"Das ist unsere Mama", lacht Neruz Khani (38) und umarmt die 70 Jahre alte Brigitte Schott und drückt sie an sich. Unterdessen klettert der jüngste Sprössling der Familie Daoud - der fünf Jahre alte Swar - auf den Schoss von Oliver Schott und lacht. Sein älterer Bruder Siamand (11) holt schnell einige bunt bemalte Ostereier aus seinem Zimmer. Er hat in der Schule erfahren, dass in Deutschland zu Ostern bunte Eier für die Kinder versteckt werden. In Syrien macht man dies auch - allerdings wird dort nicht Ostern gefeiert, sondern die Eier werden zum Neujahrsfest versteckt.
Walid Daoud (40), der Vater der Familie, hat mit seiner Frau Neroz Khani (38) und mit den drei Kindern Jamil (17), Siamand (11) und Swar (5) seine Heimatstadt Aleppo verlassen. Jesiden werden vom IS verfolgt, sind in ständiger Gefahr. Es war eine abenteuerliche Flucht - mit einer Überfahrt im wackeligen Boot. Pro Kopf musste die Familie 1000 Euro bezahlen.
"Wir sind am 29. Oktober nach München gekommen", erzählt der Familienvater in gebrochenem Deutsch. Seit drei Monaten lebt die die syrische Familie jetzt in Presseck neben der Familie Schott. Für die Flüchtlinge ist alles wie in einer neuen Welt und doch vieles vertraut. "Wir sind keine Muslime", erkärt der Familienvater.
Das Haus, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind, war früher das Bürogebäude des Pflegedienstes Schott. "Wir haben es umgebaut", erzählt Martin Schott. Täglich kümmern sich die Schotts um die Neubürger.
Oliver Schotts Ehefrau Martina regelt die bürokratischen Angelegenheiten. Aber auch die "Mama" Brigitte Schott ist mit Herzblutt in der Flüchtlingsbetreuung aktiv. "Wir verstehen uns schon. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen, mit Bildern. Das funktioniert ganz gut", sagt Brigitte Schott. Die Schotts haben die syrische Familie regelrecht adoptiert. Man feierte gemeinsam Weihnachten und Silvester. Silvester werden übrigens auch in Syrien Raketen in den Himmel geschossen, erzählen die Flüchtlinge.


"Es gibt nichts mehr"

"Wir kommen direkt aus Aleppo", sagt Vater Walid Daoud. Dort hatte die Familie ein Haus. Alles war geregelt. Der Vater verdiente als Elektrotechniker sein Geld, die Mutter Neroz Khani kümmerte sich um die drei Söhne. "Aber alles ist kaputt: kein Haus, kein Auto, nichts mehr", sagt der Vater. Nein, er möchte nie mehr zurück in seine Heimat. "Es gibt nichts mehr", schüttelt die gesamte Familie mit dem Kopf. Alle in der Familie bemühen sich, schnell deutsch zu lernen. Täglich gehen die Eltern in den Deutschkurs. Jamil (17) ist in der Schule und möchte eine Berufsausbildung machen. Vielleicht auch etwas in Richtung Elektrotechnik. Denn früher hatte er seinem Vater oft geholfen. Und Siamand ist in der vierten Klasse. Die Jungs spielen beim TSV Presseck Fußball.
Eigentlich möchte die Familie in eine größere Stadt - nach München, nach Nürnberg oder anderswo hin. "Wir würden die Familie auf jeden Fall gerne behalten. Wenn sie wieder weggehen, fehlt uns etwas. Das ist eine ganz liebe Familie", sagt Oliver Schott schon jetzt. Und weiter: "Diese Familie ist eine echte Bereicherung für Presseck."
Derzeit leben in Presseck 35 Asylbewerber. Alle sind in Privatanwesen untergebracht, erklärt Silke Tempel von der Gemeindeverwaltung. "Im Postwiesenweg sind weitere Personen untergebracht, auch eine Witwe mit Kindern", erklärt Bürgermeister Siegfried Beyer. "Alle Vermieter kümmern sich sehr gut um die Menschen aus Syrien und aus Afghanistan. Ich denke, diese Menschen hätten auch gute Chancen, bei uns Arbeit zu finden. Wenn sie arbeiten dürfen, könnten wir uns auch vorstellen, dass sie in der Gemeinde helfen könnten - bei Mährarbeiten oder beim Schneeschippen", so der Bürgermeister.
Der Bürgermeister hofft, dass die Asylbewerber, wenn sie gut integriert sind, nicht gleich wieder in Großstädte abwandern. "Bei uns würden sie Wohnungen zu erschwinglichen Preisen finden", sagt Beyer.