Vor einem Jahr wurden die Leistungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen spürbar ausgeweitet, weitere Verbesserungen soll das zum 1. Januar 2016 in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz II bringen. Was von der Politik in der Theorie gut klingt, muss in der Praxis erst noch ankommen: Die enorme Resonanz auf die Telefonaktion dieser Zeitung zum Thema "Pflege" zeigte, wie groß der Informationsbedarf ist - und dass viele Menschen gern mehr über ihre Probleme sprechen würden.

Bei unserem Leser-Experten-Forum standen zwei Fachleute Rede und Antwort, die seit Jahrzehnten in der Pflege arbeiten: Maria Firsching, Pflegedienstleiterin bei der Caritas Bamberg, und Diakon Wolfgang Streit, Abteilungsleiter Altenhilfe bei der Diakonie Bamberg-Forchheim. Im Folgenden eine Zusammenfassung der wichtigsten Fragen und Antworten der Telefongespräche.

Welche Ansprüche habe ich als Angehöriger, wenn in meiner Familie ein Pflegefall eintritt?
Angehörige können spontan eine zehntägige, bezahlte Auszeit nehmen. Um einen Angehörigen in häuslicher Umgebung zu pflegen, können Beschäftigte außerdem bis zu sechs Monate teilweise oder ganz aus dem Job aussteigen (nur bei Firmen mit mehr als 15 Arbeitnehmern). Für bis zu zwei Jahre kann man die Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden reduzieren (in Firmen mit mehr als 25 Beschäftigten). Außerdem erhalten Beschäftigte in der Pflegezeit auf Antrag ein zinsloses Darlehen.

Mein Mann hat Pflegestufe I, ich würde gern eine Höherstufung beantragen. Wie soll ich vorgehen?
Stellen Sie einen Pflegeantrag bei der Pflegekasse. Wenn Sie schon einen Pflegedienst beauftragt haben, bitten Sie ihn um Unterstützung. Die Mitarbeiter dort wissen, worauf es im Gespräch mit dem Gutachter ankommt. Wer Leistungen bei der Pflegeversicherung beantragt, erhält ohnehin automatisch das Angebot für eine Pflegeberatung. Als pflegender Angehöriger haben Sie durch das Pflegestärkungsgesetz II seit 1. Januar auch einen eigenen Anspruch auf Pflegeberatung.

Was muss ich machen, wenn zum 1. Januar 2017 die Umstellung von der Pflegestufe auf den Pflegegrad erfolgt?
Die Umstellung erfolgt automatisch durch die Kasse. Die Pflegestufe 0 wird entfallen, die Betreffenden werden in Pflegegrad 1 eingestuft. Wer in Pflegestufe 1 ist, kommt automatisch in Pflegegrad 2 und so weiter. Bei Demenz steigt man um zwei Pflegegrade. In der Leistung ändert sich nichts. Man bekommt auf keinen Fall weniger Geld, eher mehr. Durch die Umstellung wird niemand benachteiligt.

Ich habe gehört, dass es ein Betreuungsgeld zusätzlich zum Pflegegeld gibt. Wofür kann ich das verwenden?
Diese Betreuungsleistung erhalten seit 2015 alle Pflegebedürftigen - und nicht wie davor nur Demenzkranke - die zusätzliche Betreuungsleistung in Höhe von 104 Euro monatlich. Dieses Geld steht jedem zur Verfügung, er eine Pflegestufe hat. Entsprechende Leistungen kann nur der ambulante Pflegedienst erbringen, er rechnet die Leistungen auch mit der Pflegekasse ab. Die 104 Euro kann man für hauswirtschaftliche Tätigkeiten abrechnen oder für Betreuung, wenn der pflegende Angehörige Freizeit braucht.

Ich pflege meinen Mann und bräuchte eine 24-Stunden-Betreuung Zuhause, da wir Zuhause zusammen alt werden und nicht ins Heim möchten. Welche Möglichkeiten gibt es da?
Lassen Sie sich in einer Fachstelle für pflegende Angehörige beraten. Diese gibt es in allen größeren Kommunen. Eine gute Anlaufstelle sind auch die Pflegestützpunkte. Die Adressen findet man im Internet auf der Seite des bayerischen Gesundheitsministeriums unter www.stmgp.bayern.de. Wie eine lückenlose Versorgung gewährleistet werden kann, wird zurzeit in Bamberg mit dem "Modellprojekt 24 Stunden Versorgung" getestet. Darin sollen die Wohlfahrtsverbände ihre Dienstleistungen vernetzen. Das Projekt wird vom Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen gefördert.

Ich möchte meinen Mann in einer Tagespflege unterbringen. Wie kann ich das finanzieren?
Seit 2015 besteht zusätzlich zum Anspruch auf Pflegegeld und/oder Sachleistung ein eigener Anspruch auf Tagespflege. Dafür stehen bis zu 1612 Euro im Jahr zur Verfügung. Vorher ging die Inanspruchnahme von Tagespflege zu Lasten des Budgets für Pflegegeld bzw. Sachleistungen. Zusätzlich können in der Tagespflege die Betreuungsleistungen abgerechnet werden.


So wird die Pflegestufe beantragt

Im Pflegefall werden Betroffene und Angehörige nicht alleingelassen: Die Pflegeversicherung springt ein. Um deren Leistungen in Anspruch nehmen zu können, bedarf es einiger Schritte.

1. Zunächst muss man einen Antrag bei der Pflegekasse (sie befindet sich bei der Krankenkasse) stellen. Um Pflegeleistungen voll in Anspruch nehmen zu können, muss man in den letzten zehn Jahren vor der Antragstellung zwei Jahre als Mitglied in die Pflegekasse eingezahlt haben oder familienversichert gewesen sein. Privatversicherte stellen den Antrag bei ihrem privaten Versicherer.

2. Die Pflegekassen sind verpflichtet, Betroffene und pflegende Angehörige über alle mit der Pflegebedürftigkeit zusammenhängenden Fragen zu beraten. Außerdem müssen sie dem Antragsteller eine Leistungs- und Preisvergleichsliste in dessen Einzugsbereich übermitteln und ihn über den nächstgelegenen Pflegestützpunkt unterrichten.

3. Die Pflegekasse lässt nach der Beantragung ein Gutachten erstellen. Dafür beauftragt sie den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (bei knappschaftlich Versicherten den Sozialmedizinischen Dienst). Privatversicherte werden durch Medicproof begutachtet. Der Gutachter kommt zum Antragsteller nach Hause und ermittelt den Hilfsbedarf für Körperpflege, Ernährung und Mobilität sowie für die hauswirtschaftliche Versorgung. Ausschlaggebend sind nicht die Schwere der Erkrankung oder Behinderung, sondern die aus der Funktionseinschränkung resultierende Hilfebedürftigkeit.

4. Die Pflegekasse muss innerhalb von fünf Wochen nach der Antragstellung ihre Entscheidung schriftlich mitteilen. Befindet sich der Antragsteller zu einem stationären Aufenthalt in einer Klinik, Reha- oder Palliativeinrichtung, muss die Begutachtung innerhalb einer Woche erfolgen, wenn dies zur Sicherstellung der weiteren Versorgung erforderlich ist oder gegenüber dem Arbeitgeber die Inanspruchnahme von Pflegezeit angekündigt wurde.

5. Die Pflegekasse erlässt einen Leistungsbescheid zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit. Gegen diesen kann man innerhalb eines Monats nach Erhalt Widerspruch einlegen. Hält die Pflegekasse ihrer Entscheidung trotz Widerspruchs aufrecht und erlässt einen Widerspruchsbescheid, kann Klage beim zuständigen Sozialgericht erhoben werden.


Direkter Draht zu Pflegeexperten

Bürgertelefon Das Bundes-Gesundheitsministerium bietet ein Bürgertelefon zur Pflegeversicherung an. Es ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 und freitags von 8 bis 12 Uhr unter 030/3406066-02 erreichbar. Auf der Internetseite des Ministeriums gibt es unter www.bmg.bund.de/themen/pflege.html viele weitere Informationen, Broschüren und einen Schnelltest für Pflegeleistungen.

Erstanlaufstelle Für gesetzlich Versicherte hat das bayerische Gesundheitsministerium eine Erstanlaufstelle zu allen Fragen rund um die Pflege, den Pflegeservice Bayern, eingerichtet. Er ist kostenlos unter Tel. 0800/7721111 montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Weitere Infos und Anlaufstellen gibt es unter www.stmgp.bayern.de/pflege, der Internetseite des Gesundheitsministeriums.