Ärger und Ängste sind auf beiden Seiten vermutlich gleich groß: Autofahrer regen sich über Lkw-Fahrer auf - und umgekehrt. Die pure Sichtung eines vorausfahrenden Lastwagens kann Stress auslösen, Überholmanöver schüren Aggressionen. Dabei wollen alle eigentlich nur eines: Sicher fahren und gut ankommen. Warum also all diese Vorbehalte? Und was kann man dagegen tun?

Claus-Christian Carbon kennt die Antworten. Der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg ist Wahrnehmungsforscher und beschäftigt sich auch mit Verkehrspsychologie.


Vorurteile durch Unwissenheit

"Die meisten Autofahrer haben keinen Lkw-Führerschein und kaum Wissen über die spezifischen Anforderungen, Schwierigkeiten und auch Fähigkeiten von Lkw-Fahrern", erklärt er. "Diese Unwissenheit schafft den Nährboden für Vorurteile und teilweise ungerechtfertigte Annahmen."
Die meisten Lkw-Fahrer seien nämlich "vor allem erst einmal Menschen mit einer sehr hohen Fahrpraxis". Sie kennen ihr Fahrzeug und dessen Verhalten entsprechend sehr gut. "Wir wissen aus der Verkehrspsychologie, dass Fahrpraxis der wichtigste Faktor für unfallfreies Fahren ist", sagt Carbon. "Entsprechend sicher fahren auch Lkw-Fahrer meist."


Horrorberichte brennen sich ein

Autofahrer jedoch orientierten sich an den Ausnahmen, die sehr stark ins Bewusstsein treten. Schreckliche Unfälle in den Medien und Horrorberichte von Bekannten: "Solche Bilder brennen sich regelrecht ins Gedächtnis ein", weiß der Psychologe. "Man missinterpretiert dabei nun die Ausnahme als die Regel." Gleichzeitig existierten natürlich begründete Sorgen, dass es im Falle einer Kollision mit einem Lkw - dem "Großen" - meist sehr ungünstig für einen Pkw - den "Kleinen" - aussieht, allein aufgrund des unterschiedlichen Gewichts.


Dasselbe gilt Carbon zufolge auch für Überholmanöver an Engstellen. "Sorgen und Ängste entstehen einerseits durch Unwissenheit und fehlende Möglichkeiten des Perspektivenwechsels, andererseits durch das schiere Größenverhältnis", fasst der Experte zusammen.

Mit ihrer Größe haben umgekehrt auch die Lastwagenfahrer ein Problem. "Der Größere hat gegenüber dem Kleineren Angst, etwas zu übersehen." Hinzu kommt dem Wissenschaftler zufolge die berechtigte Sorge, dass Autofahrer die Geometrie und Physik von Lastwagen nicht verstehen. "Entsprechend reagieren sie falsch, zum Beispiel bei engen Wegstrecken, in denen Brummis eben stark ausscheren müssen."


Nerven schonen und nicht austicken

Soweit, so gut. Doch wie schaffen es nun beide Seiten, gelassen zu bleiben? "Oberster Grundsatz im Straßenverkehr ist, sich selbst und andere nicht zu gefährden", betont Carbon. "Man sollte seine Nerven schonen und schlicht und einfach souverän abwarten. Besser die Konzentration auf anderes legen, nicht aber sich ärgern und aufregen oder gar austicken."

Die unter Umständen verlorene Zeit sei auf beiden Seiten gut investiert in eine bessere Gesundheit, da gewagte Überholaktionen und enges Vorbeifahren an Lastwagen objektiv gefährlich und gefährdend seien. "Und Polizei spielen, indem man während der Fahrt von Scheibe zu Scheibe kommuniziert, ist ebenfalls weder sicher noch zielführend", sagt Carbon. Ein psychisch erregter Fahrer sei meist auch kein souveräner und sicherer Fahrer mehr. "Er macht genau das, vor dem man Angst hat: Fehler und Unfälle."