"Das Frauenhaus ist kein Zuhause. Aber eine notwendige Unterkunft. Und ich bekomme die Hilfe, die ich brauche!" Das sagt Viktoria F.. Mit ihren 18 Jahren ist die junge Frau keine typische Bewohnerin des Coburger Frauenhauses. Doch auf den Rat ihres Freundes und mit Unterstützung des Vaters einer guten Freundin hat sie den Weg dorthin gefunden. Die Sozialarbeiterin Marlene Sinß sagt: "Gut, dass Viktoria zu uns gekommen ist. Wir können ihr helfen, ihr Leben zu strukturieren." Dazu gehört es nicht nur, Anträge richtig auszufüllen und pünktlich zu Terminen zu erscheinen. Durch die psychosoziale Beratung, die die Sozialarbeiterinnen anbieten, finden die Frauen zu einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben. Viktoria F. sei auf einem guten Weg, sagt Marlene Sinß und schaut sie hoffnungsvoll an.

Auf der Straße

Viktoria F. stand Mitte November auf der Straße - das Ende einer Odyssee, die im Mai dieses Jahres begann: Die junge Frau hatte sich im Frühjahr entschieden, wieder zu ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihren drei Geschwistern zurück nach Coburg zu ziehen. Drei Jahre hatte sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, im Kinderheim und bei einer Pflegefamilie in Bayreuth verbracht - auf eigenen Wunsch. Die Zustände daheim nach der Scheidung ihrer Eltern waren für die damals 13-Jährige unerträglich. Sie lief immer wieder weg. Vor allem vor dem Stiefvater. "Es war keine körperliche Gewalt im Spiel", sagt sie, aber psychisch habe sie die Beleidigungen und Demütigungen nicht mehr ertragen.

Sehnsucht nach Mama

Im Mai dieses Jahres glaubte sie, dass sie daheim bei ihrer Mutter besser aufgehoben sei. So groß war die Sehnsucht. Doch es dauerte nicht lange, da zeigten sich alte Muster. "Die Stimmung war immer gedrückt, wenn mein Stiefvater in den Raum kam. Mama lachte gar nicht mehr und redete auch nicht mit mir." Es kam immer wieder zu Streitigkeiten.

Als ihre Eltern ihr dann auch noch den Freundeskreis verbieten wollten, packte Viktoria ihre Sachen. Ihre Ausbildung zur Industriekauffrau war nach vier Tagen beendet. "Ich musste wegen eines Corona-Tests in Quarantäne, aber der Kumpel, bei dem ich untergekommen war, hat die Krankmeldung nicht abgegeben." Ihr wurde gekündigt.

Falscher Freundeskreis

Der Freundeskreis war es dann schließlich auch, der Viktoria tief nach unten zog. Denn Drogenkonsum und Gewalt waren an der Tagesordnung. Psychisch für das Mädchen kaum zu ertragen. Viktoria wandte sich ans Jugendamt, an das Jobcenter, an die zuständigen Kommunen. "Ich wollte, dass den Jungs geholfen wird. Aber keiner tat etwas", erzählt sie enttäuscht. Sie selbst schaffte es, ihren Freund aus der Gruppe zu ziehen und bei dessen Oma einzuquartieren. Viktoria selbst wollte zurück zu ihrer Mutter. Doch da war sie nicht mehr willkommen. "Ich hatte ein paar Tage Zeit, meine Koffer zu packen und sollte verschwinden."

Willkommen im Frauenhaus

Viktoria berichtet ganz ruhig und sachlich. Ihr Freund war es dann, der im Frauenhaus anrief und nachfragte, ob Viktoria kommen könne. Der Vater ihrer Freundin fuhr sie zum vereinbarten Treffpunkt. Dort wurde sie von einer Sozialarbeiterin des Frauenhauses abgeholt und zum geheimen Standort des Frauenhauses gebracht.

Corona-Schnelltest, Schweigepflichtentbindung, Mietvertrag, Hausregeln - all diese Formalitäten stehen am Anfang eines jeden Einzugs. Viktoria wohnt zusammen mit einer muslimischen Frau und deren beiden Kindern in der Unterkunft. Jeder hat sein eigenes Schlafzimmer. Das Bad, Ess- und Wohnzimmer teilt man sich.

Insgesamt kann das Coburger Frauenhaus fünf Frauen und fünf Kinder aufnehmen. "Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr waren wir brechend voll", sagt Marlene Sinß. Da seien sogar neun Kinder unterzubringen gewesen.

Viktoria F. arbeitet seit Mitte Dezember als Verkäuferin. Die Miete, die im Frauenhaus zu zahlen ist, übernimmt ihr leiblicher Vater, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat. Zwar habe das etwas gelitten in letzter Zeit, aber er bringe ihr ab und zu etwas zu essen und treffe sich mit ihr.

Weihnachten im Frauenhaus war schon am 23. Dezember. Da gab es diesmal eine große Bescherung. "Wir wurden mit vielen Spenden bedacht", freut sich Marlene Sinß. Den Heiligen Abend verbrachte Viktoria allein in ihrem Zimmer. Wenn sie ins Handy schaute, sah sie die Bilder ihrer glücklichen Schwestern im Familienchat. "Ich war sehr traurig und fühlte mich so allein", gibt sie zu. Abends traf sie sich mit ihrem Bruder und am ersten Feiertag hatte sie die Oma ihres Freundes zum Essen eingeladen. Es geht aufwärts. Ihre Ziele und Wünsche für 2021 hat sie auch schon formuliert: "Ich möchte einen guten Kontakt mit meinem Papa, mit meinem Freund in eine eigene Wohnung ziehen, eine Ausbildung zur Erzieherin machen, um später mal in einem Kinderheim zu arbeiten. Eigentlich brauche ich nur meinen Frieden", sagt Viktoria. Aber immer wieder komme was Neues. "So ist das Leben", tröstet sie Marlene Sinß.