheltern legen Wert darauf, dass ihre Familie "ganz normal" ist. Aber im Kind schlummern auch die Anlagen des genetischen Vaters. Wir wissen heute, dass Kinder darüber aufgeklärt werden sollten und dass dieser Mann vielen Kindern wichtig ist. Für die Kinder wäre es schön, wenn sie auch ihrem genetischen Vater wichtig wären. Die Werbung entspricht dem alten Muster. Das Kind, das durch die Samenspende gezeugt werden soll, wird nicht erwähnt. Es fällt einfach weg. Bei meiner Zeugung haben sich meine Eltern keine Gedanken darüber gemacht, dass ich vielleicht das Bedürfnis haben könnte, meinen biologischen Vater zu treffen. Keiner hat nur darüber nachgedacht, was das alles für mich bedeutet. Es ging einfach nur um die Wunscherfüllung meiner sozialen Eltern.

Die Samenbank betont aber, dass sie sehr transparent mit dem Thema umgeht und sich für die Rechte der Spenderkinder einsetzt.
Die Werbung enttäuscht mich besonders, weil ich von Herrn Dr. Hammels Praxis viel gehalten habe, da er seit Gründung einen transparenten Weg der Samenspende geht. Herr Dr. Hammel klärt auf seiner Webseite auch umfassender über die Konsequenzen von Samenspende auf. Die Werbung enttäuscht mich, weil sie eher das Bild des unbeteiligten Dritten bedient. Interessant ist hierzu auch die Reportage "Risiko Samenspende" (ARD). Sie zeigt einen Spender aus Herrn Dr. Hammels Praxis, der von Dr. Hammel darüber aufgeklärt wurde, dass die Kinder ihn vermutlich später mal kennenlernen möchten. Ein paar Jahre später ist dem Mann wohl erst klar geworden, was das emotional für ihn bedeutet und dass er sich mit den Kindern eigentlich doch nicht konfrontieren möchte. Der interviewte Spender evaluiert die zusätzlichen Stunden, die er mit den Kindern verbringen "muss" und kommt dann zu dem Ergebnis, dass es sich finanziell nicht gelohnt hat. Was für eine furchtbare Betrachtung. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht das Kind dieses Samenspenders bin. So einen Satz aus dem Mund meines biologischen Vaters zu hören, würde mich unheimlich verletzen... Das veranlasst mich zu fragen, wie viel Herr Dr. Hammels Informationsmaßnahmen für die genetischen Väter letztendlich und tatsächlich bringen.

Aber wenn Passanten die Werbung sehen, informieren sie sich doch vielleicht weitergehend auf der Internetseite der Samenbank über das Thema?
Am schlimmsten finde ich, dass viele Menschen, die die Plakate sehen, die Webseite vermutlich gar nicht besuchen werden. Sie werden nicht mit der Perspektive der Kinder konfrontiert. Sie sehen das Plakat und haben dann weiterhin nur die Wunscheltern und den Spender im Kopf. Damit wird perpetuiert, was sowieso schon in so großem Maßstab stattfindet: Die entstehenden Kinder und ihre Bedürfnisse werden missachtet.

Wie bewerten Sie die Gesetzesänderung, die am 1. Juli 2018 in Kraft tritt?
Ich freue mich, dass es endlich eine gesetzliche Regelung gibt. Das Grundgesetz sieht ja bereits ein Recht zur Kenntnis der eigenen Abstammung vor. Unklar war bislang aber, wie genau die Kinder Auskunft erhalten können und wie lange die Unterlagen aufbewahrt werden müssen. Gut finde ich, dass der Spender nicht auf Unterhalt oder ähnliches verklagt werden kann oder die Kinder auf Unterhaltspflicht (das wird ja gerne vergessen). Dies schafft Klarheit für die Spender und nimmt ihnen die Angst, dass Spenderkinder sich nur aus finanziellen Gründen an sie wenden. Dies ist übrigens wirklich ein furchtbarerer Mythos. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem es einem Kind um Unterhalt oder ähnliches ging. Spenderkinder möchten einfach nur wissen, von wem sie abstammen.

Bezieht das Gesetz alle aus Ihrer Sicht wichtigen Aspekte ein?
Es bietet keine rückwirkende Aufnahme von Daten in das Samenspenderregister. Das bedeutet, dass alle zuvor gezeugten Menschen sich weiterhin mit dem entsprechenden Arzt oder der Klinik und ihren Eltern auseinandersetzen müssen. Das schafft eine sehr hohe Hürde, für Spenderkinder die Auskunft erhalten wollen, da es viele Ärzte immer noch auf Gerichtsverfahren ankommen lassen. Das Gesetz sieht weiterhin nicht vor, dass die Anzahl der durch einen Spender gezeugten Kinder begrenzt wird.

Warum wäre eine solche Begrenzung wichtig?
Sie verringert erstens die Wahrscheinlichkeit einer sexuellen Beziehung mit einem Halbgeschwister. Zweitens erhöht sie die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spender bereit ist, Kontakt zu seinen biologischen Kindern aufzunehmen, da er nicht mit einer unheimlich hohen Kinderzahl konfrontiert ist. Drittens stellt sie die Wahrnehmung der einzelnen Menschen als Individuen auch für Halbgeschwister sicher, da ein Kontakt zu einer unübersichtlich großen Anzahl an Halbgeschwistern dies sehr erschwert.

Wie ist die Kinderzahl derzeit geregelt?
Gegenwärtig gibt es zwar eine Richtschnur von 10 bis 15 Kindern pro Samenspender. Faktisch lässt sich das aber nicht überprüfen. Ein Spender kann einfach die Samenbank wechseln, da diese ihre Informationen nicht austauschen. Auch haben viele Kliniken von ihren Patient*innen in der Vergangenheit nicht erfahren, ob wirklich Kinder durch die Samenspende entstanden ist. Daher könnte vermutet werden, dass häufig deutlich mehr als 10 bis 15 Kinder pro Spender gezeugt werden. Auch für die Samenspender wäre es wichtig zu wissen, wie viele Kinder durch sie entstanden sind, da es für sie eine große Unsicherheit bedeutet, nicht zu wissen, wie viele Kinder sie eigentlich haben. Das weiß ich aus eigenen Gesprächen mit Samenspendern.

Wie könnte das Ihrer Meinung nach verbessert werden?
Meiner Meinung nach sollte die Abstammung vom genetischen Vater im Geburtenregister eingetragen werden. Dies wäre ein wichtiger Anreiz für Wunscheltern, ihre Kinder aufzuklären. Bei Adoptierten werden die leiblichen Eltern im Geburtsregister eingetragen. Seitdem ist die Aufklärungsrate im Adoptionsbereich wesentlich höher. Noch immer sind laut einer internationalen Metastudie nur ca. 20 Prozent der Spenderkinder über ihre Abstammung aufgeklärt. Zwar kann keine Maßnahme die Eltern zu Aufklärung zwingen, aber die Eintragung ins Geburtenregister würde den Druck auf die Wunscheltern erhöhen. Schließlich könnte das Spenderkind jederzeit selber herausfinden, dass es auf diese Weise entstanden ist, was vermutlich negative Konsequenzen für die Familiendynamik nach sich ziehen würde. Die Eintragung im zentralen Samenspenderregister ist keine Alternative. Sie setzt voraus, dass Spenderkinder einen Anfangsverdacht zu ihrer Zeugung haben müssen. Ich wäre nie im Leben auf die Idee gekommen in einem Samenspenderregister nachzuschauen, geschweige denn auf die Idee, dass ich ein Spenderkind bin.

Wie stellt man sich das vor: Plötzlich erfährt man, dass der Vater gar nicht der biologische Vater ist?
Für die meisten durch Samenspende gezeugten Menschen, die von ihrer Abstammung erst als Erwachsene erfahren haben, stellt die Erkenntnis des jahrelangen Verschweigens durch die Eltern eine schmerzhafte Erfahrung dar. Gleichzeitig empfinden diese Menschen eine späte oder zufällige Aufklärung dennoch auch als befreiend und als Erleichterung. Genauso war es bei mir auch.

Werden die Wunscheltern Ihrer Ansicht nach ausreichend beraten?
Sie sollten vor der Inanspruchnahme einer Samenspende zu einer einmaligen unabhängigen psychosozialen Beratung bzw. Aufklärung verpflichtet werden. Viele Wunscheltern, so auch meine, waren und sind sich nicht im Klaren welche lebenslange Tragweite ihre Entscheidung hat. Sie machen sich nicht endgültig bewusst, dass sie niemals ein leibliches Kind haben werden und versuchen einfach das Leben einer "normalen" Familie zu leben. Eine verpflichtende unabhängige psychosoziale Beratung vor einer Samenspende könnte auf mögliche systemimmanente Probleme innerhalb einer Familie aufgrund der Samenspende hinweisen und zu einer Lösung beitragen. Auch sollte die Beratung die Notwendigkeit der frühen Aufklärung des Kindes über seine Zeugungsweise betonen und über das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung informieren. Den Wunscheltern sollte außerdem angeboten werden, auch nach der Geburt weiterhin eine psychosoziale Beratung in Anspruch zu nehmen.
Das Gespräch führte Irmtraud Fenn-Nebel.
Hier lesen Sie die ausführliche Stellungnahme des Vereins Spenderkinder zur Gesetzgebung.
Mehr Infos zur Erlanger Samenbank gibt es hier.