Ermreuth
Heimatgeschichte

Wie das Schloss Ermreuth zu Lebensmittelladen und Poststelle wurde

Das Schloss Ermreuth war im 19. Jahrhundert kein Herrensitz mehr, sondern diente als Lebensmittelladen und Poststelle.
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Der Geschäftsmann Leonhard Schäff mit seiner Frau und drei erwachsenen Kindern - das Foto entstand, als die Familie in Nürnberg lebte. Repro: Rolf Kießling
Der Geschäftsmann Leonhard Schäff mit seiner Frau und drei erwachsenen Kindern - das Foto entstand, als die Familie in Nürnberg lebte. Repro: Rolf Kießling

von Rolf Kießling Schlösser und Burgen waren Herrensitze. So war das über Jahrhunderte auch in Ermreuth. Das Schloss war im Besitz der Herren von Egloffstein, ging an die Nürnberger Patrizierfamilie Muffel über, gelangte in den Besitz der Stiebar von Buttenheim und wurde schließlich 1664 von Valentin Georg von Künßberg erworben. Im 19. Jahrhundert kam es erneut zu einem folgenreichen Besitzerwechsel. Der letzte adelige Schlossbesitzer war Uso von Künßberg, der 1810 in Ermreuth geboren wurde. Dieser sah sich 1858 gezwungen, sein Rittergut Ermreuth zu verkaufen. Auch ein zweites Rittergut in Obersteinbach im Steigerwald musste er veräußern. Beide Rittergüter gingen in bürgerlichen Besitz über. Das Schloss in Ermreuth fiel an den Hammerwerksbesitzer Leonhard Schäff aus Erlangen. Der wohlhabende Geschäftsmann kaufte das gesamte Rittergut, also nicht nur das Schloss, sondern verschiedene Nebengebäude und zahlreiche Grundstücke. Er bezahlte dafür die stolze Summe von 51.400 Gulden.

Der Hammerwerksbesitzer Leonhard Schäff als Rittergutsbesitzer

Johann Leonhard Schäff wurde am 21. September 1829 in Erlangen als Sohn des Hammerwerksbesitzers Johann Andreas Schäff und dessen Ehefrau Anna Maria Rudert aus Möhrendorf geboren. Er studierte Mathematik am Technikum in Nürnberg, doch 1850 musste er sein Studium abbrechen. Denn ausgerechnet an seinem 21. Geburtstag hatte sich sein Vater das Leben genommen. Der Sohn musste den väterlichen Betrieb weiterführen. 1856 heiratete Leonhard Schäff die wohlhabende Kunigunde Margarethe Schultheiß, Tochter eines Guts- und Ziegeleibesitzers aus Spardorf. Ein Jahr später, am 10. März 1857, wurde der älteste Sohn Johann Cuno in Erlangen geboren.

1858 bezog Schäff mit Frau und Kind das neu erworbene Schloss Ermreuth. In den folgenden Jahren kamen dort vier weitere Kinder zur Welt. Doch nach nur sechs Jahren in Ermreuth - für Schäffs Ehefrau "die glücklichsten Jahre in ihrem Leben" - siedelte die Familie erneut um. "Durch drei schwere Krankheiten geschwächt" suchte sich Leonhard Schäff beruflich neu zu orientieren. Er gründete 1865 in Nürnberg eine Holzhandlung "en gros und en detail" mit Sitz in der Glockenhofstraße.

Rittergut wird zerstückelt

Was aber wurde aus dem Rittergut Ermreuth? Laut Pfarrer Karl Seeberger ging das Rittergut "an Juden und 2 Katholiken, welche dasselbe dismembrierten". Das bedeutet: Der Besitz wurde zerstückelt und möglichst gewinnbringend weiterverkauft.

Der Kaufvertrag wurde am 19. Juli 1864 beurkundet. Das Schloss "mit sämtlichen übrigen Besitzungen wurde um 73.175 fl. verkauft". Die beiden Katholiken, die zu den Aufkäufern gehörten, waren der Mühlenbesitzer Wilhelm Hubmann von der Minderleinsmühle bei Dormitz und der Bierbrauer Johann Georg Hubmann aus Neunkirchen am Brand (1815 - 1877). Dieser war ein Sohn des Wirts und Melbers Johann Wilhelm Hubmann, der aus der Minderleinsmühle stammte.

Vier jüdische Handelsmänner waren an dem Geschäft beteiligt, nämlich Lazarus Reichold (geb. 1825) und dessen Schwager Joseph Bauer (1812 - 1890), beide aus Ermreuth, sowie die beiden Dormitzer David Männlein und Bernhard Priester. Während die Äcker und Wiesen problemlos weiterverkauft werden konnten, erwies sich ein Objekt, ein Weg, als unverkäuflich. Der Weg wurde infolgedessen weitervererbt und befindet sich bis heute in jüdischem Besitz.

Ein Schloss mit Lebensmittelgeschäft

Bereits 1865 verkaufte Johann Georg Hubmann das Schloss mit Hofraum um 5500 Gulden an den Schreinermeister Georg Heck. Dessen Sohn Georg Heinrich Heck heiratete 1873 die Ermreuther Lehrerstochter Augusta Backof. Das Ehepaar erwarb am 16. Juli 1873 einen Teil des Schlosses um 1400 Gulden und eröffnete darin einen Spezereiwarenladen, also ein Lebensmittelgeschäft. Der gelernte Schreiner Georg Heinrich Heck gab als Beruf fortan Kaufmann an. Er starb 1911. Seine 1874 geborene Tochter Babette war mit Johann Ederer (1875 - 1953) verheiratet. Der älteste Sohn des Landwirts David Ederer war Metzger von Beruf und führte das Geschäft seines Schwiegervaters weiter. Am 1. November 1899 wurde im Schloss Ermreuth die Poststelle eröffnet. Johann Ederer hatte die Stelle des Postexpeditors oder Posthalters über vier Jahrzehnte lang inne, bis zum 31. März 1941. Unzählige Karten und Briefe wurden von ihm abgestempelt, zahlreiche Päckchen und Pakete durch ihn angenommen oder ausgeliefert.

Der andere Teil des Schlosses wurde am 9. März 1878 "um 8571 Mark 43 Pfennig käuflich übernommen" durch Kunigunda Paulina Heck, die älteste Tochter des Schreiners Georg Heck. Im April 1879 heiratete sie den Schneider und Ökonomen Johann Georg Mösel. Im Bereich des Schlosses wurde fortan auch Landwirtschaft betrieben.



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