Das Experiment "Einzelinklusion" ist geglückt. Nils fühlt sich wohl. Richtig wohl in seiner neuen Klasse. Der Zwölfjährige geht als erstes geistig behindertes Kind in eine weiterführende Regelschule. Er besucht die 5. Klasse der Mittelschule am Lauterberg in Lautertal. "Wir haben so viel Glück", sagt seine Mutter Rita Neugebauer. "Alle, die mit Nils zu tun haben, tragen ihr Herz am rechten Fleck."

Nachdem Nils seine Grundschulzeit in einer Partnerklasse der Mauritiusschule verbracht hatte, war es den Eltern wichtig, dass ihr Sohn auch weiterhin mit nicht behinderten Kindern zur Schule geht. Dennoch waren sie sich bewusst, dass der Schritt, den Jungen als einzigen Behinderten in eine Klasse zu integrieren, hätte schiefgehen können. "Uns war es von Anfang an wichtig, dass Nils sich gut angenommen fühlt und weiterhin gern zur Schule geht." Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten sie ihn auch wieder von der Schule genommen, betont der Vater Jens Neugebauer. Und jetzt: "Nils kommt jedem Tag mit einem Lachen auf dem Gesicht von der Schule nach Hause."

Mit der Schulbegleiterin Janine Schröter, dem Klassenlehrer Marko Jahns, Christine Huder vom sonderpädagogischen Dienst und Schulleiterin Ulrike Neidinger-Pohl stehen Nils und seinen Eltern Menschen zur Seite, die das Wohl des Jungen stets im Blick haben. So jedenfalls empfinden es Jens und Rita Neugebauer. Erfahrungen mit einem Kind mit Down-Syndrom hatten sie kaum - zumindest nicht, was den Unterricht betrifft - auch, wenn die Schule seit vielen Jahren eng mit der Schule am Hofgarten kooperiert und körperbehinderte Kinder in Lautertal beschult werden.

Eigener Förderplan

Ein eigener Förderplan mit anderen Lernzielen als für seine Mitschüler wurde für Nils erstellt. Noten spielen für ihn keine Rolle. An erster Stelle steht die Integration. Dennoch hat Nils auch die Fächer Mathematik, Deutsch, Werken, Natur und Technik sowie Sport.

"Es war gut, dass alle unbedarft an die Thematik herangegangen sind und auf Nils reagiert haben", sagt seine Mutter. Schnell wurde deutlich, dass Nils nicht gerne im Mittelpunkt steht. Deshalb wechselte er auch seinen Sitzplatz - von der ersten in die letzte Reihe. Immer an seiner Seite ist Janina, die mit ihm Arbeitsblätter ausfüllt oder erklärt, was er tun muss.

Selbst in Zeiten des Homeschooling war die Schulbegleiterin für ihren Schützling da. Sie kam täglich in der regulären Schulzeit zu ihm nach Hause. "Nils strahlt eine ansteckende Lebensfreude aus. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, macht es Spaß, mit Nils zu lernen. Es lohnt sich. Nils ist ein Sonnenschein."

Stolz zeigt Nils seine Arbeitsmappe mit Zeichnungen, Mathematik- und Schreibübungen. Zwei ausgeschnittene und angemalte Pandabären sind für ihn zum Symbol für erfolgreiches Arbeiten geworden. Denn sein Lehrer hat extra einen Stempel mit seinem Lieblingstier anfertigen lassen. Und immer, wenn Nils etwas gut gemacht hat, lacht ihn ein kleiner Pandabär aus seinem Heft an.

Jedes Kind hat ein Talent

Besonderes Talent zeigt Nils in Kunst. "Er malt tolle Bilder", sagt Ulrike Neidinger-Pohl. Das Beste daran ist, dass das auch die anderen Kinder anerkennen, und er in die Klassengemeinschaft gut integriert ist. "Jedes Kind kann etwas gut. Das ist es, was es bei allen herauszufinden gilt - und diese Erkenntnis auch in der Gesellschaft zu verankern", so das Anliegen der Rektorin. Dass Nils auch so gute Fortschritte in der Aussprache gemacht hat, freut sie sehr. Seine Klassenkameraden hätten ihren neuen Mitschüler neugierig und hilfsbereit aufgenommen. "Kein Kind wird bei uns wegen seiner Behinderung schräg angemacht", ist die Pädagogin sicher.

Nils hat auch Freunde gefunden, die sich besonders gern kümmern und Zeit mit ihm verbringen wollen. In der Pause allerdings möchte Nils gerne alleine sein. Was zunächst verwundert, hat einen guten Grund: "Wenn's ums Essen geht, ist Nils eigen. Das möchte er alleine für sich, voll konzentriert genießen", sagt seine Mama und lacht dabei.

Nils ist ehrgeizig

Klassenlehrer Marco Jahns ist sich sicher: "Nils hat seinen Platz in der Klasse gefunden, er fühlt sich wohl und hat auch Freude am Unterricht." Seine Mitschüler gingen offen auf ihn zu, suchten von sich aus den Kontakt und würden ihm auch ganz selbstverständlich ihre Hilfe anbieten. "Mir persönlich macht es viel Freude, wenn ich sehe, wie Nils mit viel Ehrgeiz seine Arbeitsaufträge aus dem Fach Natur und Technik bearbeitet."

Annika, Nils Klassenkameradin, stimmt dem bei: "Es ist schön, dass Nils mit uns lernt." Jahns bezeichnet Nils sogar als einen guten Freund, der gut lernt.

Ein Blick auf sein Zwischenzeugnis bestätigt das. Ist doch unter dem Fach Natur und Technik zu lesen: "Nils hat an diesem Fach und den inhaltlichen Themen großes Interesse. Er arbeitet fleißig und konzentriert mit. Auch die Teilnahme an Unterrichtsgesprächen ist lobenswert."