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Kulmbach
Entdecker-Tour (167)

Als in Kulmbach plötzlich der Boden wankte

Als Arbeiter unter der Kulmnbacher Gleichmannstraße einen geheimnisvollen Gang aus dem Mittelalter entdeckten.
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Blick in den geheimnisvollen Gang unter der Gleichmannstraße. Foto: Erich Olbrich
Blick in den geheimnisvollen Gang unter der Gleichmannstraße. Foto: Erich Olbrich
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Nicht schlecht staunten Bauarbeiter, als sie am 17. Mai 1963 in der Gleichmannstraße den Grund für eine Garage aushoben. Plötzlich wankte der Boden und es tat sich vier Meter unter der Straßenoberfläche ein Loch mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern auf.

Es stellte sich heraus, dass ein unterirdischer Gang angeschnitten worden war, der von der Baustelle des Zahnarztes Gerhard Sattler unter der Gleichmannstraße 35 hindurch in östlicher Richtung verlief.

Unterirdischer Gang

Durch den entstandenen Einstieg gelangte man über eine wenige Meter lange, schräge Geröllhalde schließlich in einen unterirdischen Gang.

Zufällig befand sich der Oberlehrer Ernst Balzereit, der in Ziegelhütten wohnte, in der Nähe. Die Arbeiter zogen ihn zu Rate. Mit Oberlehrer August Oesper aus dem Stadtteil Blaich, Oberschulrat Max Hundt, Harry Rupp, Gerhard Sattler und Willi Watamanik machte sich Balzereit mit Kerzenlicht ausgerüstet an die Erkundung des geheimnisvollen Ganges. Dabei wurde er auch gleich ausgemessen.

Der vordere Teil war durch lettigen, also lehmhaltigen Keuper getrieben, nach etwa zehn Metern begann der Sandstein. Der Stollen verlief in gerader Flucht und waagrecht von Westsüdwest nach Ostnordost etwa 21 Meter Berg einwärts.

Die Gangbreite betrug 80 Zentimeter, die Höhe drei Meter. Das Profil, mit senkrechten seitlichen Wänden und einer halbrunden, tonnenartigen Decke, war sauber aus dem Sandstein herausgehauen.

Öffnung unter einem Bogen

Bis auf zwei Einbruchstellen unter der Gleichmannstraße zeigte sich der Stollen noch recht gut erhalten. Am Ende hatte man ihn mit einer eineinhalb Meter dicken Mauer aus roh behauenen Steinen abgeschlossen, wobei man über dem Boden eine ein Meter hohe Öffnung ließ, die mit einem flachen Bogen abgedeckt war. Die dahinterliegende Nische bestand aus Lehm und Schlamm, es sickerte Wasser daraus hervor.

An zwei Stellen des Ganges konnten kleine, etwa 50 Zentimeter lange Nischen festgestellt werden, die in den seitlichen Wänden in Griffhöhe eingehauen waren.

Nischen für Kerzen

Sie dienten wahrscheinlich zum Einstellen von Kerzenlichtern. In einem Fall war der obere Nischenrand von Rußspuren schwarz gefärbt.

Der vor dem zufällig entstandenen Einstieg liegende, vordere Abschnitt des Stollens mit dem ursprünglichen Eingang war völlig verschüttet. An der Erdoberfläche war damals jedoch eine vorher wenig beachtete, deutliche Bodenabsenkung noch sehr gut zu erkennen. Bei der zweiten Erkundung am übernächsten Tag zeigten sich bereits beträchtliche Einbrüche von Wänden und Decke, die offenbar durch die eindringende trockene Luft verursacht worden waren.

Ein Vordringen bis zum Ende des Ganges wurde diesmal sicherheitshalber unterlassen und der unterirdische Gang seitdem nicht mehr betreten.

Fluchtort im Mittelalter

Wie Oberschulrat Hundt ausführte, waren derartige Erdställe in Unterfranken in größerer Zahl vorhanden. In unserem Gebiet war einzig in Unterzettlitz etwa 30 Jahre vorher ein solcher Gang entdeckt worden. Der Name Erdstall hat nichts mit einem Viehstall zu tun, sondern bedeutet "Stätte unter der Erde", im Volksmund auch oft als "Geheimgang" bezeichnet. Wahrscheinlich stammen diese Gänge aus der Zeit des Mittelalters. Die Menschen konnten sich bei Gefahr hineinflüchten, aber nur kurzfristig darin aufhalten.

In den unterfränkischen Gängen wurden einige wenige keramische Scherben gefunden. Diese lassen auf einen Zeitraum vom 13. bis zum 14. Jahrhundert schließen, zum Teil auch auf eine Benutzung im Dreißigjährigen Krieg. Die Eingänge, oft auf Treppenstufen abwärts führend, waren wahrscheinlich durch Gebüsch, Strohhaufen, Düngehaufen oder auf andere Weise getarnt.

Es gibt in anderen Gegenden eine regelrechte Erdstallforschung und diese werden von den zuständigen Denkmalbehörden untersucht. Gut möglich, dass auch bei uns weitere Erdställe auf ihre Entdeckung warten.

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