Doris Forster schaut den Boxern gerne auf die Beine. Muss sie auch, denn wenn ein Kampf eng ist, kommt es auf Kleinigkeiten an. Wie zum Beispiel auf die Beinarbeit. Denn Doris Forster sitzt seit einem Jahr als Punktrichterin am Ring. Sogar bei der Deutschen Amateurmeisterschaft durfte sie schon die Schläge zählen - wenn auch nur zu Probe. Ihre Wertungen beeindruckten aber einen hochrangigen Funktionär des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) derart, dass er die Kampfrichterin aus Kulmbach seitdem besonders fördert.

Frauen und Boxen - früher eine undenkbare Kombination. Doch die Damenwelt hat längst auch einstige Männerdomänen erobert. Vor allem beim ATS Kulmbach. Dessen Boxabteilung stellte mit der Danndorferin Sibylle sogar eine Deutsche Meisterin, die 2003 mit dem Sieg bei der Amateur-Meisterschaft der Frauen in Meppen für den bislang größten Erfolg der Abteilung sorgte. Inzwischen zählen die ATS-Boxer sogar mehr weibliche als männliche Aktive.


Eine spätberufene Sportlerin

Die 49-jährige Doris Forster ist eine spätberufene Sportlerin. "Erst als die Kinder groß waren, habe ich mit dem Triathlon angefangen", erzählt die Kulmbacherin. Sogar einen Mitteldistanz-Triathlon hat Doris Forster absolviert. Doch das intensive Training war für sie und ihren Körper auf Dauer zu viel.

Über einen Selbstverteidigungskurs kam Doris Forster zum Fitnessboxen (FIBO) beim ATS. Sibylle Marks und Boxabteilungsleiter Willy Kastner haben die fitnessorientierte Variante des Boxtrainings 2002 beim ATS eingeführt. Sie hatten damit ein Näschen, denn knapp 50 Frauen und etwa 15 Männer betreiben inzwischen FIBO beim ATS. "Wir wollten bei der Neugründung 1996 nicht gleich wieder mit Boxen starten, denn das hätte viele abgeschreckt. Dass wir erst einmal auf Fitness-Boxen gesetzt haben, war der richtige Weg", sagt Abteilungsleiter Willy Kastner. Und Doris Forster ergänzt: "Der Gemeinschaftssinn bei den Fitness-Boxerinnen ist einmalig. Es geht sehr herzlich zu, die Trainer geben sich viel Mühe."

Weil jeder Verein mit aktiven Boxern auch Kampfrichter stellen muss, schaute sich Willy Kastner unter den Mitgliedern um - jemand Zuverlässiges musste es sein. Und so kam er auf Doris Forster, die bereits das Amt der Abteilungs-Schriftführerin inne hatte. "Er hat mich lange bekniet", erinnert sich Forster, die irgendwann zusagte.
Vor einem Jahr absolvierte sie in einem Wochenendkurs in Augsburg eine Ausbildung zur Punktrichterin des Bayerischen Amateur-Box-Verbandes (BABV). Danach musste sie bei einigen Veranstaltungen zur Probe werten - und heimste viel Lob von den Offiziellen ein. Ernst wurde es erstmals bei einem Turnier in Marktredwitz. Doch auch die Feuertaufe meisterte die Novizin mit Bravour.

Dann ging es rasant nach oben. Doris Forster sagt: "Sibylle Marks hat dann zu mir gesagt, jetzt fahren wir mal zur Deutschen Meisterschaft und schauen mal, ob sie dich mitmachen lassen." Tatsächlich durfte die unerfahrene Kampfrichterin mitmachen - wenn auch nur probeweise. Doch Doris Forster verblüffte erneut die Experten. "Ich habe genau wie die Profis gepunktet", sagt die Kulmbacherin nicht ohne Stolz.

Punktrichter zu sein, fordert vollste Konzentration, auch wenn im Amateurbereich die Kämpfe nur über drei (Männer) bzw. vier Runden (Frauen) gehen. "Das ist sehr anstrengend. Ich habe am Anfang jedes Mal Kopfschmerzen gehabt", erklärt Doris Forster. Zumal es nicht mehr zulässig ist, dass man ein Unentschieden gibt. "Bei der Deutschen war es gleich diffizil. Da kam es auch auf darauf an, wer die schönere Beinarbeit hat..." sagt Forster.

Der Oberkampfrichter war jedenfalls derart von der Arbeit der Novizin begeistert, dass er ihr schon nach einem statt wie eigentlich üblich zwei Jahren ermöglichte, die nächste Funktionärs-Stufe zu erklimmen. Doris Forster absolvierte also auch noch die Kampfrichterausbildung beim Bayerischen Amateur-Box-Verband (BABV). Nun dürfte sie sogar in den Ring gehen, zumindest in Bayern. Doch das reizt sie gar nicht - noch nicht. "Ich schaue mir die Kämpfe lieber von außen an." Zumal man im Ring eine ganz andere Verantwortung hat. "Da ist für die Gesundheit der Kämpfer verantwortlich", sagt Doris Forster. Außerdem fürchtet sie, sich nicht richtig durchsetzen zu können. "Ich habe gar keine so kräftige Stimme."
Doch auch ein Tag am Punktrichtertisch kann manchmal ganz schön anstrengend sein kann. Wie jüngst bei der Bayerischen Amateur-Boxmeisterschaft in Marktredwitz, als die Kulmbacherin 18 von 27 Kämpfen punkten musste. "Das hat sechs Stunden gedauert, das war ein Alptraum", erzählt Doris Forster. Zudem braucht man ein dickes Fell: "Man muss auch unflätige Beschimpfungen aus dem Publikum aushalten können." Aber das kann die Kulmbacherin.
Demnächst soll Doris Forster sogar ihre nationale Kampfrichter-Lizenz bekommen, hat ihr der Kampfrichterobmann des BABV, Uli Langer, eröffnet. Was Doris Forster durchaus reizt. "Ich möchte schon öfters auf richtigen Meisterschaften eingesetzt werden, weil du da ein höheres Niveau hast, die Kämpfe gleichwertiger sind und du genauer hinschauen musst."
Ihre neue Aufgabe erledigt die Kulmbacherin "sehr gerne - aber nicht mehr als sechs, sieben Mal im Jahr". Die 49-Jährige sagt: "Schließlich sitzt man bei den Boxkämpfen in der ersten Reihe, wie in einer Loge."


Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Geboxt, gerungen und Gewichte gehoben wurde in Kulmbach schon lange vor 1946. Doch in diesem Jahr wurde beim ATS die Schwerathletik-Abteilung aus der Taufe gehoben.
In den Nachkriegsjahren hatten die Boxer aus Kulmbach, Mainleus und Stadtsteinach einen guten Namen in der Sportart. Der ATS brachte etliche Titelträger auf fränkischer und bayerischer Ebene heraus, darunter Größen wie Friedhelm Blasius, Hans Schuberth oder Karl Braunersreuther. Sie oder die Abteilungsleiter bzw. Trainer wie Michael Kürschner, Franz Beck oder Jupp Schauer kennen allenfalls noch die älteren Kulmbacher.
1970 landete per Zufall der 22-jährige Willy Kastner beim Boxsport. Es dauerte nicht lange, bis man ihm neben seiner Boxtätigkeit das Amt des Trainers und sogar Abteilungsleiters "aufdrehte". "Zum Glück hatte ich mit Hanns Balleiniger einen langen Weggefährten als Kassier an seiner Seite", sagt Kastner.
Viele Erfolge und Titel auf nordbayerischer Ebene (z. B. durch Volker Scheibe, Udo Esser) konnte der ATS in den siebziger Jahren verzeichnen. Als anfang der achtziger Jahre Abteilungsleiter Udo Esser senior das Handtuch warf, fiel die ATS-Schwerathletik-Abteilung in einen Dornröschenschlaf.
Erweckt wurde sie erst 1996 wieder durch Willy Kastner. Er sammelte in der "Kommunbräu" alte Weggefährten um sich und startete einen Neuanfang bei der ATS-Boxabteilung.
Heute, 20 Jahre später, ist die Boxabteilung mit 168 Mitgliedern die drittstärkste im ATS und kann auf neue, große Erfolge stolz sein. Viele junge Sportler haben die Ausbildung genossen und es bis zu bayerischen, süddeutschen Meistertiteln sowie 3. Plätzen bei der "Deutschen" gebracht.
Sibylle Marks, erste Boxerin Oberfrankens, krönte die Erfolgsserie mit dem Titel der Deutschen Meisterin im Mittelgewicht. Heute ist sie Lizenztra inerin und eine tragende Säule der Abteilung.


Jubiläums-Gala am 23. April

So feiern die ATS-Boxer heuer das Doppeljubiläum "70 Jahre Gründung und 20 Jahre Wiedergründung". Die große Feier soll am Samstag, 23. April, im Einkaufszentrum "fritz" steigen, wie Abteilungsleiter Willy Kastner verrät. Bei einer Sportgala mit buntem Rahmenprogramm soll es natürlich auch Boxkämpfe (ab 15 Uhr) geben.
Weitere Informationen zur ATS-Boxabteilung sowie Trainingszeiten gibt es unter http://boxsport-kulmbach.jimdo.com.