Eine jährlich wiederkehrende ökumenische Andacht erinnert an die als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher eingegangene Nacht. In diesem Jahr dürften es gut 200 Personen gewesen sein, die sich quer durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten vor dem Lichtenfelser Rathaus einfanden, darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Allerdings ganz so intim wie in den Jahren davor lief die Veranstaltung nicht ab. Für eine erhebliche Geräuschkulisse sorgte der Aufbau des Hamburger Fischmarktes, der am Wochenende auf dem Marktplatz stattfindet.
Mit mahnenden Worten erinnerte Dekanatsjugendreferent Reiner Babucke an den 9. November 1938. "Auch in Lichtenfels wurde die Synagoge von nationalsozialistischen Schlägertruppen geschändet", sagte Babucke. Es wurden Fenster eingeschlagen, die Vorhänge heruntergerissen und die Gebetspulte mit Äxten zerschlagen. Die handgeschriebenen Thorarollen wurden aus dem Thoraschrein geholt und unter Jubelgeschrei und Gejohle einer aufgewiegelten Menge zerstört. Genauso schrecklich ging man mit den jüdisch-gläubigen Menschen um. Sie wurden geplündert, geschlagen und öffentlich verhöhnt. Es war der Anfang vom Ende.
1933 gab es noch 69 jüdische Einwohner in Lichtenfels, deren Zahl sich bis zum Jahr 1938 aufgrund von Auswanderungen auf 48 verringerte. Bis 1942 fanden Deportationen statt, danach gab es kein jüdisches Leben mehr in Lichtenfels. Doch wie konnte es dazu kommen, dass die meisten Deutschen nur zuschauten und viele selbst zu Tätern wurden?
"Wie ist es, wenn man alleine dasteht?", fragte Bad Staffelsteins Stadtpfarrer Georg Birkel. "Kann man die Situation als einzelner Mensch überhaupt überstehen, den Druck der Masse standhalten? Es braucht jemanden, der einem beisteht", sagte Pfarrer Birkel. So wie ein Stamm mit einer Astgabel nicht alleine da stehen kann, könne ein Mensch diese Situation nicht bestehen. Aus einer ganzen Reihe von Stämmen mit Astgabeln entstand mit viel Geduld, Ausdauer und Geschick vor dem Rathaus eine Menge, die fest wie ein Fels in der Brandung dastand. Die Botschaft dazu, das Lied "Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein" drückte dies in Worten aus. Veranstalter des ökumenischen Friedensgebets, das in diesem Jahr unter dem Grundgedanken "Lernen aus der Vergangenheit ist Hoffnung für die Zukunft" stand, waren die Evangelische Jugend im Dekanat Michelau, das Erzbischöfliche Jugendamt, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), und die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Lichtenfels. Mit einem Gebet und dem Lied "Hewenu shalom alejchem" endete das Friedensgebet.

Eben noch angesehene und geachtete Bürger, wenige Jahre später öffentlich verhöhnt, verspottet, ausgeplündert und geschlagen. Ein Schicksal, das in der Reichspogromnacht auch jüdischgläubige Menschen in Lichtenfels erlebten. Doch was geschah am 9. November 1938? Einen Einblick in die Ereignisse jener Jahre gab Bezirksheimatpfleger Günter Dippold im Anschluss an das Friedensgebet bei einer kleinen vom SPD-Ortsverein organisierten Führung. Dabei beschränkte sich Dippold auf die Bamberger Straße und die Innenstadt. Doch wie kam es dazu, dass ein wütender Mob sich gegen bis dato angesehene Bürger wandte? Zwei Tage zuvor, am 7. November 1938, gab es ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath in Paris durch den17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan. Von Rath starb zwei Tage später. "Nach dem Tod von Ernst vom Rath setzte Joseph Goebbels in München in seiner Rede vor hochrangigen Naziführern die Maschinerie im Gang", erläuterte Dippold. Eine telefonische Weisung erreichte auch die Gauleitung in Bayreuth und von dort aus die Kreisleitung in Lichtenfels. In Folge wurde in einem barbarischen Terrorakt auch in Lichtenfels das Leben jüdischer Mitbürger bedroht und ihr Eigentum zerstört. Besonders hart traf es den Kaufmann Carl Kraus, ein angesehener und hochbetagter Bürger, der nur mit Hemd und Hose bekleidet aus seinem Haus Marktplatz 21 durch die Stadt zur Synagoge getrieben wurde. Sein Geschäft wurde geplündert, die Schaufenster zerschlagen und die geplünderten Stoffe per Lastwagen abgefahren.
Die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Coburg aus dem Jahr 1949 geben einen erschreckenden Einblick von dem, was in jener Nacht geschah. Ein Zeitzeuge, der damals 15-jährige Walter Kohn, erinnerte sich noch an eine Bemerkung von Kraus, der seine uniformierten Folterknechte fragte, warum man ihn nicht gleich totschlage. "Morden tun wir nicht", bekam er zur Antwort. Carl Kraus musste 1939 sein Haus verkaufen. Er starb im Januar 1940 und wurde als einer der letzten auf dem jüdischen Friedhof in Lichtenfels beigesetzt. Wenig später wurde sein Grab wie alle anderen auch geschändet. Hart traf es auch die Familie Alfred Oppenheimer. Dabei war ihre Auswanderung in die USA bereits so gut wie sicher. Zum Verhängnis wurde ihnen, dass sie versuchten, bei der Emigration im Mai 1939 heimlich Wertsachen aus ihren Besitz mitzunehmen. Die Lichtenfelser Zeitung verleumdete sie als "Schieber-Juden" und die Große Strafkammer des Landgerichts Coburg verurteile sie wegen Verstoßes gegen das Devisenwirtschaftsgesetz zu Haftstrafen. "Dabei war es ihr Eigentum, das sie für ein neues Leben mitnehmen wollten", sagte Dippold. Eine Emigration war damit unmöglich geworden.
Gegenüber dem Bahnhofsplatz hatte sich mit den Korbhändlern Zinn und Pauson zwei renommierte Firmen angesiedelt. Paul Zinn, im Ersten Weltkrieg mit zwei Orden ausgezeichnet, vergiftete sich unter dem Eindruck der Ereignisse der Pogromnacht mit einen Desinfektionsmittel und starb zwei Wochen später im Krankenhaus in Hochstadt. Sein Bruder Stefan, ein Handels-Vertreter, wurde in Regensburg verhaftet und nach Dachau gebracht. Später gelangen ihm und seiner Familie die Auswanderung. In jener Nacht konnte die jüdische Bevölkerung noch nicht einmal auf die Hilfe der Polizei hoffen. Ein Anruf kam aus dem Haus des Kaufmanns Robert Pauson, der auf Geschäftsreise in Italien weilte. Zu Hause waren seine 75-jährige Mutter Rosa und zwei nichtjüdische Hausangestellte. Ein Augenzeuge, der das Geschehen vom Bahnhof aus beobachtete, sah drei Männer, die mit einem Balken und Hauruck-Rufen die Tür einrammten. Als die Hausbesitzerin sich darüber aufregte, rief man ihr "Judensau" zu. Einige Lichtenfelser mussten mit ansehen, wie ihre ganze Existenz buchstäblich kurz und klein gehauen wurde. Andere sahen sich massiven Misshandlungen ausgesetzt. In der Wohnung des Lehrers Seliger schlug man die Fensterläden ein und zerstörte alles, was man nur kleinhacken konnte. Seine Frau traf der Verlust ihres Eigentums besonders hart. Sie blieb wochenlang verschwunden, bis man ihre Leiche bei Reundorf aus dem Wasser zog.
Auch die Synagoge in Lichtenfels wurde Opfer eines wütenden Mobs. Acht Männer rammten mit einem Balken die Tür auf. "Es war organisierte und gewollte Gewalt", so Dippold.