Zu lange haben Frauen Diskriminierung hinuntergeschluckt und sich davon zermürben lassen, ist Johanna Bamberg-Reinwand überzeugt. Als Referentin der Frauenbeauftragten der Bamberger Universität hat die Zeilerin ein offenes Ohr für Fälle sexueller Diskriminierung - egal, ob sie Studentinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen oder Professorinnen zugestoßen sind.

Entsprechend vielfältig seien die Situationen, die sie und ihre Kolleginnen zu hören bekommen. "Sie reichen von abschätzigen Bemerkungen über das Gefühl, aufgrund des Geschlechts oder des Aussehens schlechter benotet oder nicht weiter gefördert zu werden, bis hin zu sexueller Belästigung oder Mobbing", zählt die Diplom-Soziologin auf. Von strafrechtlich relevanten Fällen werde dagegen selten berichtet.

Sexismus als alltägliche Diskriminierung

Ob sexuelle Diskriminierung in den vergangenen Jahren zugenommen hat, lasse sich jedoch schwer einschätzen. "Sexismus ist etwas so Alltägliches, dass mir vieles nicht berichtet wird", sagt Bamberg-Reinwand. Sie stelle allerdings fest, dass die betroffenen Frauen nicht mehr warten, bis ihr Leidensdruck zu groß wird, sondern eher und selbstbewusster über die Situationen sprechen. "Das liegt daran, dass sie die Schuld nicht mehr bei sich suchen und auch nicht mehr bereit sind, Aussagen unkommentiert zu lassen."

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Das Geschehene klar benennen, sich wehren und deutlich machen, dass eine Grenze überschritten wurde: Diese Strategien können Frauen helfen, mit Diskriminierung umzugehen, rät Bamberg-Reinwand. Oft falle es Betroffenen aber schwer, sofort die richtigen Worte zu finden. Dann komme es auf die Unterstützung Außenstehender an. Doch Schlagfertigkeit lasse sich lernen: "Schweigen wird immer noch mit Zustimmung verwechselt. Deshalb sollten wir laut sein - so wie Dorothee Bär im aktuellen Fall", lobt die Zeilerin. "Diese Situation zu nutzen, um eine Debatte anzustoßen, war sehr richtig."

Gemischte Teams für bessere Ergebnisse

CSU-Politikerin Bär ist sich jedoch bewusst, dass ein solcher Schritt Überwindung kostet: "Es wäre jetzt ein Leichtes zu sagen, man solle sich nicht einschüchtern lassen oder immer entschlossen widersprechen. Aber jede von uns weiß, wie schwierig sich das im Alltag häufig gestaltet", gibt sie zu bedenken. Frauen werden in ihrer politischen Laufbahn nicht nur vom vorherrschenden Sexismus behindert, sondern auch von der schwierigen Vereinbarkeit von Familienleben und politischem Engagement.

Sitzungen müssten zeitlich so gelegt werden, dass auch Mütter die Möglichkeit haben, vor Ort oder digital daran teilzunehmen, schlägt Bär vor. So könnten gemischte Teams innerhalb der Ortsverbände und lokalen Gemeinden entstehen. "Solche Teams bringen bessere Ergebnisse, weil sie mehr Perspektiven mitdenken und sie verbessern auch das Klima untereinander", ist die Digitalministerin überzeugt.

Eine Frage der Machtverteilung

Nach ihrem Austritt habe sie viele positive Rückmeldungen erhalten, erzählt Bär, auch weit über ihren Heimatlandkreis hinaus. Das Feedback fiel teilweise sehr persönlich aus: "Viele der Männer haben sich für ihr Geschlecht entschuldigt, dabei müssen sie das gar nicht. Es geht dabei ja nicht um Mann gegen Frau, sondern um Respekt und Gleichberechtigung für alle."

Sexuelle Diskriminierung in der Politik hänge stark mit Machtverteilung zusammen, die mehrheitlich Männern zugutekomme - beispielsweise bei der Abwägung von Listenplätzen. Amtsinhaber hätten hier einen klaren Vorteil, ist sich Bamberg-Reinwand sicher, die auch Vorsitzende des SPD-Kreisverbands Haßberge ist. "Deshalb war die Initiative für einen dritten stellvertretenden Landratsposten so wichtig. Eine stellvertretende Landrätin wäre sichtbar gewesen und würde helfen, die Vorstellung davon, wie politisch aktive Menschen aussehen, zu verändern", bewertet sie den entsprechenden Antrag der Grünen-Fraktion, der vom Kreistag jedoch abgelehnt wurde.

Neben dieser Diskriminierung hinter den Kulissen hätten Politikerinnen auch mit Vorurteilen von Seiten der Wähler zu kämpfen. Dies zeige sich unter anderem an den Kommentaren, die in den Sozialen Medien aufkommen. "Frauen wird da jede Fachkompetenz abgesprochen", macht Bamberg-Reinwand deutlich.

Doch wer die Aufgabe, sexuelle Diskriminierung zu sanktionieren, alleine Frauen überlasse, vertiefe den Geschlechtergraben umso mehr, findet Ruth Frank. Denn die übergriffigen Vertreter des eigenen Geschlechts in die Schranken zu weisen, sei eine Verpflichtung, der sich Männer stellen müssten. Als Breitbrunns Bürgermeisterin ist Frank seit März das einzige weibliche Gemeindeoberhaupt im Landkreis Haßberge. "Sobald ich als Frau das Gefühl habe, ich müsste mich gegen Angriffe von Männern verteidigen, bin ich ja schon in die Opferfalle getappt", findet die 52-Jährige. "Das heißt für mich aber nicht, dass ich alles hinnehmen muss."

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Diskriminierung sei in ihren Augen kein Hindernis für eine politische Karriere, sondern eher eine Begleiterscheinung. "Vielleicht sollten wir uns mehr darauf konzentrieren, wie wir an der aktuellen Stelle das Beste geben können, als danach zu schielen, wohin uns das karrieretechnisch bringen könnte."

Gemeinsame Visionen schaffen

Während Bamberg-Reinwand bei der parteiübergreifenden Solidarität zwischen Frauen noch Nachholbedarf sieht, nimmt Frank das Zusammenwirken der regionalen Politikerinnen als sehr solidarisch wahr. Fälle sexueller Diskriminierung in der Kommunalpolitik des Landkreises Haßberge seien ihr bisher nicht begegnet. Im Gegenteil: "Unsere Arbeitsatmosphäre ist von gegenseitigem Respekt geprägt. Ich empfinde die Zusammenarbeit als angenehm, kollegial und freundschaftlich." Frank setze bei ihrer politischen Arbeit auf gemeinsame Visionen und klare Werte. Die Entscheidung ihrer Kollegin Dorothee Bär, aus der Ludwig-Erdhard-Stiftung auszutreten, bewertet sie als sehr angemessen. "Sie ist mit ihrem konsequenten Verhalten ganz offensichtlich ihrem eigenen Weg gefolgt."

Zusammenhalt über Parteien hinweg

Auch SPD-Politikerin Bamberg-Reinwand sieht Männer in der Verantwortung, ihren Teil zur Gleichberechtigung zu leisten. "Die Frage sollte nicht sein, ob Frauen noch mehr tun können, um sich zu wehren. Sie sollte lauten: Warum lassen es die Männer nicht bleiben?" Netzwerke unter Politikerinnen - egal ob parteiintern oder parteiübergreifend - könnten im Kampf gegen den Sexismus helfen.

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"Parteizugehörigkeit darf bei einem solchen Thema keine Rolle spielen", pflichtet Bär bei. Wenn eine Person auf bestimmte Merkmale reduziert und damit verletzt werde, wie es bei SPD-Politikerin Sawsan Chebli der Fall war, brauche es Solidarität. "Und es haben im Übrigen ja auch Männer widersprochen", fügt Bär an. "Jens Spahn und Carsten Linnemann haben ihre Mitgliedschaft unmittelbar ruhenlassen. Und nur so geht es."

Sexismus könne erst dann zurückgedrängt werden, wenn er gesellschaftlich so geächtet sei, dass er sich nicht mehr lohne. "Wenn schlicht niemand mehr über einen anzüglichen Witz lacht", bringt es Bamberg-Reinwand auf den Punkt. Doch politische Diskriminierung ende nicht beim Vergleich zwischen Frauen und Männern, sondern betreffe auch Politiker, die sich keinem der beiden gängigen Geschlechter zugehörig fühlen oder die einen Migrationshintergrund haben. "Diskriminierung in all ihren Facetten zu verringern, ist ein Auftrag an die ganze Gesellschaft. Das schaffen wir nur alle gemeinsam", resümiert die Soziologin.

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Diese Meinung teilt auch Dorothee Bär: Der Kampf gegen Diskriminierung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur auf politischer Ebene stattfinde, sondern auch Rassismus und Antisemitismus einschließe. Dass ihr Austritt aus der Ludwig-Erhard-Stiftung eine solche Diskussion ausgelöst hat, zeige, dass es noch nicht alltäglich sei, dieser Diskriminierung entschieden entgegenzutreten und den Tätern klarzumachen, dass sie mit ihrem Handeln in der Minderheit sind. "Jede und jeder muss sich überlegen, was Anstand bedeutet und in welcher Gesellschaft sie ihre Kinder, Enkel, Nichten oder Neffen aufwachsen sehen wollen", lautet Bärs Appell. "Dann wäre allen geholfen."