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Zeil am Main
Wünschewagen

Mit dem Wünschewagen nach Schlesien: Anblick des Geburtshauses rührt 100-jährigen Zeiler zu Tränen

An seinem 100. Geburtstag wollte Hermann Günther aus Zeil im Landkreis Haßberge ein letztes Mal sein Heimatdorf Schossdorf im ehemaligen Schlesien sehen. Diese Bitte hat der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds dem Jubilar erfüllt.
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Dick eingepackt wurde Hermann Günther in einem Krankentransportwagen des Arbeiter-Samariter-Bundes mit maximal 80 Stundenkilometern nach Polen gebracht, um sein Heimatdorf noch einmal zu sehen. Fotos: privat
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Auf seiner großen Reise wurde Hermann Günther von seinen drei Töchtern und zweien seiner Enkel begleitet. Den Krankentransport übernahmen eine Ärztin, ein Krankenpfleger und ein Sanitäter im Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB).

"Vor der Reise war mein Vater davon überzeugt, dass er die weite Fahrt schafft. Vor Corona hatte er sich vorgestellt, mit der ganzen Familie in mehreren Kleinbussen nach Polen zu fahren. Das wäre unmöglich gewesen. Wir haben schnell gemerkt, dass die Fahrt für ihn extrem anstrengend ist. Zeitweise dachten wir, er schafft es nicht", erzählt Ulrike Günther, die Älteste der drei Töchter.

Schaukelige Fahrt im Krankenbett

Acht Stunden lang lag der 100-Jährige im Krankentransportwagen, bis die Reisegesellschaft endlich Hermann Günthers Heimatort erreichte: Schossdorf, heute Ubocze, in Polen. Die Gefühle, die ihren Vater beim Anblick seiner alten Heimat überkamen, haben die Töchter in einem Reisetagebuch festgehalten: "Als ich mein Geburtshaus sah, konnte ich die Tränen kaum zurückhalten. Es ist in einem so schönen Zustand, damit hatte ich nicht gerechnet. Der Verlust (der Heimat) schmerzte, doch gleichzeitig war ich glücklich darüber, dass unser ehemaliges Haus von den neuen Besitzern so wertgeschätzt wird."

Obwohl der Besuch der Günthers für die neuen Hausbesitzer völlig überraschend kam, luden sie die Familie und ihre Begleiter ein und überreichten ihnen sogar alte Fotos, die sie bei Umbauarbeiten gefunden hatten.

Die Reise ist noch keinen Monat her, aber mittlerweile hat der Zeiler körperlich abgebaut. Zusammen gesunken sitzt der 100-Jährige auf dem Sofa in dem Haus, das er 1965 mit seiner Familie in Zeil bezogen hat. Er hört schlecht und auch das Reden strengt ihn an. Das übernehmen seine Töchter. Heute sind Christine (57) und Ulrike (59) bei ihm. "Er kann nicht alleine sein, will immer jemanden um sich haben", erklärt seine Älteste. "Der Geist ist fit, aber der Körper kann nicht mehr", ergänzt Christine.

Die Töchter sind froh, ihrem Vater seinen letzten Wunsch erfüllt zu haben. Die Idee hatte Neffe Mirko. Gerade einmal zehn Tage vergingen zwischen seiner Kontaktaufnahme mit dem ASB und der Fahrt nach Polen. Genauso sportlich war auch das Reiseprogramm. Nach einer Übernachtung in Görlitz durchlebte Hermann Günther im Nachbardorf Greifenberg noch einmal alte Erinnerungen an den Brand des Rathausturmes und an seine Schule. Nach einer letzten Fahrt durch Schossdorf verließ die Reisegesellschaft Hermann Günthers alte Heimat über die Brücke, die sein Vater Gustav mit erbaute. Dann ging es wieder zurück in den Landkreis Haßberge - seine alte-neue Heimat.