Bamberg
Politik

Rückenwind oder Gegenwind?

Christian Lange will für die CSU das Büro des Oberbürgermeisters erobern. Seine Ankündigung hat Ministerin Melanie Huml "überrumpelt". Es gab Streit. Die Stimmung in der Partei: irgendwo zwischen "euphorisiert" und "traurig".
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Melanie Huml und Christian Lange.  Foto: Ronald Rinklef
Melanie Huml und Christian Lange. Foto: Ronald Rinklef

Richtig interessant werden politische Stellungnahmen oft dann, wenn die unausgesprochenen Worte wichtiger scheinen als die ausgesprochenen. Genau so ein Text trudelte am Dienstag von der Bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml ein.

Ganz unerwartet kam die Pressemitteilung nicht. Nachdem CSU-Kreisvorsitzender Christian Lange Anfang Februar hoch oben auf der Altenburg vorgeprescht war und seine Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters angekündigt hatte, drängte sich die Frage auf: Wie reagiert Melanie Huml? Wurde sie überrascht? Etwas boulevardesker könnte man auch fragen: Wie sauer ist die stellvertretende Parteivorsitzende wirklich? Nun äußerte sie sich in der Pressemitteilung.

"Meine Heimat Bamberg liegt mir besonders am Herzen. Deshalb stelle ich mir immer die Frage, wie ich die Menschen hier am besten unterstützen kann", beginnt sie die Zeilen. "Als Landtagsabgeordnete und Staatsministerin konnte ich sehr viel für die Region Bamberg erreichen, doch natürlich mag auch eine Zeit kommen, in der ich mich in einer anderen Position besser für die Menschen einsetzen kann." Aktuell habe sich mit Christian Lange für die CSU ein "engagierter Interessent erklärt", der gerne OB werden möchte. "Über sein Interesse werden nun die entsprechenden Gremien beraten", schreibt Huml - und endet mit: "Ich kann den Menschen in unserer Heimatstadt versichern, dass ich mich für sie auch in Zukunft mit voller Kraft einsetzen werde."

Der Leser dieser Zeilen fühlt sich wie bei einem Orakelspruch in Delphi. Nichts wird ausgeschlossen, auch nicht eine Kandidatur als Oberbürgermeisterin: "Es wird die Zeit kommen." Was jedoch völlig fehlt, ist die Bekundung, Christian Lange unterstützen zu wollen.

Wie also ist der Orakelspruch zu deuten? Da gibt es innerhalb der CSU ganz unterschiedliche Ansätze. Beste Ansprechpartner scheinen die Vorstandsmitglieder der CSU-Kreisvereinigung zu sein. Denn in der Sitzung am Dienstag erklärte sich Ministerin Huml persönlich. Einig sind sich die Zuhörer: Derzeit ist eine Kandidatur Humls vom Tisch. Alles läuft darauf hinaus, dass es bei der CSU-Krönungszeremonie an Ostern nur einen Kandidaten geben wird: Lange.

"Melanie Humls Platz ist in München. Es wäre auch für die CSU Bamberg nicht sinnvoll, wenn sie diese gute Position in München aufgibt", hat CSU-Kreisgeschäftsführer Florian Müller aus der Sitzung mitgenommen. Huml unterstütze jeden Kandidaten, der von der Kreisversammlung offiziell gekürt wird. Aber erst dann. Vorher wolle sie sich mit Werbung zurückhalten. Ähnlich deutet auch Wolfgang Heim die Worte Humls: "Wann hat man denn mal eine Ministerin in München?", fragt der stellvertretende Kreisvorsitzende, der Huml in ein paar Jahren sogar das Amt der Ministerpräsidentin zutraut.

Anders wahrgenommen hat die Rede Stefan Kuhn, der Vorsitzende des Ortsverbands Mitte, der eine eigene Kandidatur noch nicht ausschließen will. Er spricht von einer sehr persönlichen Ansprache Humls, bei der die Ministerin offen ihre Enttäuschung geäußert habe, von Lange "überrumpelt" worden zu sein. Ihn habe die Rede traurig gestimmt.

Es wurden Fakten geschaffen

Wer sich im Vorstand umhört, der erfährt von "persönlichen Verletzungen" - Huml habe durchaus mit einer Kandidatur geliebäugelt, allein schon aus familiären Gründen. "Dann aber wurden Fakten geschaffen, obwohl es vorher ein Vier-Augen-Gespräch hätte geben sollen", sagt ein Zuhörer.

Auch einen lautstarken Streit hat es gegeben: Melanie Humls Mann Markus und Christian Lange sind vor ein paar Tagen in der Fraktion heftig aneinander gerasselt. Für eine Nachfrage war Markus Huml in den letzten Tagen aber nicht erreichbar.

Fraktionsvorsitzender Helmut Müller betont, er sei ein Befürworter für die Trennung von Partei und Fraktion. "Die OB-Kandidatur geht die Fraktion wenig an, das ist rein die Sache der Partei." Auch hier könnte Unausgesprochenes mehr sagen als Ausgesprochenes.

Eine zentrale Deutung fehlt noch: die von Christian Lange. Der designierte Kandidat bittet um Verständnis, sich bei dem Thema zurückzuhalten. Er versichert aber, alle etwaige Irritationen seien ausgeräumt. "Ich will meinen Vorschlag mit allen Mitgliedern der Mitmachpartei CSU diskutieren", sagt Lange, der das Gros der Ortsvorsitzenden und die Mittelstand-Union sowie die Junge Union hinter sich weiß. "Ich spüre eine Aufbruchstimmung."

Schluss mit dem Taktieren - endlich geht es los: Die Partei sei elektrisiert, euphorisiert, berichtet nicht nur Lange, sondern auch Florian Müller oder auch Thomas Söder, der bei der Bezirkstagswahl OB Andreas Starke (SPD) geschlagen hat. Von einem jungen, energischen Dreigestirn "Huml - Söder - Lange" spricht Lange. Der erste Stern wird vorerst weiter über München leuchten.

Kommentar von Redaktionsleiter Michael Memmel:

Ungefragt erreicht ein Zitat der Ministerin am Dienstag gegen 21 Uhr die Redaktion. Sie, also Melanie Huml, frage sich ja immer, wie sie die Menschen in ihrer Heimat Bamberg am besten unterstützen könne. Noch besser als Gesundheitsministerin? Das geht durchaus - nämlich in "anderer Position" und zur rechten Zeit.

Hmmm, andere Position: Wenn Sie nicht die erste bayerische Ministerpräsidentin werden möchte, kann sie da nur das Oberbürgermeister-Amt im Auge haben. Rechte Zeit? Was damit gemeint ist, darüber lässt sich lange nachdenken. Vielleicht steht dieser Zeitpunkt in direktem Zusammenhang mit jenem, an dem OB Andreas Starke (SPD) mit der Sprache herausrückt und bekannt gibt, ob er noch einmal antritt. Huml macht sich interpretierbar, solange sie sich nicht eindeutig äußert, ob und wann sie selbst dieses Amt anstrebt.

Vielleicht müsste sie sich als Politikern auch eine andere Frage stellen. Nämlich: Was erhoffen sich die Bürger in Bamberg? Die Antwort könnte lauten: Die Auswahl zwischen den besten Politikern der Stadt Bamberg. Das würde direkt noch eine Frage nach sich ziehen: Darf da dann eine Ministerin fehlen?



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