Physische Nähe gilt allgemein als Voraussetzung für eine Paarbeziehung. Doch seit vielen Jahren nimmt die Zahl der Fernbeziehungen zu, zum Bespiel durch die geforderte Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Was ist also nötig, damit ein Paar sich bei temporärer räumlicher Distanz als Paar fühlt und es auch bleibt? Dies hat Marie-Kristin Döbler vom Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in einem Projekt für ihre Promotion untersucht.

Für ihre Studie hat sie zwölf Paare und sechs Einzelpersonen interviewt, die in funktionierenden Fernbeziehungen leben, sowie eine Analyse von Zeitungs- bzw. Zeitschriftenartikeln vorgenommen. Die Artikel setzen sich mit den kulturell verankerten Vorstellungen von „Normalbeziehungen“, in der die Beteiligten zusammenzuleben, sowie massenmedial verbreiteten Bildern von Fern- und Wochenendbeziehungen auseinander. Marie-Kristin Döblers Fazit: „So einfach es auch klingt, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen sorgen für das Paargefühl. Äußere Merkmale wie Ehe, Kinder, gemeinsamer Haushalt oder auch Besitz sind für die Wahrnehmung als Paar hingegen nicht so wichtig.“ 

Vor- und Nachteile einer Fernbeziehung

Die Interviewten fühlten sich zum Teil verunsichert, da ihre Beziehung von den eigenen Idealen oder denen des Umfelds abweicht, beschäftigen sich dadurch mehr mit ihrer Partnerschaft und pflegen sie bewusster. Die physische Distanz erzeuge auch Widersprüche: „Obwohl meistens die Männer für ihre Karriere mobil sind, was alte Rollenbilder wiederaufleben lässt, bricht das Konzept der Fernbeziehung diese gleichzeitig wieder auf.

Denn beide müssen alle Tätigkeiten, die anfallen, übernehmen. Etwas verkürzt gesagt: Männer müssen den Haushalt machen und Frauen Reifen wechseln“, erklärt Döbler. Außerdem widerspreche eine Fernbeziehung dem klassischen Bild einer „Normalbeziehung“. Jedoch helfe eine Liebe auf Distanz auch, unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse zu vereinen, und ermögliche Liebe und Karriere sowie ein lebendiges soziales Netzwerk und eine solide Beziehung.

Was ist das Erfolgsrezept für eine Fernbeziehung?

Medien, sozialer Kontakt und paarinternes Wissen seien unverzichtbare Hilfsmittel und bestimmen, wie Paare die Herausforderungen einer Fernbeziehung meistern, sagt die FAU-Soziologin. Technische Möglichkeiten und Kommunikationsmittel seien hier entscheidend, jedoch helfen diese nur temporär und könnten Zeit, die man in Präsenz gemeinsam verbringt, nicht dauerhaft ersetzen. Das physische Beisammensein müsse zwar weder dauerhaft noch ununterbrochen, jedoch regelmäßig stattfinden.

Wesentlich sei, den Partner bzw. die Partnerin kontinuierlich am Leben teilhaben zu lassen, in physischer Nähe wie auch auf geographische Distanz, und in diesem Punkt sähen sich die Befragten den dauerhaft zusammenlebenden Paaren überlegen. Sie meinten, der Notwendigkeit bewusst zu sein, Teilhabe zu ermöglichen, an der Beziehung zu arbeiten und aktiv Präsenz herzustellen.

Von allen Befragten wurden Voraussetzungen für eine glückliche Beziehung genannt, die für Beziehungen jeder Art gelten, in einer Fernbeziehung aber besonders Bedeutung haben, das sind Investition in und Engagement für die Beziehung, Vertrauen und Verlässlichkeit, Kommunikation und Austausch sowie Organisation und Planung“, fasst Marie-Kristin Döbler zusammen.

Und was ist mit der Liebe?

„Tatsächlich hat keines der Paare die Liebe als Voraussetzung dafür genannt, die räumliche Distanz zu meistern. Betrachtet man jedoch die vielen Facetten von Liebe und verengt den Begriff nicht unnötig auf die romantische Vorstellung davon, sieht man, dass die Befragten viele Dinge nennen, die man als Liebe deuten kann und nicht nur der Anfang einer Beziehung dadurch getragen wird, sondern auch der Verlauf. In diesem Sinne ist Liebe offenbar ebenfalls eine der Voraussetzungen für das Entstehen und Fortbestehen von Paarbeziehungen – und dabei ist es ganz egal, ob mit oder ohne physische Distanz.“

Marie-Kristin Döbler begleitet das Thema weiterhin und führt kleinere empirische Erhebungen zu Beziehungen während der Corona-Krise durch. Denn: „Das Thema erhält durch die Pandemie ungeahnte Aktualität und viele der Erkenntnisse sind nun für eine noch größere Gruppe von Menschen relevant.“

Ihre Ergebnisse hat sie in dem Buch ‚Nicht-Präsenz in Paarbeziehungen. Lieben und Leben auf Distanz‘ veröffentlicht: https://www.springer.com/gp/book/9783658294472 

Weitere Informationen:

Marie-Kristin Döbler
Institut für Soziologie
marie-kristin.Doebler@fau.de