Ausgerechnet Sport! "Das Thema interessiert mich nicht so wirklich", sagt Jürgen Scheibe und grinst. Dann setzt er wieder den Fineliner an - jenen Stift mit der besonders dünnen Mine -, macht eine gute Miene und zieht die vorgezeichnete Ex-Lockenpracht von Klein-Uli Hoeneß nach. Mit ein paar Strichen ist das Konterfei des gefallenen und (womöglich) geläuterten Fußball-Bosses zu erkennen, wie er in Trotzhaltung die Verbalwatschen seines zürnenden Vaters über sich ergehen lässt (siehe Foto). Glauben wir Jürgen Scheibe, so war jene Abreibung die Initialzündung für Ulis beruflichen Lebensweg als Bayern-Präsident und Wurstfabrikant.


Nahe am Original

Von Würstl-König Uli zu Kaiser Franz, der (Zwie-)Lichtgestalt im Profifußball, ist es nur ein Bleistiftwurf. "Der ist nicht leicht zu treffen", gibt Jürgen Scheibe zu.
Ein Lexikon mit einem Bild Beckenbauers hilft beim Zeichnen. Die Fußball-Karikaturen sind zwei der Werke, die Jürgen Scheibe ab 14. Oktober bei einer Ausstellung im Badhaus zeigt (siehe Infokasten). Zu sehen sind dabei auch Arbeiten so namhafter Karikaturisten wie des Österreichers Gerhard Haderer, der regelmäßig im "Stern" publiziert.

Als Zehnjähriger fing der gebürtige Kulmbacher Jürgen Scheibe an, zunächst seine Mitmenschen zu porträtieren. Verwandte und Bekannte nahm er sich vor. "In den meisten Fällen hat ihnen gefallen, wie ich sie wiedergegeben habe." Das Faible fürs Zeichnen rührt wohl vor allem von Jürgen Scheibes Begeisterung für Comics. Vorbilder für seine Kunst hat er keine. "Fasziniert hat mich Francisco Ibáñez, der die ,Clever & Smart'-Reihe zeichnet. Mir gefällt sein dynamischer Stil."


Beruflich auf anderen Pfaden

Bis heute ist Zeichnen ein Hobby geblieben - beruflich beschritt er andere Wege. Nach der Ausbildung zum Industrie-Bekleidungsschneider bei Hänsel & Mortensen und einigen Monaten am Fließband begann er 1991 ein Praktikum bei der Bayerischen Rundschau. Nach zweijährigem Volontariat (und 15 Monaten Zivildienst im Rehbergheim) bekam Jürgen Scheibe ab 1995 eine feste Anstellung als Redakteur. Das geschriebene Wort war fortan seine Passion, aber das Zeichnen hat ihn nicht losgelassen.

Auf der ehemaligen BR-Jugendseite "Spot", die der Kulmbacher einige Jahre federführend betreute, wurde wöchentliche ein Cartoon mit dem Nilpferd "Amanda" veröffentlichet Die Jugendseite wurde jedoch um die Jahrtausendwende eingestellt - und damit der Comic.

2006 hatte BR-Redaktionsleiter Stefan Prinz die Idee, die Tageszeitung mit Karikaturen aufzupeppen, die lokale Ereignisse zu kommentieren und liebevoll auf die Schippe zu nehmen. "Nachdem einige Profis ihre Preisvorstellungen mitteilten, suchte man hausintern nach einer günstigeren Alternative und erinnerte sich an die alten Amanda-Cartoons", sagt Jürgen Scheibe. Seine wöchentliche Serie "Scheibchenweise" war geboren. Parallel dazu startete er die Serien "Blaichgesicht" und "Franken-Recher" im Kulmbacher Anzeiger, für den er seit 1995 als Redakteur zuständig ist. Bis Ende 2010 entstanden so "unentgeltlich und meist nach Feierabend" 319 veröffentlichte Karikaturen. "Allerdings verschlingen Karikaturen viel Zeit, und die wurde irgendwann knapp, als sich bei meiner Frau und mir zum dritten Mal Nachwuchs ankündigte. Ich habe mir damals eine Auszeit verordnet als Karikaturist - zumindest bis die Kinder aus dem Gröbsten raus sind." Untätig blieb er aber nicht: Unter anderem fertigte er Illustrationen für Märchenbücher und Fachpublikationen an.

Auch überregional hat Jürgen Scheibe durchaus von sich reden gemacht. Zwei Mal nahm er am Wettbewerb "Rückblende" des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger teil und landete auch beide Male im Ausstellungskatalog. Dass er nun im Historischen Badhaus neben so bekannten Künstlerkollegen "hängt", empfindet der Kulmbacher als "echte Wertschätzung" für seine Arbeit.

Cartoon-Ausstellung im Historischen Badhaus

Teilnehmer Vier Künstler präsentieren einen Querschnitt ihrer Werke. Die Cartoonisten Renate Alf, Gerhard Haderer, Uwe Krumbiegel sowie der Kulmbacher Jürgen Scheibe nehmen die große Politik ebenso aufs Korn wie die Widrigkeiten und Kuriositäten des Lebens. Renate Alf aus Weimar, vierfache Mutter, nimmt sich des Themas "Familie" an.
Aus Österreich kommt Gerhard Haderer - nicht zuletzt durch seine Veröffentlichungen im "Stern" bekannt für seine fotorealistische Darstellungen. Er widmet sich den Sparten "Politik und Privates". Uwe Krumbiegel lebt in der Nähe von Freiberg. 2015 erschien sein erstes Buch. In Kulmbach präsentiert er die Themen "Beziehungen" und "Essen und Trinken". Alte und neue Cartoons zum Sport zeigt Lokalmatador Jürgen Scheibe.
Dauer Die Ausstellung im Badhaus startet am 14. Oktober und läuft bis 15. Januar 2017. Bei der Vernissage (ab 18 Uhr) sind Jürgen Scheibe und Uwe Krumbiegel persönlich anwesend. Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. red