Wege aus der Krise, Resilienzseminar in Corona-Zeiten, Konfliktmanagement im Homeoffice - Überschriften und Schlagworte, hinter denen eine brisante Aktualität steckt. Und dann kommt im Supermarkt auch noch der Einkaufswagen des anderen zu nah oder angekündigte Lockerungen fürs Frühjahr rücken in weite Ferne. Der Busfahrer wird angespuckt, weil er eine Maske fordert oder der Polizist angepöbelt, weil er nach einem triftigen Grund fragt. Was macht die Pandemie mit uns? Spaltet sie die Gesellschaft?

Die Corona-Krise führt im privaten Bereich zu manchen Verwerfungen und Entfremdungen. Der ein oder andere hat das Gefühl, Freunde, Familienangehörige oder Kollegen nicht mehr wieder zu erkennen. Und Nachbarn nerven plötzlich, weil sie zu laut sind, weil sie da sind, weil sie anders über Corona denken als man selbst.

Christian Meyer, Chef der Coburger Wohnbau, weiß um gesteigerte Konfliktbereitschaft gerade in Wohnblocks, wo mehrere Parteien zusammen leben. Wir haben nach seinen Erfahrungen gefragt.

Herr Meyer, inwiefern hat sich die Situation in Mietshäusern der Wohnbau zugespitzt - hinsichtlich gegenseitiger Lärmbelästigung?

Christian Meyer: Durch Corona sind allgemein mehr Mieter auch tagsüber Zuhause, was das Konfliktpotenzial auf jeden Fall erhöht. So wollen gleichzeitig Mieter beispielsweise zuhause arbeiten und andere betreuen ihre Kinder zuhause (oder beides). Die einen nutzen die Grünflächen zum Spielen, die anderen wollen währenddessen in Ruhe arbeiten. Gerade als die Spielplätze gesperrt waren, war das auf jeden Fall ein großes Thema.

Auch die Müllsituation ist durch Corona verschärft, da einfach zuhause mehr Müll anfällt und die Tonnen teilweise übervoll sind. Die wachsende Zahl der Beschwerden wegen Problemen der Mieter untereinander beobachten wir allerdings schon länger, nicht erst seit Corona. Generell kann man aber sagen, dass mehr Menschen auf kleinem Raum die Probleme untereinander auf jeden Fall verschärfen. Deshalb sind in größeren Städten die Probleme diesbezüglich wohl noch größer - in Coburg haben wir, was das angeht, noch eine ziemlich komfortable Position mit ausreichend Platz und Grünflächen.

Die Anrufe wegen Beschwerden häufen sich, da die Menschen eher im Homeoffice sind und nicht mehr tagsüber auf der Arbeit. Können Sie das noch etwas konkretisieren?

Insgesamt hatten wir im Jahr 2020 etwa 9000 Kundenkontakte, die Tendenz ist hier steigend. Darüber hinaus steigt auch die Anzahl von Beschwerden, die grundsätzlich schriftlich bei uns einzureichen sind, damit die Fälle sauber dokumentiert und belegt sind. Hierbei handelt es sich überwiegend um Anliegen zu Streitigkeiten der Mieter untereinander, was sicher auch durch Corona begründet ist. Diese schriftlichen Beschwerden werden von uns zahlenmäßig erfasst. Im Jahr 2018 gab es noch 463 schriftliche Beschwerden, 2019 557 Beschwerden und 2020 584 schriftliche Beschwerden.

Ihre Mitarbeiter wurden auch schon tätlich angegriffen. Weshalb und mit welchen Folgen? War eine Konsequenz davon, dass keiner mehr allein zum Termin geht?

Bisher handelt es sich um Einzelfälle, die seit der Corona-Pandemie aufgetreten sind. Es drehte sich dabei immer um Unstimmigkeiten über das Mietverhältnis, wie nicht bezahlte Miete oder ähnliches. Auf Einzelfälle können wir allerdings aus datenschutztechnischen Gründen nicht eingehen.

Falls sich einer der Kollegen/-innen bei einem Termin unsicher fühlt, nimmt er/sie entsprechend eine Kollege/-in dazu. Wir beobachten diese Entwicklung sorgfältig und werden, wenn nötig, zusätzliche Maßnahmen zum Schutz unserer Mitarbeiter ergreifen.

Gibt oder gab es wegen solcher Schwierigkeiten auch schon mal Mieterversammlungen oder Rundschreiben?

Generell bekommt jeder Mieter beim Einzug eine Mieterbroschüre mit der Hausordnung und vielen weiteren Informationen rund um das Mietverhältnis, um Schwierigkeiten vorzubeugen. Zusätzlich gibt es natürlich Rundschreiben, entweder an alle Mieter oder gezielt an eine Hausgemeinschaft oder Einzelne, wenn eine begründete Beschwerde vorliegt.

Auch Mieterversammlungen haben wir in solchen Fällen schon durchgeführt, was aber wegen der aktuellen Situation natürlich nur sehr eingeschränkt möglich ist. Wir mahnen auch ab, wenn jemand gegen die Hausordnung verstößt und sich Nachbarn darüber beschweren. Generell versuchen wir zu vermitteln und eine Lösung zu finden, mit der alle Parteien leben können. Da wir nicht beurteilen können, wer bei Streitigkeiten Recht hat, müssen zeitweise Angelegenheiten auf dem gerichtlichen oder privatrechtlichen Weg geklärt werden.