"Wie schaffe ich es, meinen Partner nicht zu erschlagen?" Das ist momentan die häufigste Frage, die Diana Beuerlein erreicht. Die 27-Jährige ist psychologische Beraterin und Lifecoach. Weil sie ihre Patienten aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr persönlich in ihrer Praxis "Seelenkunst" in Sand am Main empfangen kann, stieg sie auf Gespräche via Telefon und Videochat um. Gemeinsam mit der Eltmanner Diplom-Psychologin Nicole Seifert verrät sie, wie sich der gefürchtete Lagerkoller trotz Ausgangsbeschränkungen umgehen lässt.

1. Wie können Paare ein harmonisches Zusammenleben aufrechterhalten?

Diana Beuerleins Rezept für mehr Harmonie: Rückzugsmöglichkeiten schaffen, egal ob in einem geräumigen Haus oder einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung. Nicht permanent aufeinander zu hocken und sich räumliche sowie kreative Freiräume zu nehmen, könne Spannungen abbauen. Freundlich und offen sollten Paare dabei aber immer miteinander umgehen. "Man kann sagen: ,Ich liebe dich, aber ich brauche jetzt eine Stunde für mich‘", schlägt Beuerlein vor. "Oder man könnte sich eine Ecke zum Meditieren einrichten. Selbst wenn es nur ein Quadratmeter ist."

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Die Corona-Krise biete auch eine Chance, findet Nicole Seifert. Die aktuellen Einschränkungen bringen uns dazu, Dinge bewusster wahrzunehmen und zu hinterfragen, wer und was uns wirklich wichtig ist. Wer nun die meiste Zeit zuhause verbringt, finde auch schlechter Ausreden, um unliebsamen Aufgaben - wie dem Frühjahrsputz - aus dem Weg zu gehen. "Das wirkt auch gleich befreiend", empfiehlt die Psychologin. Entspannung sei aktuell die beste Medizin gegen aufkeimende Ängste: "Atmen Sie tief durch und gehen Sie so viel wie möglich raus in die Sonne, ob am offenen Fenster, im Garten oder auf dem Balkon!"

2. Und wie sieht es bei Familien mit Kindern aus?

Für Eltern ist es nun wichtig, die Balance zwischen Ehrlichkeit und Ruhe zu finden. "Kinder spüren es, wenn ihre Eltern nervös sind", sagt Beuerlein. Daher müssten sie die aktuelle Situation offen, aber kindgerecht erklären. Drama und Panikmache sind hier unangebracht. Warum können wir nicht mehr zur Schule gehen, warum dürfen wir unsere Freunde und Großeltern nicht sehen? "Das alles können Eltern beispielsweise in einer schönen Geschichte verpacken und die Figuren darin durch Familienmitglieder ersetzen", rät Beuerlein. Wer beim Kontrollieren der Schulaufgaben an seine Grammatik- und Rechengrenzen stößt, solle sich nicht scheuen, online bei Tutoren, Nachhilfelehrern oder anderen Eltern um Hilfe zu bitten.

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Spielerunden können zwischen Homeoffice und Schulaufgaben Abwechslung liefern, rät Seifert. Und dabei dürfen auch Erwachsene mal wieder richtig kindisch sein. "Innerhalb der Familie kann es auch helfen, sich als Eltern gegenseitig Auszeiten zu gönnen", sagt die Psychologin. "Versuchen Sie, Mitgefühl mit sich und den anderen zu haben, wenn mal einer richtig genervt sein sollte. Es ist eine herausfordernde Zeit für alle."

3. Was können Singles tun, um nicht zu vereinsamen?

Wenn nicht jetzt, wann dann: Die Ausgangsbeschränkungen bieten den perfekten Zeitpunkt, um Online-Dating auszuprobieren, findet Beuerlein. Wer aber gar nicht auf der Suche nach einem Partner ist, findet online vielleicht neue Freundschaften, auch für die Zeit nach der Krise. Der Kontakt zur Familie und dem bestehenden Freundeskreis sollte aber auf keinen Fall abreißen. Und Beuerlein hat noch einen Tipp: "Jetzt ist die Gelegenheit, mal wieder einen handgeschriebenen Brief zu verfassen. Da steckt so viel Liebe und Charisma drin."

Auch für Singles ist es ratsam, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, sich zu bewegen und Sonne zu tanken. "Öffnen Sie beim Arbeiten so oft es geht die Fenster. Vielleicht findet sich auch ein schöner Arbeitsplatz in der Sonne", schlägt Seifert vor. Jetzt sei außerdem genügend Zeit, um seinen persönlichen Vorlieben zu frönen, egal ob lesen, singen, tanzen oder musizieren. "Auch bewusste Medienpausen können sehr hilfreich sein und entspannen." Sich nur ein- oder zweimal am Tag aus glaubwürdigen Quellen über aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus zu informieren, reicht vollkommen aus, meint auch Beuerlein. Dabei helfe es, gewohnte Rituale, wie das morgendliche Zeitunglesen oder abends Nachrichten zu schauen, beizubehalten.

4. Wie vermeide ich es, mich allzu sehr gehen zu lassen?

24 Stunden Schlabberlook und ungekämmte Haare klingen für manchen verlockend, tun der Psyche aber auf Dauer nicht gut. Beuerlein empfiehlt, mit neuen Rezeptideen gegenzusteuern. "Dadurch ist man nämlich dazu gezwungen, einkaufen zu gehen und sich ein bisschen zurecht zu machen." Bewegung gibt es gratis dazu. Von Hamsterkäufen rät der Lifecoach dagegen ab. Regelmäßig frische Lebensmittel zu besorgen, fördere einen gesunden Lebensstil. Allen Frauen, die zurzeit keinen Grund haben, morgens Makeup aufzulegen, empfiehlt Beuerlein, Schminktipps auf YouTube auszuprobieren. Das kann helfen, sich in der eigenen Haut wohler zu fühlen. "Und dafür kann man den Schlafanzug ja ruhig anlassen."

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5. In Italien, Spanien und China nehmen die Fälle häuslicher Gewalt zu. Wie lässt sich so eine Eskalation vermeiden?

Einatmen, ausatmen, Ruhe bewahren und ehrlich zueinander sein. Dieses Mantra mag sich banal anhören, kann aber bei angestauten Frustrationen deeskalierend wirken. Für ein paar Nächte in unterschiedlichen Zimmern zu schlafen, könne auch helfen. "Das hat nichts mit Trennung zu tun, sondern liefert den nötigen Abstand", betont Beuerlein. "Man muss sich auch mal die Gelegenheit geben, sich zu vermissen." Neben Offenheit und Ruhe wäre ein Box-Sack eine sinnvolle Investition. Denn: "Stress wird am einfachsten durch Sport abgebaut." Wer genug geschwitzt hat, könne mit dem Partner auch ein intellektuelles Ablenkungsmanöver starten, wie eine neue Sprache lernen oder Schach spielen.

6. Warum tendieren Menschen jetzt zu Hamsterkäufen und machen sie überhaupt Sinn?

Vorräte im Hinblick auf mögliche Notsituationen zu sammeln, mache immer Sinn, sagt Diplom-Psychologin Seifert. Aber: "Übermäßige Hamsterkäufe drücken die hohe Unsicherheit der Menschen bezüglich der Situation aus und vielleicht auch das gesunkene Vertrauen in die Politik. Unseren Nächsten zuliebe wäre es sicher ratsam, nur so viel zu kaufen, wie man selbst braucht, sodass auch andere noch etwas abbekommen können."

Psychologische Behandlung per Videochat - geht das so einfach?

Rechtlicher Hintergrund Aufgrund der Corona-Krise haben die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung beschlossen, psychologische Sprechstunden unbegrenzt per Videochat zu erlauben. Zuvor waren die online abgehaltenen Gespräche auf ein Fünftel der Patienten begrenzt. Noch nicht ausdiskutiert ist, ob auch Erstgespräche per Videochat stattfinden dürfen.

Praxisalltag Auch Psychologin Nicole Seifert sieht nur noch einen Teil ihrer Patienten persönlich. Wer gesund ist und nicht zur Risikogruppe gehört, könne weiterhin in die Praxis kommen. "Ich lege die Termine so, dass sich niemand begegnet und aufs Händeschütteln wird derzeit verzichtet", beschreibt Seifert. "Außerdem wird die Praxis mehrmals täglich desinfiziert und die Stühle stehen weiter auseinander als sonst."

Patienten, die nicht persönlich anwesend sein können, darf Seifert auch per Videochat behandeln. Telefongespräche dürfen dagegen nicht als Sitzungen abgerechnet werden. Hierfür sei laut der Kassenärztlichen Vereinigung ein größerer bürokratischer Aufwand erforderlich, erklärt Seifert. "Gerade für ältere Menschen und diejenigen, die nicht über die technischen Möglichkeiten für eine Videosprechstunde verfügen, finde ich das sehr problematisch."

Kontakt Diana Beuerlein bietet in ihrer Praxis "Seelenkunst" in Sand am Main psychologische Beratung an. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.praxis-seelenkunst.de. Diplom-Psychologin Nicole Seifert ist in Eltmann tätig, ihre Homepage lautet www.psychotherapie-seifert.de.