von unserer Mitarbeiterin Bettina Knauth

Coburg — "Man träumt zwar als junges Mädchen von der großen Liebe, aber von der wird man nicht satt." Es war keine Zeit für Träumereien, als Erika und Kurt Lanzendörfer 1949 heirateten. Am Mittwoch feierten die 89-Jährige und ihr 92-jähriger Mann in Cortendorf ihre eiserne Hochzeit. Bürgermeister-Stellvertreter und Stadtrat Hans-Heinrich Eidt gratulierte dem Paar im Namen der Stadt Coburg und beglückwünschte sie zu ihrem ungewöhnlichen Ehejubiläum.
Die Ehe der gelernten Textilverkäuferin und des früheren Kfz-Schlossers ist nur gut ein halbes Jahr jünger als die Bundesrepublik: Am 17. Dezember 1949 gaben sich die damals 24-Jährige und ihr drei Jahre älterer Bräutigam in Chemnitz das Jawort. "Ich war in meinem Alter froh, noch einen erwischt zu haben", erinnert sich Erika Lanzendörfer schmunzelnd. Männer seien so kurz nach dem Krieg ja Mangelware gewesen. Da traf es die Flüchtlingswaise umso härter, als sie ihr damaliger Verlobter sitzen ließ. Vorher war sie 1945 zu dem Bäcker und seiner Mutter nach Chemnitz gezogen. "Doch dann wurde er Nachfolger eines vermissten Bäckermeisters, nicht nur in dessen Backstube, sondern auch im Bett der Bäckersfrau."

"Den Nächsten heirate ich!"

Durch einen Kollegen lernte die gebürtige Oberschlesierin kurz darauf ihren Kurt kennen, gerade als sie sich vorgenommen hatte: "Den Nächsten heirate ich!" Und obwohl beide "nicht aus himmelschreiender Liebe" die Ehe schlossen, ist sie rückblickend überzeugt: "Ich habe den besten Mann bekommen, den es gibt." Schnell habe einer nicht ohne den anderen leben können, zumal beide bereits schwere Zeiten durchgemacht hatten.
Als Kriegsversehrter war Kurt Lanzendörfer einige Jahre blind; ein Splitter hatte ihn im Auge getroffen und seine Nase verletzt. Sie verlor auf der Flucht von Oberschlesien beide Eltern und besaß nur, was sie am Leibe trug: "Ich war arm wie eine Kirchenmaus und Kurt hatte auch nichts", sagt Erika Lanzendörfer. Brachte er ein Brikett von der Arbeit mit, gab es warmes Badewasser.
Mit Deckchen kaschierte Kartons dienten als Tische. "Betteln beim Staat" sei dennoch für beide nie nicht infrage gekommen, berichtet das Ehepaar unisono. "Es gibt keine Arbeit, für die man sich schämen muss", betont die Jubilarin, wobei er zustimmend nickt. Jeden Monat machten die beiden Kassensturz, überlegten genau, was sie sich mit ihrem bisschen Geld leisten konnten. Im Jahr nach der Hochzeit wird ihr Sohn Bernd geboren, der mit seiner Frau Sonja in Schorkendorf wohnt. Die beiden Enkel Niki und Tommy leben in Thüringen.

Vier Monate in Suhl inhaftiert

Durch diverse Arbeitsstellen kam das Paar herum. Kurt Lanzendörfer arbeitete auch als Kranführer und Rangierer bei der DDR-Reichsbahn. Seine Frau putzte vier Jahre als Trümmerfrau Ziegel, befehligte zeitweise 17 Kohlearbeiter und verdingte sich als Näherin. Ihr einziger Luxus bestand in einer jährlichen FDGB-Urlaubsreise, in den Harz oder ins Berliner Umland. Als sie sich aufgrund ihrer Kriegserlebnisse im Osten einem Parteisekretär gegenüber weigerte, in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) einzutreten, wurde Erika Lanzendörfer in Suhl für vier Monate inhaftiert. "Dann hat man unseren Ausreiseantrag gerne befürwortet", erinnert sich die ehemalige DDR-Bürgerin.
Seit ihrem "Rauswurf" 1984 leben die Lanzendörfers in der Region Coburg, zunächst bezogen sie eine Einzimmerwohnung in Dörfles. Er fand eine Anstellung als Parkwächter. Vor einem Jahr sind sie von Wüstenahorn in den Wohnpark am Hahnfluss gezogen. Hier kümmere sich Nachbarin Jutta Perschon rührend um sie, "wie eine Tochter", meint der 92-Jährige. Besorgungen übernehme Perschon, während die 89-Jährige noch alle Arbeiten im Haushalt selbstständig erledigt. "An dem Tag, an dem ich dabei Hilfe brauche, bin ich alt", sagt sie, "wer rastet, der rostet".
Um über so viele Jahrzehnte zusammen glücklich zu bleiben, raten sie, den anderen ruhig einmal in Ruhe zu lassen, ihn "muckern zu lassen", wie Erika Lanzendörfer es ausdrückt. Ihr Bernd sei "sowieso kein Mann zum Streiten". Nach seiner Meinung gefragt, antworte er immer "Wenn du das machst, ist das in Ordnung."