Coburg
Chaos

Noch mehr als 1000 sind in Afghanistan

Noch mehr als 1000 Deutsche und Helfer sind in Afghanistan, die Zustände vor Ort sind chaotisch -Coburger Politiker kritisiert Außenminister
In Afghanistan herrscht Chaos Michael Haller
In Afghanistan herrscht Chaos Michael Haller
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Dass der Abzug aus Afghanistan kein Abzug war, sondern eine Flucht, das hat sich live vor den Augen der Weltöffentlichkeit abgespielt. Wie chaotisch die Lage aber aus deutscher Sicht wirklich war - und vor allem ist, das zeichnet sich jetzt erst genauer ab.

Der Coburger Bundestagsabgeordnete Hans Michelbach (CSU) hat unserer Zeitung geschildert, wie die Zustände im Moment sind. "Es sind noch weit mehr als 1000 Deutsche beziehungsweise Ortskräfte in Afghanistan." Wie viele es genau sind, dazu habe er keine Detailzahlen, aber fakt sei: Eine geordnete Rangfolge bei dem Ausfliegen von Personen aus Kabul habe es nicht gegeben. Michelbach: "Sie war in dieser Lage nach Angaben des Auswärtigen Amtes auch nicht möglich. Im Klartext: Afghanische Staatsbürger, die es in die Evakuierungsflüge nach Deutschland schafften, haben einfach Glück gehabt."

Wer da aber nach Deutschland gekommen ist, sei auch unklar: "Es sind wegen der teilweise chaotischen Situation auf dem Flughafen Kabul bei den Evakuierungsflügen offenbar auch Afghanen nach Deutschland gekommen, die auf keiner Liste der Bundesbehörden standen. Möglicherweise auch zuvor Abgeschobene, möglicherweise auch Straftäter. Das ist nicht zu akzeptieren."

Im Auswärtigen Amt werde fieberhaft gearbeitet, um noch Menschen zu retten: "Wir sehen gegenwärtig ein großes Engagement der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, um Menschen dort herauszuholen. Aber auch diese Bemühungen sind durch die Umstände vor Ort schwer eingeschränkt." Denn: Vor Ort kann man sich an niemanden wenden - eine deutsche Botschaft in Afghanistan gibt es nicht mehr. Menschen mit Aufenthaltstitel für Deutschland nähmen Kontakt zu Bekannten hier auf, klammerten sich an jeden Strohhalm.

Exekutionsvideos zur Abschreckung

Wie dramatisch die Lage ist, berichten die Ortskräfte in Herat, die sich mit verzweifelten Hilfe-Mails an afghanische Bekannte in Oberfranken gewandt haben. Über Kontaktmänner steht unsere Redaktion mit Familienvätern in Verbindung, die in den vergangenen Jahren die amerikanischen Truppen in der zweitgrößten Stadt des Landes unterstützt haben und nun in ihren Verstecken auf Rettung hoffen.

Die Uhr tickt, die Situation spitzt sich Tag für Tag zu, berichtet ein ehemaliger Gerichtsmitarbeiter in Herat. Nachdem die Taliban in den vergangenen Tagen bereits mehrere ranghohe Richter enthauptet hätten, würde die Terrormiliz nun absichtlich Videos von Enthauptungen und Exekutionskommandos ins Internet stellen, um in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Obwohl er Angst hat, seine Internet-Aktivitäten könnten von den Taliban überwacht werden, schickt der 39-Jährige ein knapp zweiminütiges Video nach Deutschland, das laut seiner Aussage zeigt, wie in Herat ein Polizeichef erschossen wird.

"Die Taliban stellen solche Videos absichtlich ins Internet", erklärt ein Flüchtlingshelfer, der mit Ortskräften sporadisch in Kontakt steht. Es soll demonstrieren, was Verrätern droht, die mit dem Westen gemeinsame Sache gemacht haben. Und es scheint nur noch eine Sache von Tagen zu sein, bis die Taliban mit Kalaschnikows bei ihnen vor der Tür stehen.

Vorwürfe gegen Heiko Maas

In der Frage nach der Schuld an dem Desaster werden in Deutschland derweil immer mehr Vorwürfe gegen Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) laut. Medienberichten zufolge hat es bereits am 6. August, also neun Tage vor dem Fall von Kabul, einen geheimen Bericht der deutschen Botschaft in den USA gegeben. Inhalt: Kabul könnte schneller fallen als gedacht. Laut "Spiegel Online" war einer der Gesprächspartner der Botschafterin Emily Haber der Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA.

Wann Maas Kenntnis von dem Bericht erlangte, ließ er demnach in einer späteren Befragung offen. Laut "Spiegel Online" soll er versucht haben, den Bericht dauerhaft unter Verschluss zu halten. Aus der Opposition wird deutliche Kritik laut. Michelbach: "Wir hätten mehr Menschen ausfliegen können, wenn Außenminister Maas die Berichte aus den Botschaften ernst genommen hätte. Dieser Eindruck verstärkt sich immer mehr."

Das komplette deutsche Engagement am Hindukusch müsse nach der Bundestagswahl durchleuchtet werden - und nicht nur die Geschehnisse der letzten Wochen, fordert Michelbach: "Der Afghanistan-Einsatz muss vom neuen Bundestag in einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden - und zwar beginnend von der Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung Schröder/Fischer zur Beteiligung am Einsatz bis zum chaotischen Abzug und der viel zu spät gestarteten Evakuierungsmission."