Eigentlich war er vor allem für den Transport der Hunde gedacht, samt Anhänger für die Westernpferde. Ein nützliches Alltagsfahrzeug eben. Jetzt ist der blaue VW T4 zu einer Art Dienstfahrzeug geworden, praktisch allemal auch für den Einsatz im Dienste der Gemeinde. Mehr Aufsehen noch erregt die zierliche Frau, wenn sie zu Behördenterminen mit dem Motorrad auftaucht, einer 750er Kawasaki "Zephyr". Ruth Frank denkt und lenkt pragmatisch, am Fahrzeugsteuer wie auch im Bürgermeisteramt. Und es gelingt ihr, selbst Skeptiker positiv zu überraschen. Leute, die Bedenken hatten, weil "die Neue" bislang so gar nichts mit der Kommunalpolitik und der Kommunalverwaltung am Hut hatte. Doch auch Amtskollegen erkennen inzwischen an, wie gut sie ihre Sache macht.

Die Landung mit Musik

Viele in der Heilig-Länder-Gemeinde Breitbrunn lernten die Frau aus dem Weiler im Förstersgrund erst nach ihrer überraschenden Wahl kennen. Wohl war sie manchen als Helferin im Bürgerdienst und im Seniorencafé oder als Fahrerin des Kindergartenbusses untergekommen. Gelegentlich auch als Saxofonistin der Köhlertaler Musikanten. "Die Musik, das war meine Landung in der Gemeinde", sagt Ruth Frank heute: "Ich habe einige Zeit gebraucht, um bei mir anzukommen." Die vier Kinder (drei davon sind inzwischen aus dem Haus), die Tiere und der Hof füllten ihren Alltag aus. So blieb sie für die meisten ihrer Mitbürger über Jahre hinweg die Pferdehalterin aus der Stadt, die seit etwa eineinhalb Jahrzehnten eher zurückgezogen bei Kottendorf lebt.

Nach bald vier Monaten im Amt schildert Frank die "Riesenwende vom total selbstbestimmten Leben mit vielleicht einem Termin in der Woche hin zum Abarbeiten unverschiebbarer Verpflichtungen". Sich im März zur Wahl zu stellen, sei "wohl das Gegenteiligste, was ich habe machen können". Aber sie habe schon oft Neues begonnen und gelernt, in veränderte Rolle hineinzuwachsen.

Gewusst wie

Ihr berufliches Wissen, früher als Verwaltungsangestellte bei der Telekom und in den vergangenen Jahren als Therapeutin, hilft ihr im Bürgermeisteramt. "Ich weiß, wie man Gesetzestexte liest, wie Hierarchien und Haushaltsfragen funktionieren und ich kann mit Menschen umgehen", sagt sie.

Sie lerne fürs Leben gerne und arbeite sich mit Begeisterung in neue Themen ein. Früher habe sie oft nicht verstanden, warum so vieles in der Politik nicht möglich ist. Heute stelle sich dies anders dar. Sie erfasse Möglichkeiten und Grenzen und konzentriere sich auf die Potenziale.

Zustimmung als Rückenwind

Die ungewöhnlichen Umstände ihrer Wahl haben überregional Aufsehen erregt. Bis Ende Februar hatte sich niemand bereitgefunden, für das Ehrenamt des Bürgermeistes und die Nachfolge von Gertrud Bühl zu kandidieren. Die Urwahl war besiegelt, sämtliche Fristen verstrichen. Wenige Tage vor dem Wahlsonntag bot sich Ruth Frank kurzentschlossen als inoffizielle Kandidatin an, bislang politisch nicht in Erscheinung getreten und - wie gesagt - vielen Breitbrunnern nicht mal als Mitbürgerin bekannt. Der Erfolg war überwältigend. Von 547 gültigen Wählerstimmen entfielen 385 auf die parteilose Überraschungskandidatin, das sind mehr als 70 Prozent. Mit solch überzeugender Zustimmung hatte Ruth Frank nicht gerechnet. Die Begeisterung darüber und die seither erlebte freundliche Aufnahme durch die Breitbrunner beflügeln sie.

Ein Kraftakt

Gleichzeitig bekennt sie wie in allem sehr reflektiert: "Ich bin immer noch dabei, mir bewusst zu werden, was die Wahl mit mir angestellt hat." Wird ihr doch immer mehr bewusst, wie schwer sich Amt, Familie und Beruf vereinbaren lassen. Den Spagat erlebt sie als Kraftakt, ja als Belastung, auch körperlich - und dies, obwohl die terminlichen Verpflichtungen wegen Corona noch überschaubar sind. Da ist der Sohn, der gerade in die sechste Klasse des Gymnasiums gewechselt ist und der Mutter bedarf. Und da wächst die Erkenntnis, wie aufwendig sich das Bürgermeisteramt selbst in einer kleinen Gemeinde gestaltet.

Andererseits, sagt sie, sei in ihr das Interesse an den Menschen und die Freude daran, mit ihnen zusammenzuarbeiten, in den vergangenen Jahren wieder deutlich gewachsen. Ihre Tätigkeit als Heilpraktikerin hat sie mittlerweile zurückgefahren. Geht nicht so nebenher. "Mir kommt es auf das Miteinander an, und das habe ich als Bürgermeisterin genauso", sagt die 52-Jährige. Die Bürger erleben sie voller Herzlichkeit und Zuwendung. Eigenschaften, die ankommen und Verbindung schaffen.

Auf Vorstellungstour

Seit ihrem Amtsantritt ist Frank viel mehr als früher unterwegs. In der Anfangszeit vor allem, um Kontakte zu knüpfen, sich bei Gremien, Behörden, Vereinen und in der Bevölkerung bekannt zu machen und Einblicke zu verschaffen. Jeden Tag, erklärt sie im Interview, erlebe sie wie ein neues Türchen in einem Adventskalender: voller Neuigkeiten und Überraschungen.

Aus weiblicher Perspektive

Als einzige Bürgermeisterin im Landkreis und im Bereich der Verwaltungsgemeinschaft Ebelsbach will sich die Breitbrunnerin in einer "Männerwelt" mit Menschlichkeit und eigenen weiblichen Ansätzen bewähren. "Gerade darin besteht ja der Reiz, sich mit seinen Ideen einzubringen, von der anderen Seite zu lernen und aus diesen Ansätzen was zu machen," sagt sie. "Vielleicht tut man sich in der Vermittlerrolle als Frau manchmal sogar leichter."

Anders stellen sich die Verhältnisse im neuen Gemeinderat dar. Für die Kommunalwahl hatten sich die Breitbrunner Kandidaten zu einer Liste zusammengetan. Mit sechs weiblichen und sieben männlichen Mitgliedern weist das neue Gremium eine beachtliche Geschlechterquote auf. Die Atmosphäre bei den Sitzungen beschreibt die Bürgermeisterin als ausgesprochen angenehm. "Das sind sehr viele junge und engagierte Leute, das macht großen Spaß!" Bislang allerdings, räumt sie ein, gab es noch nicht allzu viele Sitzungen und man habe sich weitgehend mit Formalien beschäftigt. Am 22. September stand mit der Beratung des Haushalts eine wichtige Entscheidung auf der Tagesordnung des Gremiums, ging es doch um finanzielle Weichenstellungen für die Projekte der Gemeinde.

Es gibt vie zu tun

Für die nächste Zeit stehen der Kindergartenumbau und das Gemeindehaus Kottendorf auf der Agenda. Außerdem will sie den Breitbandausbau forcieren, einen Treffpunkt für die Jugend schaffen. Dann ist da das Großprojekt "Sandsteinerlebniswelt", das der Gemeinderat jetzt mit der "Beauftragung des Planungsbüros" ein wichtiges Stück weiter vorantreibt. Für die Gemeindeentwicklung schwebt Ruth Frank ein Gesamtkonzept vor, das auch Entwässerungsprobleme, seniorengerechtes Wohnen, ein neues Baugebiet und beispielsweise einen Wohnmobilplatz berücksichtigt. Bei Bürgerversammlungen will sie erfahren, was der Bevölkerung am Herzen liegt.

Der Ausgleich

"Der Wunsch nach Rückzug ist geblieben, um aufzutanken", erklärt die frühere Bambergerin. Sie genieße die Erdung beim Ausmisten im Pferdestall oder die Entspannung beim Joggen. "Da kommen einem viele Ideen; das ist oft schon die halbe Arbeit." Richtig abschalten kann Ruth Frank selten: "Aber das muss man lernen. Und man sollte erkennen, dass niemand perfekt sein muss."

Die Sprechstunde von Ruth Frank findet jeweils donnerstags ab 18 Uhr im Breitbrunner Gemeindezentrum (Bürgermeisterzimmer) statt.

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