"Wir machen auf", heißt eine Initiative des Krefelder Geschäftsmannes Macit Uzbay, der hauptsächlich über Instagram Zehntausende von Geschäftsleuten folgen. Das Internetforum Coronapedia hat 2370 Mitglieder. Eine, die sich an der bundesweiten Aktion beteiligt, ist Christine Sareng von "Christines Damenmoden" in der Apothekenstraße, die am Montag um 10 Uhr mit ihrem Mann André ihre Ladentür aufsperrte. Sie wollten damit ein Zeichen für den gebeutelten Einzelhandel setzen und ihr Geschäft dann definitiv am 18. Januar öffnen.

Mit dabei ist ihr Rechtsanwalt Mario Bögelein. Auf dem handgeschriebenen Plakat im Schaufenster steht, dass man auf "eine absolute Notsituation" aufmerksam machen will, weil man am Ende der Möglichkeiten ist. Sie fürchten, dass die Läden sterben, die Innenstädte veröden. Die Regierung wird aufgefordert, dem Handel zu helfen, indem man die Läden wieder öffnen darf oder die Ladenbesitzer angemessen für ihre Verluste entschädigt.

Diskussion mit den Polizeibeamten

Es dauert etwa eine Stunde nach der Ladenöffnung, bis ein Streifenwagen der Polizei vorfährt. Einer der zwei Beamten fragt zunächst an der Ladentür, ob das Geschäft offen oder zu ist. Er informiert dann darüber, dass die Polizei verständigt worden sei, dass es sich offenbar um einen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz wegen unerlaubter Ladenöffnung handele.

André Sareng verweist auf das große handgeschriebene Plakat im Schaufenster, auf dem als Überschrift steht: "Wir machen auf_merksam." Danach beginnt vor dem Laden eine Diskussion zwischen den Polizisten, Christine und André Sareng sowie deren Rechtsanwalt Bögelein. Im Laden befinden sich bereits einige Kundinnen. Eine wird von einem der Polizisten als "stadtbekannte Dame der Forchheimer Freiheitsbewegung" erkannt.

Die Sarengs betonen, dass sie nicht zur Querdenkerbewegung gehören. "Das lehnen wir strikt ab", betont André Sareng. Die Kunden verlassen wenig später auf Ratschlag von Anwalt Bögelein den Laden.

Die Beamten zeigen großes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Ladeninhaberin und telefonieren in der Zwischenzeit mit dem Ordnungsamt, das für die Einhaltung der Corona-Maßnahmen zuständig ist. "Die Polizei wird den Laden nicht schließen. Dies ist Sache des Ordnungsamts", erklärt einer der Beamten.

Seit 2009 betreibt Christine Sareng ihr Damenmodegeschäft, das bis zum ersten Lockdown im Frühjahr auch gut gegangen sei. Jetzt, nach dem zweiten Lockdown, weiß sie kaum mehr, wie sie ihre Ladenmiete und die Löhne ihrer Mitarbeiterinnen bezahlen soll. Im Frühjahr gab es etwas Geld vom Staat durch die Corona-Hilfe. Seit dem zweiten Lockdown sei aber nichts angekommen. "Unser Steuerberater sieht diese Hilfen auch kritisch, weil sie vielleicht zurückbezahlt werden müssen", sagt Andre´Sareng.

Keine Angst vor Bußgeld

"Mode unterliegt immer dem neuesten Trend", erklärt seine Frau, die betont, dass sie ihre Winterkollektion, die sie eingekauft hat, nächstes Jahr auch nicht mehr verkaufen kann. Internethandel mache da auch keinen Sinn. "Denn unsere Stärken liegen in der persönlichen Kleiderstilberatung unserer Kunden", sagt die Geschäftsfrau. Einen Webshop, der auch Geld kostet und für den es Personal braucht, könne man jetzt im Lockdown auch nicht mehr aufbauen. Das Bußgeld für die unerlaubte Ladenöffnung fürchten die Sarengs nicht: "Uns bleibt nichts anderes übrig, wir müssen öffnen, denn länger können wir nicht mehr warten", sagen beide.

So argumentiert der Anwalt

Für Anwalt Bögelein besteht die Möglichkeit, dass ein Bußgeld im Rahmen eines Verfahrens wieder kassiert wird. Er verweist auf das Grundgesetz und Europarecht, das Recht auf Arbeit und die Berufsfreiheit: "Einschränkungen müssen verhältnismäßig sein." Komplett unverhältnismäßig seien diese aber zwischen dem Einzel- und dem Großhandel. "In der Metro", sagt der Anwalt, "kann man schließlich auch Kleidung kaufen." Die habe offen, und dort seien die Menschen dicht gedrängt. Im Laden von Christine Sareng gelten hingegen die Corona-Vorschriften. Darauf weist auch ein Plakat an der Ladentür hin - Maskenpflicht und Abstandsgebot.

Darunter hängt aber auch das "Supermannplakat" aus dem Internet, das darauf hinweist, dass auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können, willkommen sind. Die Ladeninhaberin selbst hat ein ärztliches Attest, weil sie genau aus diesem Grund keinen Mund-Nasen-Schutz tragen kann. "Die meisten Infizierten gibt es in den Alten- und Pflegeheimen. Dort soll man die Leute lieber besser schützen", sagt André Sareng.

Warum andere Ladenbesitzer in der Nähe bei dieser Aktion nicht mitmachen? Das habe man versucht und mit anderen Einzelhändlern gesprochen. "Die Menschen haben nicht Angst vor dem Virus, sondern vor der Strafe und der Polizei." Dass man vor der Polizei aber keine Angst haben muss, beweisen die beiden Beamten vor Ort. "So müssten alle Polizeibeamten sein", lobt Christine Sareng die Ordnungshüter.

So vergeht die Zeit mit weiteren Diskussionen und dem Warten auf eine Entscheidung vom Ordnungsamt. Der Laden ist nach wie vor offen. Gegen Mittag kommt dann ein Beamter vom Landratsamt und erklärt den Sarengs die Rechtslage. Sie sind einsichtig und schließen den Laden.

Kostet es 5000 Euro?

Wie Pressesprecher Holger Strehl vom Landratsamt erklärt, hat die Polizei eine Ordnungswidrigkeitenanzeige aufgenommen. Die geht nun ans Landratsamt, das dann entscheidet, ob es ein Bußgeld gibt oder nicht. Laut "Bußgeldkatalog Corona-Pandemie" beträgt der Regelsatz für unerlaubte Ladenöffnung 5000 Euro. Laut Strehl kommt es aber immer auf den Einzelfall an, wie hoch so ein Bußgeld dann tatsächlich ausfällt. Das müsse geprüft und abgewägt werden.

Sollte Christine Sareng ein Bußgeld bekommen, wird ihr Anwalt dagegen auf jeden Fall Widerspruch einlegen. "Wir haben jedenfalls ein Zeichen gesetzt", betonen Christine und André Sareng.