Für eine Sekunde ist es vollkommen still nebenan. Ein tiefes Luftholen vor dem nächsten Schrei. Keine Traurigkeit, kein Weinen - nur pure Verzweiflung steckt darin. So geht das stundenlang. "Jule hat unsere Familie gesprengt." Vor einem Jahr geben Sarah und Christian Hofmann das erste Mal Einblick in den Alltag mit ihrer Pflegetochter. Damals scheint sich für Jule endlich alles zum Guten zu wenden. Doch das Paar ahnt nicht, dass ihnen der Tiefpunkt noch bevorsteht.

Eines Morgens liegt der Zettel plötzlich auf dem Frühstückstisch, mit kunterbunter Kinderhandschrift verziert. "Wir sind eine Familie und wir schaffen das. Ich hab euch lieb." Sarah strahlt, als sie den kleinen Brief über den Tisch schiebt. "Wir haben jetzt ein ganz neues Kind." Seit Jahrzehnten nehmen sie und Ehemann Christian Pflegekinder bei sich auf. Meist haben sie bei ihren leiblichen Familien viel Gewalt und psychisches Leid erfahren, so wie Jule. Doch das Leben mit der heute Zehnjährigen wird selbst für die erfahrenen Pflegeeltern zur Zerreißprobe. Mit endlosen Schreiattacken, Lügen und Drohungen bringt Jule sie an ihre Grenzen - wie bereits fünf Pflegefamilien zuvor.

Die Wut ist zurück

Dabei sieht es im vergangenen November so aus, als wäre Sarah und Christian der Durchbruch gelungen. Mehrere Wochen liegt Jules letzter Anfall zu diesem Zeitpunkt zurück. "Die Schreierei war nie ganz weg, aber sie hatte sich reduziert", sagt Sarah. "Doch um die Weihnachtszeit wurde es wieder massiv." Das Fest mit ihren leiblichen, früher alkohol- und drogenabhängigen Eltern zu verbringen, ist keine Option. Da steigt in Jule wieder die alte Wut auf. "Sie hat mit ihrem Schicksal gehadert und wieder heftig aufgedreht", erzählt Sarah. "Ferien waren für sie immer schwierig, da konnte sie nicht viel mit sich anfangen", bestätigt Christian. Erst zurück in der Schule, umgeben von Freunden, Hausaufgaben und Sport, entspannt sich die Situation wieder.

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Bis durch Corona der geregelte Alltag für Jule zusammenbricht. "Als ich gehört habe, dass die Kinder fünf Wochen beschult werden sollen, ist mir das Herz stehengeblieben", gibt Sarah zu. Jule ist ein absolutes Energiebündel, kann kaum stillsitzen. Das Spielen und Auspowern beim Sport fehlen ihr extrem. Hinzu kommt der Unterricht am Laptop, bei dem sie zum Teil auch Aufgaben unter Zeitdruck erledigen muss. "Daran ist sie verzweifelt. Sie ist ausgeflippt und konnte gar nichts mehr denken", beschreibt Christian.

Vier Wochen lang meistern sie den Unterricht zuhause, Jules ältere Pflegegeschwister unterstützen sie dabei - doch dann kippt die Situation komplett. Jule fällt in alte Verhaltensweisen zurück, beginnt wieder zu schreien, wirft mit Gegenständen um sich, tritt gegen Türen und Wände. "Das war fürchterlich", bringt es Sarah auf den Punkt. "Es ist uns beiden sehr nahegegangen. Obwohl wir ja wissen, dass sie damit gar nicht uns meint. Sondern das ist ihre Verzweiflung."

Die Situation spitzt sich zu

Jules Anfälle werden für die Pflegeeltern nicht nur zur psychischen Belastung. Die Schreiattacken lösen bei Christian heftigen Tinnitus aus. Immer in Erwartung eines neuen Anfalls, verkrampft sich Sarahs ganzer Körper. Mitten in der Nacht wacht sie vor Schmerzen auf, kann kaum noch schlafen. "Es ist, wie wenn sich eine Bombe aufbläht. Man fühlt es und kann beobachten, wie sie zappelig wird", erklärt Sarah. Manchmal schaffen sie es, Jules Anfälle durch Ablenkungsmanöver aufzuhalten. Doch das klappt nicht immer - und die Bombe platzt. "Dann muss man es ein oder zwei Stunden aushalten mit der Kreischerei."

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Irgendwann beschränken sich Jules Anfälle nicht mehr nur auf ihr Zimmer. Sie beginnt, auch im Garten zu schreien, beschuldigt ihre Pflegemutter lautstark, sie zu verletzen. "Dann ging es auch los mit Erpressungen und Drohungen", erzählt Sarah. Das Paar muss jederzeit damit rechnen, dass Nachbarn oder Passanten die Polizei rufen. Die Situation wird ihnen zu heikel. Bei einem Termin im Jugendamt lassen sie protokollieren, dass sie ihrer Pflegetochter gegenüber niemals handgreiflich geworden sind.

Als Jules Verhalten auch unter ihren beiden Pflegegeschwistern Unruhe stiftet, ist das Limit erreicht. "Wir mussten die Reißleine ziehen und uns eingestehen, dass Jule ein Kind ist, das wir nicht schaffen", sagt Sarah offen. "Soweit waren wir." Und dennoch: Ein einziger Hoffnungsschimmer bleibt ihnen, eine allerletzte Chance für sie und Jule. "Wenn das auch nichts nützt, geben wir auf."

Keine Zeit für lange Wartelisten

Für zwölf Wochen wird Jule in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen. Morgens holt sie ein Taxi ab, sie nimmt an Therapiesitzungen und Gruppengesprächen teil und wird nachmittags wieder zurückgebracht. Normalerweise beträgt die Wartezeit für einen Klinikplatz bis zu einem dreiviertel Jahr - doch so lange können die Hofmanns nicht warten. Kinderpsychiater und Therapeuten, die schon länger mit der Familie zusammenarbeiten, setzen sich daraufhin dafür ein, Jule sofort einen Therapieplatz zu verschaffen.

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"Denn es stand ja ganz offiziell im Raum, dass wir das Pflegeverhältnis abbrechen, wenn nicht schnell eine Lösung gefunden wird." Die Alternative wäre, Jule in die vollstationäre Psychiatrie einzuweisen - was für die Zehnjährige einem weiteren Abbruch gleichkäme. Oder sie bei einer teuren, sonderpädagogischen Pflegestelle mit Eins-zu-eins-Betreuung unterzubringen. "Wenn man sie in ein normales Kinderheim steckt, geht sie unter", warnt Sarah. "Da ist sie verloren."

Jules zuständige Ärztin hält engen Kontakt zu Sarah und Christian, will jeden Tag ein Feedback, ob es zuhause weitere Ausraster gab. Einmal wöchentlich treffen sie sich für ein ausführliches Gespräch. Während Jule tagsüber in der Klinik ist, können Sarah und Christian endlich durchatmen und neue Kraft sammeln. In der Psychiatrie bestätigt sich schließlich, was die beiden bereits vermutet hatten: "Jule hat eine schwerste Bindungsstörung. Und die zeigt sich hauptsächlich in der Familie, nicht draußen." So brav und tadellos, wie sich Jule in der Schule benimmt, verhält sie sich auch in der Klinik. "Und daheim hat sie dann den ganzen Frust rausgelassen."

"Wenn sie fertig ist, kommt sie raus und ist wie erlöst"

Wenn Jule schreit, fließen keine Tränen. Eine Stunde oder länger verbringt sie zurück in ihrem Kinderzimmer damit, die angestaute Wut aus sich herauszubrüllen. "Wenn sie fertig ist, kommt sie raus und ist wie erlöst. Da ist so ein Druck in ihr." Das ständige Auf und Ab zwischen Jules Fortschritten in der Klinik und den prompten Rückfällen zuhause zehrt an Sarahs Kräften. Bis eines Tages doch die Tränen kommen. "Eigentlich heule ich nicht, denn ich bin hart im Nehmen. In dem Moment sind mir aber einfach die Tränen runtergelaufen, ich konnte mich nicht beherrschen." Der Anblick wird für Jule zum entscheidenden Wendepunkt. "Das hat sie tief berührt", blickt Christian zurück.

Jule beginnt, die Tage zu zählen, die seit ihrem letzten Anfall vergangen sind und ist von sich selbst enttäuscht, wenn sie einen Rückfall hat. Doch ihre Pflegefamilie schenkt ihr den Mut, nicht aufzugeben. Mit ihrer Ärztin erarbeiten sie Familienregeln, die Jule helfen, die Schreiattacken zu kontrollieren. Über drei Monate sind nun seit ihrem letzten Anfall vergangen. Aktuell trifft sie sich noch einmal wöchentlich mit einer Therapeutin.

Ob Jule an Autismus leidet, konnten die Ärzte schnell ausschließen. Ebenso ein Trauma, da sie weder schlecht einschlafen kann noch Albträume hat. "Aber sie hat viele schlimme Sachen erlebt und kann ganz detailliert davon erzählen", sagt Sarah. Jule schafft es mittlerweile nicht nur, ihren inneren Frust zu kontrollieren, sondern auch ihre Gefühle zu benennen. Sucht bei ihren Pflegeeltern Trost, wenn sie traurig ist. "Und sie hat etwas Interessantes gesagt", verrät Sarah. "Wisst ihr eigentlich, warum ich nicht mehr schreie? Weil ich ein schönes Leben mit euch haben möchte." Ein warmes Lächeln breitet sich auf Sarahs Gesicht aus. "Wir haben natürlich beschlossen, dass Jule bleiben darf. Ganz klar."

Nähe und Emotionen zulassen

Als sie vor rund eineinhalb Jahren zu ihnen kam, zuckte sie noch bei jeder Berührung zusammen. Nun sucht Jule von sich aus die Nähe zu ihren Pflegeeltern, will umarmt und geknuddelt werden. "Sie ist immer ein liebes, cleveres und tolles Kind gewesen, selbst als sie ihre Schreiattacken hatte", betont Sarah. "Sie hat sich nur nicht im Griff gehabt." Von ihren leiblichen Eltern habe sie nie die nötige Bestätigung bekommen. Ihr Selbstbewusstsein zu stärken, sie in der Schule zu unterstützen und das Beste aus ihr rauszuholen, das sei nun die Aufgabe ihrer Pflegeeltern. "Aber bisher haben wir es geschafft", sagt Sarah zufrieden. "Jule hat es geschafft."

*Aus Rücksicht auf die Beteiligten wurden alle Namen von der Redaktion geändert.

115 Pflegekinder waren 2019 in Vollzeitpflege im Landkreis Haßberge untergebracht, verteilt auf etwa 70 Familien.

0 bis 21 Jahre umfasste die Altersspanne der Pflegekinder im Jahr 2019 ; rund 44 Prozent davon waren weiblich.

Selbst als Pflegeeltern engagieren

Kontakt Zuständig für die Vermittlung von Pflegekindern ist der Pflegekinderfachdienst am Landratsamt Haßberge, erreichbar unter 09521/27143 bzw. 27107.

Buchtipp Wichtige Ratschläge gibt auch Doris Fery aus Theres, die ebenfalls erfahrene Pflegemutter ist. Ihr Buch "Gesucht! Pflegefamilien" begleitet Pflegeeltern und solche, die es werden wollen, von der ersten Kennenlern- und Eingewöhnungsphase der Kinder bis zu deren Selbstständigkeit und ist unter anderem bei Amazon erhältlich.