"Wenn einer eine Reise tut... " - diese Redensart suggeriert tolle Erlebnisse und Schilderungen von Abenteuern. Wolfgang Schmidts "Abenteuer" endete allerdings 1988 in einem ungarischen Gefängnis. Er und sein Cousin Andrew waren am Grenzübergang Tompa aufgegriffen worden, als sie einen jungen DDR-Bürger über die Grenze zu Jugoslawien in den Westen schmuggeln wollten.
"Vom Grundsatz her war unsere damalige Entscheidung richtig, aber heute wissen wir mehr", sagt Schmidt rückblickend. Der Hobby-Historiker, der im Weilersbacher Kreis engagiert ist, um die jüdische Vergangenheit im Landkreis Forchheim zu erforschen, hat seine Erlebnisse auf Fahrten in die damalige DDR dokumentiert. Herausgekommen ist ein Zeugnis über die Zeit vor rund 30 Jahren. Ein umfangreicher Anhang aus Dokumenten lässt die Broschüre von 80 Seiten mehr sein als persönliche Erinnerungen.


Leipziger Messe war der Anfang

1972 fuhr Schmidt mit anderen jungen Leuten zum ersten Mal zur Leipziger Messe und lernte dabei junge Leute von der örtliche katholischen Jugend kennen. Und auch gleich die DDR-Grenzkontrollen. Fünf Stunden wurden die Forchheimer gefilzt. "Wir waren wohl auffällig, weil wir keine Geschenke dabei hatten", vermutet Schmidt. Die jährlichen Messen waren eine Chance, Visa zu bekommen. So fuhren die jungen Leute alle Jahre. Schmidt schätzt, dass er in der Zeit etwa 100 gläubige Bürger in der DDR kennen lernte. Die meisten traf er nur ein einziges Mal.
1985 machten Schmidt und seine Freunde Kurzurlaub in Ungarn. Ihr Ziel war es Häuser anzumieten, damit man sich so mit den DDR-Bekannten treffen konnte. In Eger/Erlau lernte die Gruppe Steffen kennen. Der knapp 20-jährige Sachse war noch nie am Balaton, dem Hauptreiseziel gewesen. Man nahm ihn mit. Dort war auch Steffens Freundin Cathrin mit einer Jugendgruppe. Der Wunsch der jungen Frau: einmal die Bundesrepublik besuchen. 1988 ergab sich eine Gelegenheit. Schmidts Mutter feierte ihren 60. Geburtstag. Als "Patentante" lud sie Cathrin ein, so dass die ein Visum erhielt. Die junge Frau entschloss sich zu bleiben und verständigte ihren Freund mit einer codierten Botschaft, dass er umgehend nach Ungarn fliegen solle.
"Mein Cousin Andrew machte mit, Steffen rauszuholen; wir haben einiges aufs Spiel gesetzt", erzählt Schmidt weiter. In der Nacht vor Christi Himmelfahrt ging's los. Die zwei Franken reisten mit einem Visum via Sopron ein. Sie wollten nicht mit Steffen über denselben Grenzübergang zurück; so wählten sie den Richtung Belgrad, wo sie Steffen in die deutsche Botschaft bringen wollten.
Der Grenzübergang Tompa war damals als Schmuggelroute aus Polen berüchtigt. Davon wussten die zwei nichts. Nur: Der Cousin hat einen polnisch klingenden Nachnamen. Das machte sie verdächtig; die Sache flog auf. Gegen eine Kaution von 3200 Mark, die Schmidts weiterer Cousin Walter Krieg nach Ungarn übermittelte, wurden die zwei Westler freigelassen.
"Der Polizeichef von Kecskemet war uns sehr behilflich. Es ging ihm persönlich gegen den Strich, dass Ungarn DDR-Bürger verhaften und ausliefern musste." Mit einem langen Wochenende und zwei Krankheitstagen war für Schmidt die Sache ausgestanden. Steffen dagegen kam in das Zuchthaus Cottbus. Im Juni 1989 erhielt Schmidt die Nachricht, dass er freigekauft worden sei.


Die Stasi wusste alles

"Eine Handvoll guter Freunde ist mir aus der Zeit geblieben", sagt Schmidt rückblickend. Cathrin lebt heute noch in Forchheim. Auch Steffen war eine Zeitlang hier, dann ist er verzogen und der Kontakt riss ab.
Jahre später konnte Schmidt seine Stasiakte einsehen.
"Die wussten unheimlich viel über uns." Nach der Lektüre war er sich aber sicher, dass die Fluchtaktion von keinem Bekannten verraten worden war. Es war wohl wirklich der Nachname des Cousins, der das Fluchtunternehmen scheitern ließ.
Ist noch etwas geblieben? Da lacht Schmidts Frau Petra auf. "Ich." Auf einer Fahrt von Leipzig nach Dresden hatte Schmidt noch in den Siebzigern drei Mädchen mit genommen, die auf dem Weg in ihr Internat bei Magdeburg waren. Schmidt versprach ihnen, Ansichtskarten aus für sie unerreichbaren Urlaubsländern zu schicken. "Das war ein loser Kontakt und irgendwann war Funkstille", erinnert er sich. Bis zum Dezember 1989. Da erhielt er eine Ansichtskarte aus West-Berlin: "Jetzt können wir auch fahren", schrieb ihm Petra.