Es könnte ein politischer Meilenstein sein. Eine Frau als Stellvertreter des Landrats - das gab es im Kreis Haßberge noch nie. Ein entsprechender Antrag der Grünen spaltet aktuell die politischen Gemüter, wirft aber eine größere Frage auf: Können es Frauen in der Kommunalpolitik wohl nur per Quote zu etwas bringen?

"Will man Frauen fördern, wie immer bei Wahlkämpfen beteuert wird, muss man im Landkreis ein Zeichen setzen." Für Harald Kuhn ist es an der Zeit für Veränderung. Der Antrag seiner Partei fordert daher einen dritten Stellvertreterposten, der zwingend an eine Frau vergeben werden muss, sollten die ersten beiden Stellen bereits mit Männern besetzt sein - im konkreten Fall sind das Michael Ziegler und Oskar Ebert. Ein notwendiges Mittel zur Frauenförderung finden die einen, eine Reduzierung auf den Titel "Quoten-Landrätin" kritisieren andere.

Als Politikerin sichtbarer werden

"Der erste und zweite Vertreter sind ordentlich und gesetzlich korrekt gewählt. Es wäre fatal, wollten wir jetzt anfangen, daran herumzudoktern", mahnt Monika Schraut (ÖDP). Und dennoch: Wer in der Politik Stimmen sammeln will, müsse erst einmal gesehen werden. "Wenn es unser Ziel ist, politisch aktive Frauen zu haben, dann brauchen wir sie in sichtbaren Rollen." Eine gesetzliche Grundlage gebe es dafür bisher nicht. "Aber niemand hindert uns, hier praktisch und klug zu entscheiden", befürwortet Schraut die Frauen-Quote.

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Ganz anders dagegen Birgit Bayer: Die ehemalige Riedbacher Bürgermeisterin ging 2014 für die Freien Wähler selbst als Landratskandidatin ins Rennen. Ihre politischen Erfolge möchte sie jedoch nicht auf eine Quote zurückführen müssen. "Wenn wir eine Stellvertreterin wählen, wäre sie immer die Quoten-Frau. Darauf möchte ich mich nicht reduzieren lassen." Sie zweifle daran, dass eine Frauen-Quote der Gleichberechtigung dienen würde. Die Wählergemeinschaft Haßberge schaffe es auch so auf einen Frauenanteil von 40 Prozent - ganz ohne Quote, stellt Bayer klar. "Und darauf bin ich stolz."

Eine solche Regelung tue politisch engagierten Frauen keinen Gefallen, meint auch Heidi Müller-Gärtner (CSU). Dass sie zur Zweiten Bürgermeisterin von Maroldsweisach gewählt wurde, habe einen einfachen Grund: "Weil ich die meisten Stimmen im Gemeinderat bekommen habe. Somit bin ich den Wählern gerecht geworden." Die Einführung einer Quote sei der falsche Weg, um den Frauenanteil in der Kommunalpolitik zu erhöhen. Zwei andere Punkte halte sie für wichtiger: "Voraussetzung dafür, dass sich Frauen wählen lassen, ist, dass sie sich überhaupt trauen, sich aufzustellen." Und selbst dann mangele es oft an gegenseitiger Unterstützung. "Viele Frauen wählen keine Frau und wundern sich danach, dass keine in solchen Posten ist."

Eine Quote könnte kompetente Frauen jedoch zu Führungspositionen verhelfen, die sonst nicht möglich gewesen wären, erläutert Gleichstellungsbeauftragte Christine Stühler. "Denn eine Frau nur um ihres Frau-Seins willen wird diese Positionen auch nicht erhalten. Andererseits wird sich jeder in dieser Position bewähren müssen, um dort anerkannt zu sein."

Der Frauenanteil in den Stadt- und Gemeindegremien liegt aktuell bei 21,6 Prozent, von 380 Mandatsträgern sind nur 82 weiblich. Repräsentativ für die Wählerschaft sei dies nicht, beklagt Stühler: "Wenn man beachtet, dass die Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und sich an der Entscheidungsfindung beteiligen sollten, haben wir hier noch Entwicklungspotenzial." Ein gleicher Männer- und Frauenanteil auf den Wahllisten könnte eine erste Lösung sein. "Dann wären auch in den Gremien mehr Frauen vertreten." Letztendlich sei es Aufgabe der Parteien, Frauen von einer Kandidatur zu überzeugen, um ihren Lebensraum aktiv mitzugestalten.

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Auch im Kreis Haßberge werden politische Führungsrollen meist von Männern besetzt. Schuld daran sei die für Frauen oftmals schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie, beispielsweise bei der Frage der Kinderbetreuung, meint Stühler. "Das liegt derzeit noch immer überwiegend bei den Frauen. Leider sind wir in diesem Bereich häufig noch in den alten Rollenbildern verhaftet." Doch auch die weiblichen Erfolgsgeschichten auf Kommunalebene gebe es immer wieder: "Ich habe bisher ganz bemerkenswerte Frauen kennenlernen dürfen, die das Amt der Bürgermeisterin hervorragend und absolut anerkannt ausgeführt haben. Auch im Kreistag und in den Stadt- und Gemeindegremien haben wir tolle Mandatsträgerinnen, die sich engagiert einbringen."

Auf die Mischung kommt es an

Frau, Mann oder Divers, jung und alt, mit Migrationshintergrund oder ohne - die Mischung mache den Erfolg beruflicher Teamarbeit aus, ist Anke Schäflein überzeugt. Die Geschäftsführerin des Caritasverbandes Haßberge kenne als Frau in einer leitenden Funktion die emotional geführte Gender-Debatte nur zu gut. "Wissenschaftlich bekannt ist, dass Unternehmen und Teams, die eine große Diversität aufweisen, erfolgreicher sind - wirtschaftlich und qualitativ", erklärt Schäflein. Auch die verschiedenen beruflichen Qualifikationen und privaten Biografien der einzelnen Mitarbeiter spielen dabei eine Rolle.

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Dass Frauen eine mindestens genauso gute Besetzung für Chefpositionen sein und mit ihrem "etwas anderen Führungsstil" überzeugen können, sollte mittlerweile bekannt sein, meint Stühler. "Ich finde es toll, wenn männliche Gremiumsmitglieder die Erhöhung des Frauenanteiles unterstützen. Sie haben realisiert, dass gemischte Teams auch in politischen Gremien von Vorteil sind, weil sie andere Sichtweisen und Bedürfnisse in die Entscheidungsfindung einfließen lassen."

Funktionsträger statt Teamgeist

Doch beim Punkt Teamarbeit scheiden sich die politischen Geister: Die Kreise Schweinfurt, Bad Kissingen, Würzburg und Rhön-Grabfeld haben einen dritten Stellvertreter installiert, um die Effektivität eines gemischten Teams zu nutzen. Doch in einer reinen Stellvertreterfunktion komme die weibliche Teamfähigkeit gar nicht zum Tragen, bemerkt Bayer: "Das Amt eines stellvertretenden Landrats ist kein Amt, das von der ausübenden Person gestaltet werden kann. Es wird nur im Bedarfsfall besetzt." Rückendeckung kommt hier von Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD): "Es geht dabei nicht um ein Team, das zusammenarbeitet, sondern um eine Stellvertretung der Funktion."

Strittig ist zudem, ob der Kreis Haßberge bezüglich des anfallenden Arbeitspensums überhaupt einen dritten Stellvertreterposten benötigt und sich diesen finanziell leisten könne. Denn allein die Größe eines Landkreises ist nicht entscheidend für die Anzahl seiner Landräte. "Vielleicht sollten andere Ausgaben genauer unter die Lupe genommen werden, wenn wir Frauen fördern als zu teuer empfinden", moniert Kuhn.

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Der Schaden, den reine Männerorganisationen anrichten können, werde seiner Ansicht nach an der aktuellen Weltpolitik deutlich. Weibliche Regierungschefs wie die Neuseeländerin Jacinda Ardern oder die Finnin Sanna Marin überzeugen mit ihrem umsichtigen Führungsstil während der Corona-Krise - anders als ihre männlichen Kollegen Donald Trump oder Jair Bolsonaro. Daraus abzuleiten, dass Frauen generell bessere Politiker sind, sei jedoch nicht angebracht, warnt Stühler. "Aber es zeigt, dass es inzwischen viele Frauen gibt, die sehr erfolgreich und akzeptiert ihr politisches Amt ausüben. Oftmals geht es uns Frauen nicht um Macht und Geld, sondern darum, Dinge voranzubringen zum Wohle der Menschen, für die wir Verantwortung tragen."

Warum eine Frauen-Quote rechtlich nicht zulässig wäre

Abstimmung Der Antrag zur Bestellung einer weiblichen Stellvertretung für den Landrat wurde mit 39 zu 13 Stimmen abgelehnt. Eine solche Quote verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz sowie den Grundsatz der freien Wahl, erläuterte Landratsamt-Geschäftsführer Horst Hofmann. Die ÖDP plant, einen weiteren Antrag einzureichen.

Ansprechpartner Über den Arbeitskreis "Mehr Frauen in der Kommunalpolitik" setzen sich die unterfränkischen Gleichstellungsbeauftragten für die Erhöhung des Frauenanteils in politischen Gremien ein. Ziel des Aktionstages "Politik braucht Frauen" ist, mehr Frauen den Weg in die Politik zu ermöglichen. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der nächste Aktionstag auf 2021 verschoben. Die Gleichstellungsbeauftragte Christine Stühler ist im Landratsamt von Montag bis Freitag zwischen 9 und 11 Uhr unter 09521/27-655 erreichbar.