Thomas Schaller hat sich auf den Weg gemacht. Er hat eine Pilgerschaft angetreten. Am Ende des Wegs wird eine CD stehen. "Pilgrim" heißt Schallers erste Akustikgitarre-Solo-CD. Am heutigen Samstag wird die CD um 19 Uhr mit einem kleinen Konzert in der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels vorgestellt.
Am Anfang war das Gehen. "Ich habe gemerkt, dass ich das Tempo annehme", beschreibt der Religions- und Musiklehrer Schaller einen Moment des Entschlusses, als er beim bewussten Spazierengehen im vergangenen Jahr einen melodischen Einfall hatte. Immer wieder habe er bis dahin Gedanken an eine musikalisch unverfälschte Selbstverwirklichung verscheucht, verschoben, aufs Abstellgleis gestellt. Es bedurfte dieses Schlüsselmoments.

In sich hinein gelauscht

Beim Gehen entstand der Song "Pilgrim" - Pilger. Und mit ihm war die erste innere Bereitschaft da, ein Album aufzunehmen.
Danach befragt, was dieses Lied ohne Worte ausmacht, schließt Schaller die Augen und lauscht in sich hinein: "Nach diesem Song war klar, dass es mit einer CD enden wird. Er hat etwas Erdiges, etwas Klares."
Schaller spricht davon, bei diesem Gitarrenstück bewusst reduziert und weggelassen zu haben. Er spricht von "ehrlicher Musik", die sich nicht hinter technischem Aufwand versteckt. Von jetzt an begann er für seine CD "Lieder ohne Worte" zu komponieren.
Thomas Schaller staunt und wundert sich über manche Erfahrungen und Beobachtungen, die er während seines Projekts und darüber hinaus getroffen hat. Aber woher weiß man bei Liedern ohne Worte, wann eine CD voll ist? "Alles im Kopf", sagt der 48-Jährige und tippt sich dabei lächelnd an die Stirn.
Um mit den eigenen Stücken vertraut zu werden, hat er einen Übeplan gemacht und dabei vermerkt, welche es sein könnten. "Im Frühjahr heuer habe ich gesagt, die sind es!" Die Festlegung der Reihenfolge der Stücke habe dann keine zehn Minuten gedauert. "Ich habe mich selbst gewundert", sagt der Marktzeulner.
Einfach sei er in dieser Zeit nicht gewesen, gibt er zu. Die Leidenschaft, die er für seine Musik entwickelte, "schaffte eben auch Leiden". Vor allem im persönlichen, familiären Umfeld, vor allem während des Übens. Das Haus ist erfüllt von der Musik, die aus dem ersten Stock kommt. "Frau und Kinder hören ja ständig dasselbe und du kommst runter und sagst, hör mal, jetzt ist es fertig." Eine Familie muss einen Vollblutmusiker auch aushalten können.
Thomas Schaller ist bewandert in der Musik. Klassisch wie populär. Er kommt aus einer Zeit, in der es so etwas wie Konzeptalben gab. Die Frage nach einem Motto stellte sich anders. "Es gibt Stücke an denen du ackerst, die sich sperren. Plötzlich war ein Song da - von was handelt der?"

Hommage an den Vater

Wenn Schaller in sich hineinlauschte, dann stiegen in ihm Bilder hoch. Der Hund seiner Tochter wird ihm begegnen und in "Kira" verewigt werden. Einen "Tanz am Meer" wird er empfinden und in "My late father" seinem verstorbenen Vater nachspüren. "My late father" wird er später einer Bekannten vorspielen. "Ja, so war diese Generation Väter", wird er von ihr zu hören bekommen. Bei einem Lied ohne Worte, wohlgemerkt.
Thomas Schaller nimmt diese in ihm aufsteigenden Bilder an, begreift die von ihnen ausgehenden Schwingungen als zu seinem Leben gehörig, als Reisebilder auf seiner eigenen Pilgerschaft. Über sich selbst habe er durch die Pilgerschaft zu seiner CD herausgefunden, dass er eine tiefe Dankbarkeit für die Menschen spürt, die ihn begleiteten.
Und er weiß, dass seine Gitarre ein Eigenleben führt. Sie mag es nicht, in die Ecke gestellt zu werden. Sie würde es ihm auch nicht nachsehen, wenn er auf einer anderen Gitarre als auf ihr, der Lakewood mit den Stahlsaiten, spielte. Sie zeigt sich dann durchaus verstimmt. Sie wird ihm zu einem "inneren Ort", gleichfalls zu einem Ziel auf seiner Pilgerfahrt.
Drei Abende in den Pfingstferien und vier Abende im Sommer dieses Jahres währten die Aufnahmen bei seinem Freund Thomas Kalb, auch Benson genannt. Benson ist selbst ein guter Fingerstyle-Gitarrist und verfügt noch sonst über Vorzüge. "Kalb hat eine sagenhafte Ahnung von Frequenzen und Mikrophonie." Es soll nah klingen, persönlich, mit minimalem Hall. Und: "Wir werden nicht schneiden!" Da sind sich die beiden Männer einig. Nicht zu schneiden, bedeutet aber auch, bei einem Verspielen wieder neu anfangen zu müssen.
42 Aufnahmen sollten es werden. Länger als zwei Stunden am Stück zu spielen ist nicht möglich. "Nach zwei Stunden bist du erschöpft, da geht nix mehr, du bist nicht mehr frisch", beschreibt Schaller die Arbeitsumstände. Das Komponieren und Einspielen begleitend, arbeitete Schaller auch am Entwurf des CD-Covers. "Kannste besser", lautete ein Kommentar seiner Tochter zum ersten Entwurf.
Am 22. Oktober sandte er die Daten der Aufnahmen (Replikationsmaster) per Post ans Presswerk. Befindlichkeit nach Tag Eins der Abgabe? "Unerträglich, weil immer die Frage war, klappt das alles, stimmt alles?"
Und wo ist Thomas Schaller jetzt nach dem Ende seiner Pilgerschaft? "Noch 2100 Kilometer bis Santiago de Compostela", sagt der Musiker, der auch auf solchen Wegen pilgert.