Wenn Mia und Jule am 24. Dezember von ihrem Mittagsschläfchen aufwachen, ist ihr Papa gerade erst hereingeschneit. Und wenn die Zwillinge am 26. Dezember ins Bett gehen, hat er ihnen schon den letzten Abendkuss für diese Woche gegeben. Weil er Lebensmittel transportieren muss, klettert Christian Tschirner am zweiten Feiertag in seinen 40-Tonner und fährt in Gedanken an seine Mädels hinaus in die Nacht.

Dass Weihnachten zeitlich betrachtet nur eine halbe Angelegenheit ist, gehört zum Beruf. "Letztes Jahr bin ich an Heiligabend auch erst gegen 17 Uhr daheim gewesen", sagt er. Und dann nur bis 26. Dezember frei? Tschirner zuckt mit den Schultern. "Feiertage gibt es bei uns in der Lebensmittelbranche so gut wie gar nicht."


Aufstehen mitten in der Nacht

Seit 17 Jahren ist der 41-Jährige als Berufskraftfahrer auf Achse. Es liegt ihm im Blut: Auch sein Vater hat als Lkw-Fahrer gearbeitet, 35 Jahre lang. "Wir waren fünf Kinder und einer musste immer mitfahren, damit wir daheim einer weniger waren", erzählt Tschirner und lächelt beim Gedanken an die Vergangenheit. Als Ältester ist er in Vaters Fußstapfen getreten.

Außer Gefahrgut und Autos hat er "so ziemlich alles transportiert". Jetzt sind es Lebensmittel für die Lidl-Logistik, die Tschirner im Auftrag der Spedition Koch-Rolands Fahrschule fährt. Die Firma ist in Hallerndorf ansässig, ihre Lkw stehen allerdings in Neuses bei Eggolsheim (Landkreis Forchheim) - zufällig Tschirners Wohnort. "So hab ich es nicht weit zur Arbeit", sagt er und grinst.

Für den Lebensmitteltransport gelten spezielle Arbeitszeiten. "Zwischen 6 und 11 Uhr muss ich bei einem der Lager stehen und brauche drei bis sechs Stunden dorthin. Deshalb muss ich um 1 Uhr Sonntagnacht daheim weg. Freitagabend oder Samstag früh komme ich wieder zurück", erzählt Tschirner. Bis dahin hat er eine Woche mit bis zu 69 Stunden abgespult. Die Schichten sind an gesetzliche Zeiten gebunden und umfassen Lenkzeit (neun und zweimal pro Woche zehn Stunden), Be- und Entladen sowie Pausen.


Zweites Zuhause im Lkw

Quer durch Deutschland führen den Familienvater die Touren. Zwischen 2800 und 3400 Kilometer hat er pro Woche mehr auf dem Tacho. Seit November fährt er einen neuen 40-Tonner, der mit seiner modernen Ausstattung ein kleines Ersatz-Zuhause bietet. Gleich hinter dem Fahrersitz befindet sich das Bett, es gibt Platz für Kleidung und sogar ein kleiner Kühlschrank ist eingebaut. Für das Anbringen von Deko, wie sie viele Fahrer in ihrem Führerhaus und rund um die Windschutzscheibe platzieren, hatte Tschirner noch keine Zeit.

Aber natürlich hat er Fotos seiner Familie auf dem Handy. Das lindert ein bisschen die Sehnsucht nach Zuhause. "Ich telefoniere jeden Morgen mit meiner Lebensgefährtin Tanja", sagt Tschirner. Seinen Beruf kann er nur ausüben, weil er von Zuhause viel Unterstützung bekommt. "Meine Mädels gehen mir über alles. Wenn es daheim nicht klappen würde, müsste ich mit dem Fahren aufhören." Die Mutter seiner Lebensgefährtin wohnt in der Nähe und unterstützt ihre Tochter nicht nur bei der Versorgung der 15 Monate alten Zwillinge. "Omi Christine führt auch dreimal am Tag unseren Hund Maya aus", erzählt Tschirner. Er weiß es "sehr, sehr" zu schätzen, dass es Zuhause gut läuft, wenn er weg ist. Wenn er da ist, legt er trotzdem die Füße nicht hoch. "Ich kümmere mich um meine drei Mädels und schaue, was am Haus zu machen ist."


Gefahren für Leib und Leben

Und wenn er unterwegs ist - dann muss er gut auf sich aufpassen. Nachts steuert er Autohöfe oder beleuchtete Raststätten an. "Öffentliche Parkplätze sind zu gefährlich", sagt er. "Dort werden immer wieder Planen aufgeschlitzt und Diesel geklaut." Auch auf der Straße sei Vorsicht geboten: Der Verkehr werde immer schlimmer, der Fahrstil aggressiver. "Auf den Autobahnen haben wir das reinste Cowboy-Verhalten, in Baustellen wird verboten überholt, halsbrecherisch eingeschert. Da entscheidet jede Sekunde über Leben und Tod, wenn man nicht aufpasst."

Und das alles für eine Bezahlung, die mit durchschnittlich etwa 2000 Euro brutto nicht besonders gut ist. "Es gibt auch Unternehmen, die bis zu 2600 Euro brutto zahlen", sagt Tschirner. "Damit ist man schon richtig gut bedient." Doch egal, was am Schluss auf dem Lohnzettel steht: Die Fahrer müssen von ihrem Gehalt Strafen oder Führerscheinverlängerungen selbst bezahlen, für eine Mahlzeit im Rasthof kommen nochmal 20 bis 25 Euro dazu und auch die Nutzung der sanitären Einrichtungen schlägt zu Buche.

Trotz allem: Christian Tschirner mag seinen Beruf. Und er nimmt ihn ernst. "Ich bin mit einem 40-Tonner unterwegs, das kann ich nicht auf die leichte Schulter nehmen." Deshalb muss er sich am zweiten Weihnachtsfeiertag spätestens am frühen Abend hinlegen, um mitten in der Nacht aufstehen und 13 Stunden durchhalten zu können. Gefeiert haben wird er vorher natürlich trotzdem. Den 24. Dezember wird die junge Familie allein verbringen, an den Feiertagen wird es trubelig. "Wir sind ja eine große Familie, da schaut jeder mal beim anderen vorbei."

Wenn er dann wieder allein im Lkw sitzt, wird Tschirner zwar immer noch Kontakt und Kommunikation haben. Das ist es, was er an seinem Beruf liebt: "Man kommt viel rum und mit Leuten zusammen, man sieht viel. Ich könnte nicht irgendwo drin arbeiten, ich brauche diese Abwechslung." Sie ist es auch, die den Abstand zwischen den Wochenenden verkürzt. Denn bei aller Freude am Brummifahren bleibt an Weihnachten und allen anderen Tagen des Jahres ein Gedanke: "Ich vermisse meine Familie schon sehr."