Der Tag fing schon gut an. Um 8.30 Uhr rief ein verärgerter Vater aus dem Itzgrund bei Schulrat Uwe Dörfer an, um seinen Frust abzulassen. Sein Kind müsse seit 8 Uhr an einer Videokonferenz teilnehmen, aber die Schaltung funktioniere nicht.

Familie K. hat zu diesem Zeitpunkt mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Tochter Mathilda sitzt mit dem Laptop der Mutter im Wohnzimmer und nimmt am Englischunterricht teil - wie übrigens alle, die sich im Wohnzimmer aufhalten. In ihrem Kinderzimmer klappt es nämlich mit dem WLAN nicht. Die große Schwester ist in ihrem Zimmer und macht ihre Aufgaben am Computer selbstständig. Gustav, der in die ersten Klasse geht, bearbeitet seine Arbeitsblätter, die er mit seiner Mutter um 8 Uhr in der Schule abgeholt hat. Der Vater hat sich ins Homeoffice in sein Büro zurückgezogen. Und Johann, der Dreijährige, hüpft im Wohnzimmer rum. Auf eine Notbetreuung hat die Familie verzichtet. Bisher.

"Wie das dauerhaft gehen soll, weiß ich nicht", sagt die Mutter drei Stunden später am Telefon. Mathilda sei mittlerweile in die Aufnahmekabine umgezogen, die der Vater sonst für seine Musik nutzt. Sie versteht manche Aufgaben nicht und braucht Hilfe. Frida sei völlig gestresst für elf Minuten aus ihrem Zimmer gekommen und habe sich ein Pausenbrot geholt. Johann war kaum zu bändigen und Gustav versucht konzentriert zu bleiben. Er braucht Unterstützung und muss ständig motiviert werden: "Mama, wie geht das?", "Ich verstehe das nicht", "Ist das so richtig?"

Für die Hausarbeit bleibt kaum Zeit. "Das Schlimmste ist, dass die Kinder so lange in den Computer starren müssen. Das ist ja so anstrengend für die Mädchen", resümiert die Mutter. Morgen muss sie selbst wieder zur Arbeit. Sie überlegt, Johann doch in die Notbetreuung in den Kindergarten zu geben. "Der geht hier ja völlig unter. Ich habe gar keine Zeit für ihn."

Dass es bei ihren Freundinnen nicht anders läuft, zeigen die Beiträge in den Instagram-Storys, wo die Mütter ihren Frust ablassen und versuchen, die Situation mit Humor zu nehmen. "Welcome to Hell" postet eine, deren Küchentisch zum Computerarbeitsplatz für drei geworden ist.

Für jeden, der's braucht

Um Eltern zu entlasten, wurde bei dem erneuten Lockdown eine Notbetreuung in Schulen und Kindertagesstätten eingerichtet. "Für jeden, der's braucht" hat Ministerpräsident Markus Söder gesagt. Aber natürlich mit dem Hinweis , möglichst auf soziale Kontakte zu verzichten.

"Was man erreichen wollte, ist nicht eingetreten", sagt Schulamtsdirektor Uwe Dörfer. Denn anders als erwartet, werde die Notbetreuung überraschend viel genutzt. Gerade in den kleinen Coburger Schulen sind fast 40 Prozent der Kinder in der Schule und hätten dadurch viele soziale Kontakte. Eine davon ist die Grundschule Neuses mit aktuell 34 Schülern in der Notbetreuung. Von jeder Jahrgangsstufe ist nahezu die Hälfte der Klasse im Schulgebäude. Für die Rektorin Jasmin Müller-Alefeld ist das jedoch kein Problem. Große Klassenzimmer, wenig Schüler und eine vorbildliche Ausstattung mit Beamer, Laptops, Dokumentenkamera und Tafelbeamer helfen den Schülern und Lehrern, in gutem Kontakt zu bleiben - auch auf Distanz. Und mit einem guten Hygienekonzept.

In einem Elternbrief wurden die Familien informiert, wie der Unterricht in den kommenden drei Wochen abläuft. Alle konnten wählen zwischen Homeschooling und Notbetreuung. Jede Woche können sich die Eltern neu entscheiden.

Morgens werden die Kinder in der ersten halben Stunden mit dem Wochen- und Tagesplan per Teams-Videokonferenz vertraut gemacht, bekommen ihre Aufgaben. Die Lehrer sitzen im Klassenzimmer zusammen mit den Kindern der Notbetreuung. Während daheim die Kinder ihre Aufgaben dann erledigen, kümmert sich der Lehrer darum, dass auch die Kinder der Notbetreuung mit ihren Aufgaben zurechtkommen. Später am Vormittag findet dann ein Aufgabencheck statt, bei dem die Kinder wieder zugeschaltet sind und Fragen stellen können. Der Englisch- und Heimat- und Sachkundeunterricht findet wie eine ganz normale Unterrichtsstunde live per Teams statt.

Auch für die Nachmittagsbetreuung ist gesorgt. Die Ejott kümmert sich um zwölf Kinder - teilweise bis 16 Uhr.

Notbetreuung ist wichtig

Jasmin Müller-Alefeld hat viele Rückmeldungen von den Eltern und ist sich sicher, dass ihr Konzept gut ankommt. Gerade für bildungsferne Familien, lern- und sozialschwache Kinder sei die Notbetreuung wichtig und richtig.

Auch für Schulrat Dörfer steht fest, dass kein digitaler Unterricht den direkten Kontakt zur Lehrkraft ersetzen kann - lediglich ergänzen. Dennoch hat er Sorge, dass die Vielzahl der sozialen Kontakte die Ansteckungsgefahr wieder erhöhen.

Resümee nach Tag 1: Es bleibt eine große Herausforderung den Spagat zwischen Homeschooling mit den Alltags-Problemen (digital und analog) und der Notbetreuung mit den vielen sozialen Kontakten zu schaffen.