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Bamberg

Hallo Nachbarn, wir stehen zusammen!

Seit Beginn des Lockdowns vor acht Wochen singen Anwohner des Holzmarkts jeden Abend gegen die Pandemie an: Kinder und Senioren, Familien und Klosterschwestern bilden einen stimmgewaltigen Chor.
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Professor Stefan Hörmann dirigiert den Chor von seinem Vorgarten aus. Seine Frau spielt Gitarre.  Fotos: Marion Krüger-Hundrup
Professor Stefan Hörmann dirigiert den Chor von seinem Vorgarten aus. Seine Frau spielt Gitarre. Fotos: Marion Krüger-Hundrup
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Marion Krüger-Hundrup Die sonderbaren Corona-Zeiten bringen verblüffende Talente ans Tageslicht. So ist etwa Professorin Rotraud Wielandt vor allem als Islamwissenschaftlerin bekannt. Meist recht ernst. Doch jetzt steht sie lächelnd am offenen Wohnungsfenster, lauscht - und setzt eine Querflöte an die Lippen, der sie zauberhafte Melodien entlockt. Begleitmusik eines Ereignisses, das seit dem Beginn des Lockdowns vor acht Wochen jeden Abend um Gongschlag 19.30 Uhr die Anwohner des Holzmarkts zelebrieren.

"Singen zwischen Fenstern und Vorgärten" titelt Professor Stefan Hörmann diese tägliche halbe Stunde fröhlicher Ablenkung. Der Musikpädagoge an der Uni Bamberg wohnt am Holzmarkt und hat das "Singen gegen die Pandemie" initiiert. Inzwischen hat er sogar die sangesfreudigen Nachbarn mit einem 16-seitigen Liederheft ausgestattet. Und von seinem Vorgarten aus dirigiert er den stimmgewaltigen Chor aus Kindern und Senioren, Familien und Klosterschwestern aus dem "Englischen Institut".

"Unser gemeinsames Singen tut der Seele gut und ist die Freude von Corona", bilanziert etwa Schwester Beate Neuberth die lieb gewordene Gewohnheit. "Das macht einfach Spaß", sagt Anwohnerin Margarete Schöll, die fast keine Musikhalbestunde ausfallen lässt. Passanten bleiben stehen, hören zu, und ihren Gesichtern ist die froh machende Überraschung anzusehen.

Weitere Fenster öffnen sich. Und von dort wird kräftig mitgesungen: Volkslieder, Schlager, Kirchenlieder - quer durch ein buntes Repertoire, zu dem sich eine Familie etwas ganz Besonderes ausgedacht hat. Wenn zum Beispiel "Alle Vögel sind schon da" erklingt, heben die beiden kleinen Töchter einen Zweig mit selbst gebastelten Vögelchen empor. Und wenn die Sänger das Lied "Pippi Langstrumpf" anstimmen, zeigen die Kinder im zweiten Stock ein Pferdchen, ein Äffchen und alles, was zu diesem Mädchen Pippi passt.

Auch die siebenjährige Pauline steht mit ihrem Bruder Daniel (vier Jahre alt) und ihrer Mutter im Vorgarten. Die Kinder haben zu einigen Liedern Bilder gemalt, die sie jeweils hochhalten.

Da taucht sogar das stachelige Virus als künstlerisches Werk auf. Und Pauline schwenkt fröhlich die Zeichnung, als das "Corona-Lied" ertönt. Die 87 Jahre alte Holzmarkt-Anwohnerin Cilly Gehrenkemper hat den Text geschrieben, und Professor Hörmann die Melodie komponiert. Ein Ohrwurm, der zu Herzen geht. Es heißt darin: "Hallo Nachbarn! Schön euch zu sehn! Wir wolln gemeinsam Corona überstehen. Jeden Abend sind wir hier und dann singen wir. Hey! Legt den Mundschutz an! Haltet euch daran! Haltet Abstand und seid froh, kluge Nachbarn machen's ebenso. Ist die Pandemie vorbei, feiern wir, alle sind dabei....!"