Als vor zwei Jahren der Kölner Bildhauer Gunter Demnig in der Stadt die ersten Stolpersteine verlegt hat, waren sie jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Eine Ausnahme wurde mit dem Widerstandskämpfer Georg Hansen gemacht, einem der Verschwörer beim missglückten Attentat auf Adolf Hitler. Wer aber gedenkt der Euthanasie-Opfer, die es auch in Coburg gab? Sie sollen nicht vergessen werden, finden die Organisatoren eines Schweigemarsches, zu dem sie am Freitag, 26. November, einladen. Die Stadt, das evangelisch-lutherische Dekanat, die altkatholische Gemeinde und das evangelische Bildungswerk haben das gemeinsame Anliegen, 70 Jahre nach dem ersten Todestransport an dieses Verbrechen zu erinnern.
"Ausgangspunkt war ein Auszug aus dem Jahrbuch der Coburger Landesstiftung von 1994. Dort schreibt Rainer Axmann von der Historischen Gesellschaft Coburg über die Geschichte von 60 Ermordeten aus dem Coburger Land", erzählt Dieter Stößlein, theologischer Referent beim evangelischen Bildungswerk. Nadine Deusing, einst Mitarbeiterin in der Stadtverwaltung und heute im Europe-Direct-Büro der Volkshochschule beschäftigt, kümmert sich seit zwei Jahren mit der Aktion Stolpersteine, sucht nach den Coburger Opfern des Nationalsozialismus und trägt die biografischen Daten zusammen, die auf der Stadt-Homepage veröffentlicht werden. "Ich bin während der Arbeit zu den Stolpersteinen auf den Aufsatz von Rainer Axmann gestoßen", erzählt sie. Er hat die Deportation von geistig behinderten Menschen aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg erforscht. Bereits 1939, so schreibt er in seinem Aufsatz, hatte Hitler erlassen, dass "unheilbar Geisteskranken der Gnadentod gegeben werden" solle. Im Spätherbst des gleichen Jahres lief das Euthanasie-Programm an.

Von Kutzenberg in den Tod


Der erste Todestransport startete am 26. November 1940 in Kutzenberg. 20 Deportierte kamen aus dem Coburger Land. Sie wurden teilweise in die Landesheil- und Pflegeanstalt in Pirna, andere in die Landespflegeanstalt Niedernhardt gebracht. In beiden Einrichtungen erwartete die Kranken der Tod. Den Familien wurde mitgeteilt, ihre Angehörigen seien an Gesichtsfurunkel, Rachenabszess, Mandelentzündung oder ähnlichen Krankheiten gestorben.
Die zweite Aktion startete am 28. Februar 1941. Diesmal waren 28 Personen aus dem Coburger Land dabei, beim dritten Transport im Juni 1941 zwei Männer und sechs Frauen. Sie wurden in unterschiedliche Anstalten gebracht, die Art, wie sie starben, war vermutlich aber gleich: Sie wurden vergast. In seinem Aufsatz zitiert Rainer Axmann eine Schwester aus der Anstalt Schloss Grafeneck/Münster: "In den meisten Fällen bekamen die Patienten vor der Vergasung eine Einspritzung von zwei Kubikzentimetern Morphium-Skopalamin." In jedem Fall erhielten die Angehörigen aber lapidare Erklärungen zum plötzlichen Tod der Kranken. Und niemand rührte sich - oft auch aus Angst vor eigener Verfolgung.
"Wir wollen die Namen der Ermordeten dem Vergessen entreißen", sagt Dieter Stößlein. Deshalb ruft er auf, sich am Schweigemarsch am 26. November zu beteiligen. Treffpunkt ist um 15 Uhr die Morizkirche. Nach einer kurzen Andacht geht es zum Gemüsemarkt, wo stellvertretend für sieben weitere Opfer ein Stolperstein für Elisabeth Nebel verlegt wird. Die anderen setzen Mitarbeiter des Bauamts im Laufe des Tages. Der Künstler Gunter Demnig ist diesmal nicht dabei. Aber Rainer Axmann liest Auszüge aus seinem Aufsatz vor. Dass erst einmal nur acht Opfer einen Stolperstein bekommen, begründet Rainer Axmann damit, dass nur für sie im Stadtarchiv sichere Angaben zur Wohnadresse gefunden werden konnten.