Der pinkfarbene Roller war nie ein Problem. Max fuhr damit wie ein Blitz durchs Dorf. Doch es kam der Tag als er ihn in die Ecke schleuderte - mürrisch, mit den Worten: "Das ist ein Mädchenroller." Da war er sechs.

Max spielt auch gern Superheld. In seinem Kinderzimmer im Regal sitzen sie alle, die Heros von heute: Captain Marvel, Aquaman, Spiderman, Black Panther und natürlich Batman. Seine großen Schwestern liebten andere Puppen: Babyborn und Barbie. Die Rollen scheinen eindeutig verteilt. Wäre da nicht der kleine Bruder. Für ihn sind die Paw Patrols - vier kleine Hunde, Helfer in der Not - Vorbilder. Das Geschlecht bei den Vierbeinern spielt keine Rolle. Warum ist das so? Macht eine Genderdiskussion im Kinderzimmer Sinn?

Warum Jungs auf Bälle, Autos, Pistolen (Nerfs) stehen und Mädchen im Sandkasten immer noch am liebsten Kuchen backen, kann Christine Spiller, die Leiterin des Coburger Puppenmuseums, historisch begründen.

"In den bürgerlichen Familien des 19. Jahrhunderts wurden Mädchen und Jungen ganz bewusst geschlechtsspezifisch erzogen. Mit Puppen, Puppenstuben und -küchen bereitete man die Mädchen auf ein Leben als Mutter, Hausfrau und Repräsentantin der Familie vor. Die Jungs bekamen Eisenbahnen, Dampfmaschinen und Zinnsoldaten, denn sie sollten später das Vaterland verteidigen, Geld verdienen und eine Familie ernähren." Dieses bürgerliche Ideal sei in der Mitte des 20. Jahrhunderts, im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit noch einmal gestärkt worden und wirke in Teilen bis heute fort.

Im Dialog mit Christine Spiller wollen wir den Einfluss von Spielzeug auf Rollenbilder und Vorurteile beleuchten.

Frau Spiller, waren Sie nicht auch überrascht, dass bei Ihrer Umfrage im Februar 2019 Berufsschüler angaben, dass Mädchen am liebsten mit Puppen, Küchenutensilien und dem Arztkoffer spielen, während bei Jungs Fußball, Autos und Soldaten aufgeführt wurden? Wie erklären Sie sich das nach über 50 Jahren Frauenbewegung und Emanzipation, aktuellen Diskussionen über Frauenquoten und Gendersprache...

Christine Spiller: Nun ja, die Schüler/innen waren durch meine Fragestellung "was ist für euch typisch Mädchen, was typisch Junge?" beeinflusst und bereits auf die klassischen Rollenbilder hingewiesen. So waren die Antworten nicht allzu überraschend. Trotzdem entsprachen viele Aspekte doch noch ihrem täglichen Erleben. Das macht deutlich, dass hier noch Diskussions- und Aufklärungsbedarf besteht und dass der Internationale Frauentag auch nach 110 Jahren noch seine Berechtigung hat.

Sind die Medien und ganz gezielt Werbung schuld an dieser Entwicklung oder ist es nicht einfach normal, dass die Industrie auf die Kunden reagiert? Also, wenn nun mal die drei- und vierjährigen Mädchen auf Rosa und Pink stehen, ist es dann nicht legitim, die Nachfrage zu bedienen? Oder haben auch Spielzeughersteller einen gesellschaftlichen Auftrag?

Die Frage müssten Sie mit den Spielzeugherstellern diskutieren. Einige sehen für sich durchaus einen gesellschaftlichen Auftrag und richten ihr Angebot (teilweise) danach aus, andere weniger. Natürlich ist es normal und legitim, dass die Industrie auf die Kunden reagiert. Ich will das auch gar nicht verdammen, es ist ja meist auch schönes und qualitativ gutes Spielzeug.

Es geht mir als Kulturwissenschaftlerin eher darum, diese scheinbar widersprüchlichen Strömungen zwischen gesellschaftspolitischer Gender-Diskussion und Spielzeugangebot offenzulegen und dafür zu sensibilisieren.

Sehen Sie Rückschritte im Hinblick auf die Spielzeugauswahl von heute? In den 70ern beispielsweise bestand Lego aus "geschlechtsneutralen, bunten Steinen", heutzutage sind "Lego friends" in lila-pink und kleinen blonden Plastikmädchen hoch im Kurs... Wie erklären Sie diesen "Pinkifizierungs"-Trend?

Ich war tatsächlich überrascht, dass manche Hersteller wie Lego oder Playmobil oder auch Ferrero (Ü-Ei) die Mädchen-Linien auf den Markt gebracht haben, genau in einer Zeit, in der viel über Frauenquote und Elternzeit für Väter diskutiert wurde. Einen Vertreter habe ich dann auch gefragt, was dahinter steckt. Die Antwort war: "Weil es die Kundschaft kauft." Die Genderforscherin Stevie Schmiedel sieht dahinter eine Strategie der Unternehmen, um mehr Umsatz zu machen. Wenn es eine Mädchen-Linie gibt, dann wollen die Mädchen das haben und nehmen weniger das abgelegte Spielzeug des großen Bruders.

Wie sprechen Sie als Leiterin des Coburger Puppenmuseums Jungs an? Und welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Jungs gemacht, die ihre Ausstellung besuchen?

Wenn kleine Jungs bis fünf Jahre mit ihrer Kindergartengruppe kommen, fühlen sie sich meist im Puppenmuseum genauso wohl wie die Mädchen, weil sie völlig vorurteilsfrei kommen und eben noch nicht meinen, dass ein Puppenmuseum nur etwas für Mädchen/Frauen ist. Größere Jungs versuchen wir mit Sonderausstellungen und Aktionen zu anderen Spielzeugthemen wie beispielsweise Lego oder Brettspielen anzusprechen. Je offener die Eltern sind, umso selbstverständlicher nehmen auch die Kinder einen Besuch bei uns an.

... definieren Sie doch mal den Begriff Puppe. Sind nicht auch Captain Marvel und Spiderman Puppen, mit denen Kinder - also Jungs und Mädchen spielen?

Eine Puppe ist die Nachbildung eines Menschen. Sofern die Superhelden menschenähnliche Wesen sind und eine gewissen Größe und ein eher weiches Material haben, könnten man sie durchaus zu den Puppen zählen. Oft spricht man aber von Figuren, gerade wenn sie klein und aus harten Materialien sind. Der Begriff Puppe impliziert aber auch immer das Umsorgen und Liebhaben-Können, also eine emotionale Zuwendung, die bei den Superhelden nicht unbedingt im Vordergrund steht.

Mit welchem Spielzeug Kinder am liebsten spielen, bestimmt die Werbung zu 70 Prozent, haben Wissenschaftler herausgefunden. 30 Prozent Einfluss können Eltern nehmen. Sollten Eltern Ihrer Meinung nach ganz gezielt auf "geschlechtsneutrales" Spielzeug achten? Oder provokant gefragt: Was ist eigentlich so schlimm an Rollenbildern? Wenn Mädchen Mädchensachen lieben und Jungs gern Kampfspiele machen?

Natürlich dürfen Mädchen die rosa Glitzer-Prinzessinnen-Welt lieben und Jungs im Spiel starke Kämpfer sein. Im Hinblick auf die Geschlechterrollen im späteren Leben fände ich aber gut, wenn Kinder allgemein die Vielfalt kennenlernen dürfen und der Junge eben auch zum rosa Einhorn und das Mädchen zum Spiderman greifen darf, ohne dass bewusst oder unbewusst vermittelt wird: "Das ist nichts für dich, das ist Mädchenkram" oder "das ist nur etwas für die Jungs".

Wenn wir uns für Frauen im Beruf und in der Gesellschaft wünschen, dass sie in keine Rolle gedrängt werden, sondern ihren Lebensweg frei wählen können, wäre es doch gut, wenn die Offenheit auch beim Spielzeug ganz selbstverständlich gelten würde. Eltern würde ich daher raten, darauf zu achten, was sich ihr Kind wirklich wünscht und was es gerne macht, ohne sich von Rollenbildern beeinflussen zu lassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass das leichter gesagt als getan ist.