jennifer brechtelsbauer

Der Raum, in dem Sebastian Schunder steht, ist voll mit leeren Särgen. Sarg an Sarg lehnt an der Wand. Auf einem Tisch steht ein kleiner Sarg, der für eine Überführung vorbereitet wird. Einen Raum weiter gibt es noch mehr Särge. Die Särge in dem Raum sind schon mit Griffen versehen. Immer zur Hand, wenn sie benötigt werden.
Sebastian Schunder ist Junior-Chef bei dem Bestattungsunternehmen Schunder in Prölsdorf. "Wir sind ein Familienbetrieb", erzählt Schunder. Er führt zusammen mit seinen Eltern Rainer und Leni Schunder das Unternehmen. Unterstützt werden sie von sechs Angestellten. Seit 2015 ist Sebastian Schunder Bestattermeister. Im Unternehmen angefangen hat er aber bereits 2010. Zuvor hatte er ein Jahr studiert und festgestellt, dass das nichts für ihn ist.


"Vielseitiger Beruf"

"Bestatter ist ein vielschichtiger Beruf", sagt der 29-Jährige. Die Arbeit hat kaufmännische, handwerkliche und soziale Komponenten, weswegen er die Arbeit schätzt, erklärt er. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag ist die Familie Schunder erreichbar. Die Mitarbeiter haben abwechselnd Bereitschaftsdienst am Wochenende, falls Verstorbene überführt werden müssen. Sebastian und Vater Rainer Schunder haben immer Bereitschaft, denn Beratungsgespräche für Trauerfälle führen nur sie. "Ein freier Tag, dass man zuhause etwas machen kann, das geht nicht", sagt Sebastian Schunder. Mutter Leni arbeitet hauptsächlich im Büro.
"Wir sagen nie Nein", erklärt Rainer Schunder. An normalen Tagen kümmert sich das Unternehmen um vier Beerdigungen pro Tag. In der vergangenen Woche musste die Familie Schunder 24 Beerdigungen organisieren, was nicht so leicht ist. In Bayern darf eine Bestattung frühestens 48 Stunden nach dem Tod erfolgen. Spätestens 96 Stunden, also vier Tage nach dem Tod, muss die Beerdigung stattgefunden haben (natürlich gibt es auch Ausnahmen). Das bedeutet in der Regel, dass das Bestattungsunternehmen nur drei Tage Zeit hat, um alles Nötige zu organisieren. Trotz des enormen Zeitdrucks ist für Rainer Schunder eines klar: "Jede Familie muss denken, dass wir nur für sie da sind."
Die nächste Station auf dem Rundgang ist eine riesengroße Kühlzelle mit zwei Türen. Die Zelle ist mehrere Meter hoch. Hier können bis zu sechs Verstorbene in ihren Särgen ruhen, bis ihre Beerdigung stattfindet.
Jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu werden macht Sebastian Schunder nichts aus. "Wenn man damit aufwächst, ist es was anderes", sagt er. Mutter Leni Schunder erzählt, dass ihr Sohn im Kindergarten zusammen mit einem Freund schon immer Gräber geschaufelt hat. "Es dauert eine gewisse Zeit, bis man alle Szenarien mal miterlebt hat", erzählt der Junior-Chef weiter. "Du musst lernen, hinter dir eine Mauer zu ziehen", sagt Rainer Schunder. Manche Todesfälle, wenn beispielsweise ein junger Mensch verstirbt, nehmen einen mehr mit als andere, erklären Vater und Sohn. Aber: "Du darfst nicht abstumpfen", meint Rainer Schunder.
Der nächste Raum gibt einem ein etwas mulmiges Gefühl. Alles ist steril und klinisch. Der Raum erinnert an eine Pathologie, wie man sie aus den Filmen kennt. In der Mitte des Raumes steht ein Metalltisch mit Waschbecken. Genau hier werden die Verstorbenen hygienisch versorgt, bevor sie angezogen und in den Sarg eingebettet werden.
Und nicht nur das: Junior-Chef Sebastian Schunder hat eine spezielle Ausbildung zum Thanatopraktiker absolviert. Diese Ausbildung machen nicht viele. Der 29-Jährige darf Verstorbene einbalsamieren und Rekonstruktionen vornehmen. Vor allem wenn die Menschen plötzlich versterben, möchten Angehörige sie oft noch einmal sehen, um Abschied zu nehmen. Als Thanatopraktiker rekonstruiert Schunder Körperteile der Verstorbenen, beispielsweise wenn sie bei Unfällen schlimme Verletzungen erlitten oder über längere Zeit Medikamente genommen hatten. Berührungsängste "darf man da nicht haben", sagt der Bestattermeister. Er gibt den Angehörigen so die Möglichkeit, den Verstorbenen noch einmal sehen zu können.


Kein reiner Männerberuf

Inzwischen ist Schunder zusammen mit zwei Kollegen auf dem Weg in ein Krankenhaus in der Region. Dort müssen zwei Verstorbene abgeholt werden. Auf dem Weg dorthin erzählt der 29-Jährige, dass das Unternehmen aktuell eine Auszubildende hat. Die Suche nach einem Azubi war nicht schwer, erklärt er. Aus ganz Deutschland hätten sie Bewerbungen bekommen.
"Die Kommunikationsfähigkeit und Empathie sind wohl die wesentlichen Eigenschaften für diesen anspruchsvollen Beruf", erklärt Klaus Werner, Fachbereichsleiter für Bestattungswesen an der Berufsschule in Bad Kissingen. Insgesamt werden bundesweit etwa 450 Bestattungskräfte ausgebildet, 300 davon besuchen die Berufsschule in Bad Kissingen. In ganz Deutschland gibt es nur eine weitere Berufsschule, die Bestattungsfachkräfte ausbildet.
Der Beruf ist kein reiner Männerberuf, erklärt Werner. Etwa 50 Prozent der Auszubildenden sind Frauen. "Die Abbruchquote bewegt sich im Rahmen anderer Berufe und beläuft sich auf rund fünf Prozent im ersten Jahr der Ausbildung", so Werner.
Der grüne Leichenwagen ist an der Klinik angekommen. Die zwei noch leeren Särge schieben die zwei Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens in die Pathologie des Hauses. Die zwei Bestatter kleiden die Verstorbenen mit der mitgebrachten Kleidung ein. Friedlich liegen sie in ihren Särgen, die Hände liegen wie zum Gebet gefaltet auf dem Bauch. Es scheint, als würden die Verstorbenen schlafen. Die Särge werden verschlossen, in das Auto verladen und von den zwei Bestattern in ein Krematorium gefahren. 50 Prozent der Bestattungen, die die Firma Schunder abwickelt, sind Urnenbestattungen, erklärt der Junior-Chef. "Das wird Jahr für Jahr mehr", erklärt er weiter. Grund hierfür sei der hohe Pflegeaufwand für ein Grab. Viele, die noch kein Grab haben, entschieden sich für eine Feuerbestattung, sagt Schunder junior.


Rundum versorgt

Auf dem Heimweg von Bamberg hält Schunder noch an einem Friedhof an. Am Nachmittag findet hier eine Beerdigung statt, die das Unternehmen organisiert hat. Der Sarg wird aus der Leichenhalle geschoben und das Bild der Verstorbenen aufgestellt. Die letzten Handgriffe werden gemacht, bevor die Angehörigen kommen.
Jeder Todesfall ist individuell, erklärt der 29-Jährige. Für gewöhnlich bekommt das Bestattungsunternehmen einen Anruf, in dem es über den Tod eines Angehörigen informiert wird. Danach werden ein Beratungstermin und die Abholung des Verstorbenen vereinbart.


Vielfältige Aufgaben

Ein Bestatter muss aber noch viel mehr tun. Vor der Beerdigung kümmert sich die Firma um die Erstellung der Sterbeurkunde und die dazugehörigen Behördengänge, und die Abmeldung sämtlicher Versicherungen wie Krankenversicherung oder Sozialversicherung. Außerdem kümmert sich der Bestatter um Terminabsprachen für die Beerdigung, Überführung, Graberstellung, Sterbebilder, Zeitungsanzeigen, Sarg oder Urne, Blumenschmuck und erfüllt auch Sonderwünsche. An der Beerdigung selbst sind die Bestatter ebenfalls vor Ort. Sie kümmern sich um die Dekoration am Friedhof und tragen, falls gewünscht, den Sarg und lassen diesen ins Grab ab. Den Angehörigen soll so viel Arbeit wie möglich abgenommen werden, schließlich ist der Tod ohnehin eine Belastung.
Zurück in Prölsdorf macht sich Sebastian Schunder wieder an die Arbeit. Der Tag ist lang, es gibt viel zu tun. Jederzeit könnte der nächste Anruf kommen...