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Gesundheit

Tipps gegen Corona-Blues: So vergeht der Lockdown ohne Stimmungstief

Die erneuten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zehren langsam an den Nerven. Psychotherapeut Andreas Waldenmeier vom Caritasverband Haßberge gibt Tipps, wie sich auch die restlichen zwei Wochen des Teil-Lockdowns ohne Stimmungstief meistern lassen.
 
Im Frühjahr ließ sich der erste Lockdown noch mit warmem Sonnenschein überstehen - nun drückt das trübe Novemberwetter zusätzlich die Laune. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpa
Im Frühjahr ließ sich der erste Lockdown noch mit warmem Sonnenschein überstehen - nun drückt das trübe Novemberwetter zusätzlich die Laune. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpa
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Die Halbzeit ist geschafft: Noch bis Ende November soll der "Lockdown light" andauern und damit die Einschränkungen des Alltagslebens. Im Gegensatz zur ersten Corona-Hochphase lockt nun aber kein warmes Frühlingswetter mehr zu Solo-Spaziergängen nach draußen. Die Ausgangsbeschränkungen, kombiniert mit tristem Novemberwetter, trüben die Laune. Dabei wären Bewegung und die Nähe zur Natur gerade jetzt wichtig, um dem Stimmungstief zu entkommen, warnt Psychotherapeut Andreas Waldenmeier vom Caritasverband Haßberge.

Frauen, Kinder und Jugendliche, ältere Menschen sowie Ärzte und Pflegekräfte sind besonders von den psychischen Auswirkungen der Corona-Krise betroffen: Studienergebnissen der Bundespsychotherapeutenkammer zufolge leiden sie vermehrt unter Einsamkeit, Isolation sowie Stress und sind gefährdeter für Depressionen und Angststörungen.

Herbstblues im Corona-Lockdown? Das können Sie dagegen tun

Einen allgemeinen Anstieg der Klientenzahlen aufgrund der Corona-Pandemie könne er aktuell dennoch nicht feststellen, sagt Andreas Waldenmeier. Der Diplom-Sozialpädagoge, Supervisor und Coach leitet bei der Caritas den Bereich Sozialpsychiatrie mit Suchtberatung. "Das kann daran liegen, dass die Menschen momentan noch ganz gut zurechtkommen. Oder aber auch, dass diejenigen, die eigentlich Unterstützung bräuchten, aufgrund der speziellen Lage nicht nach Hilfe fragen", erklärt Waldenmeier.

Die geltenden Ausgangsbeschränkungen würden viele Menschen erst recht hemmen, Kontakt zu Außenstehenden aufzunehmen. Es bleibe also noch abzuwarten, wie sich die Spätfolgen der Pandemie und mögliche Jobverluste auf seine Klienten auswirken.

Ihnen sei aktuell vor allem wichtig, den bereits bestehenden Therapiekontakt aufrechtzuerhalten, da er in schwierigen Situationen Stabilität und kurzfristige Hilfe bringe. Und noch etwas falle Waldenmeier und seinen Kollegen auf: "Die Klienten sind - wahrscheinlich wie wir alle - stark mit strukturellen und organisatorischen Fragen beschäftigt."

Stabilität und Hilfe sind wichtig

Auch wenn das Ende des Lockdowns bereits in Sicht ist: Die psychische Belastung dieser vier Wochen sollte nicht unterschätzt werden. "Selbst wer nach dem zermürbenden Frühjahr den Sommer als vergleichsweise unbeschwert erlebt hat, wird nun mit der erneuten Verschlechterung der Lage konfrontiert", betont Waldenmeier "Hinzu kommt jetzt die dunkle Jahreszeit." Daher hat der Sozialpädagoge sechs Tipps gesammelt, um den Lockdown ohne Herbstblues zu überstehen.

1. Akzeptanz: Probleme und Krisen sind Teil des Lebens und erfordern Anpassungsfähigkeit. Doch der Wille zur Veränderung hat auch seine Grenzen: Nämlich dort, wo Dinge außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Das zu akzeptieren, schaffe Freiraum. "Dann kann man seine Zeit und Energie für andere Dinge verwenden, die einem im besten Fall helfen können", erklärt Waldenmeier. Egal ob weiche Knie, ein Kloß im Hals oder ein Ziehen im Bauch: Wer zudem darauf achtet, wie der Körper auf unangenehme Situationen reagiert, und diese Gefühle zulässt, spare wertvolle Energie. "Denn der Versuch, hier eine Änderung herbeiführen zu wollen, würde nur Kraft kosten."

2. Optimismus: Positives Denken macht widerstandsfähiger. "Fast immer gibt es in einer Situation etwas Gutes - und wenn es nur etwas ist, woraus man lernen kann", findet Waldenmeier. "Hindernisse können auch als Herausforderungen und Fehler als Lernfelder interpretiert werden." Sich jeden Abend zwei oder drei Minuten Zeit zu nehmen, um die Dinge aufzuschreiben, für die man an einem Tag dankbar war, kurbele die Motivation an. Waldenmeier empfiehlt, diese positiven Gedanken mit einem kleinen Gegenstand aus der Natur zu verknüpfen, den man beispielsweise beim Spaziergehen gefunden hat. In den dunklen Herbst- und Wintermonaten sei es zudem wichtig, weiterhin genügend Helligkeit zu tanken. Kurze Spaziergänge und ausreichend Lichtquellen in der Wohnung können ebenfalls die Stimmung heben.

3. Selbstwirksamkeit: Wer Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat, kann auch Krisen besser bewältigen. Waldenmeier rät, sich für jeden Tag ein Zeitfenster einzuplanen, in dem man sich ungestört mit Dingen beschäftigt, die Freude bereiten. Das kann von einer Runde Lesen über ein aufwendiges Menü bis hin zum Tagebucheintrag reichen. Auch die Wohnung gemütlich zu dekorieren oder Fotos zu sortieren, die an schöne Momente erinnern, liefert Entspannung und Ablenkung. "Wenn man Selbstwirksamkeit richtig stark erleben will, kann man das auch noch an anderer Stelle: nämlich beim Sport!", schlägt Waldenmeier vor. "Denn auf den eigenen Körper hat man vollen Einfluss. Nur man selbst ist für ihn verantwortlich."

4. Eigenverantwortung: Die Krise bringe Menschen dazu, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, anstatt sich als Opfer der Umstände zu sehen, sagt Waldenmeier. "Wir bemühen uns, jegliche Probleme eigenverantwortlich zu lösen, auch wenn wir sie nicht verursacht haben." Doch um die neusten Corona-Regeln zu kennen und sich entsprechend verantwortungsvoll verhalten zu können, ist es notwendig, sich regelmäßig zu informieren. Gleichzeitig können Negativ-Schlagzeilen in Dauerschleife auf die Stimmung schlagen. Das Handy eine Zeit lang auszuschalten und sich feste Zeitfenster für die Nachrichtenrecherche einzuplanen, kann vor einer erdrückenden Informationsflut schützen.

5. Netzwerkorientierung: Freundschaften und Beziehungen geben gerade in schwierigen Phasen Halt - und werden durch Kontaktverbote eingeschränkt. WhatsApp, Skype, Zoom und Co. bieten moderne Alternativen zu geselligen Runden. "Ein Griff zum Telefonhörer oder das Schreiben eines Briefs erreicht auch Menschen, die mit den neuen Medien nicht so vertraut sind", erinnert Waldenmeier.

6. Lösungsorientierung: Alles wird gut: So banal sich dieses Mantra auch anhören mag, die Vorstellung, wie das Leben nach der Corona-Krise weitergeht, kann auch motivieren. "In jeder krisenhaften Situation eröffnen sich Wege, die uns helfen, gestärkter hervorzugehen und zu lernen", betont Waldenmeier. Dabei kann es es helfen, sich diese Zukunftswünsche konkret aufzuschreiben oder ein Traumtagebuch zu führen. Wenn der Kontakt zu Familie und Freunden jedoch nicht mehr ausreicht, braucht es professionelle Hilfe. Die Beratungsstellen des Caritasverbands Haßberge bieten in solchen Fällen zeitnahe und kostenlose Beratung. Aktuell findet diese überwiegend online oder telefonisch statt. In Einzelfällen ist aber auch ein persönliches Gespräch, unter Einhaltung von Hygiene- und Schutzmaßnahmen, in den Beratungsstellen möglich.

Hilfsangebot des Caritasverbands Haßberge

Der Sozialpsychiatrische Dienst des Caritasverbands Haßberge ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr unter 09521/926-550 oder per Mail an spdi@caritas-hassberge.de erreichbar. Beratungstermine finden nur nach vorheriger Vereinbarung statt.

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