Es ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Keine Kommune, die nicht in irgendeiner Weise Probleme mit dem demografischen Wandel hat. Er gilt vielen als die Herausforderung des neuen Jahrtausends in der Gesellschaft. Überalterung, Mangel an jungen Arbeitskräften, leer stehende Wohnungen auf dem Land und überfüllte Seniorenheime, Sorgen um Gesundheitswesen und Rentenkassen, alles hängt mit dem demographischen Wandel, dem Kopfstand der Alterspyramide zusammen. Eigentlich merkwürdig, dass Detlev Heerlein als Demografiebeauftragter der Stadt Neustadt so allein auf weiter Flur steht. Im Landkreis ist er der einzige, der in einer Verwaltung diese Stabsstelle ausfüllt - und sie ihn.
"In Städten unserer Größenordnung gibt es so eine Stelle wahrscheinlich deutschlandweit nicht mehr", sagt er. Das es in Neustadt anders ist hat einen Grund. "Das Thema ist automatisch Chefsache.
Wenn der nicht zu 100 Prozent davon überzeugt ist, dass etwas getan werden muss, dann wird diese Stelle nicht geschaffen", sagt Detlev Heerlein. In Neustadt war Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD) überzeugt, dass etwas getan werden muss. Daher die Stelle und daher sichtbare Erfolge, die Heerlein inzwischen vorweisen kann. Dabei war der Start in seinem Job als Demografiebeauftragter, neben seiner Tätigkeit für die Sicherheit im Straenverkehr, gar nicht so leicht. Ein Konzept hatte er nicht.


Alles selbst erarbeiten

Andere hatten das aber auch nicht. Heerlein musste feststellen: "Abschreiben war schwierig. Es war keiner da, ich war der einzige." So entstand ein mittlerweile recht dicker Ordner. Aufschrift: Demografie Leitfaden 2030.
Heerlein begann mit einer Bestandsaufnahme. Ausgehend von 15 300 Einwohnern mit festem Wohnsitz in Neustadt, betrachtete er Entwicklungsprognosen des statistischen Bundesamts. Jahr für Jahr sollte nach dessen Berechnung Neustadt etwa 100 Einwohner verlieren. 2029 wären schon nur noch 13 300 übrig. Ein Alarmsignal. Es galt gegenzusteuern, herauszufinden, wie und wo Zuwachs und Verlust entstehen. Es gibt weniger Geburten als Todesfälle in der Stadt. Aber es ziehen weniger Menschen weg als her. "Die Geburten lassen sich schwer beeinflussen", weiß Heerlein. 1,4 Kinder bringen Frauen im deutschen Schnitt zur Welt. 2,1 müssten es sein, sagen die Statistiker, um den Bevölkerungsstand konstant zu halten. "Da hat sich in den vergangenen Jahren etwas getan. Die Zahl der Geburten steigt, und Neustadt liegt da etwa im Bundestrend", sagt er. Trotzdem erreicht bis heute die Zahl der Geburten nicht die der Sterbefälle in Neustadt. Dafür kippte eine andere Bilanz. Bis 2011 zogen mehr Menschen aus Neustadt weg, als dort hin. "2012 hatten wir erstmals ein Zuzugsplus", freut sich Heerlein. 39 Personen mehr kamen in die Stadt als sie verlassen hatten. 2013 waren es schon 92, 2014 kamen 116 und 2015 noch 102 mehr. Da spielten auch Flüchtlinge eine Rolle. In der Bilanz von 2016 aber nicht. Und da beträgt der Überhang der Neubürger in den ersten drei Quartalen auch schon 57.
Die Stadt hat einiges getan, um als Wohnort attraktiver zu werden, seit der demografische Wandel als Problem erkannt und mit einer Stabsstelle bekämpft wurde. Heerlein musste sich seinen Zielen in kleinen Schritten nähern. Für große fehlt das Geld. Mobilität und Nahversorgung, Ehrenamt, Kultur, Bildung, Integration und Inklusion, Senioren, Familien und Jugend, Siedlungs- und Flächenmanagement, Arbeit und Wirtschaft, nicht zuletzt die Verwaltung selbst, galt es zu beleuchten.
Dabei stellte Detlev Heerlein fest, dass Neustadt in vielen Punkten gar nicht so schlecht dasteht. Familien können sich kostengünstig niederlassen, finden ein gutes Angebot zur Kinderbetreuung vor und die komplette Bildungsinfrastruktur mit Grund-, Mittel-, Realschule und Gymnasium. Die Bahnverbindung nach Coburg ist gut. "Bei der neuen B 4 sind wir eindeutig die Gewinner", weiß Heerlein.
Die schnellere Anbindung an Coburg und über die Autobahn an Bamberg, die Metropolregion Nürnberg oder das nahe Thüringen wirkt sich bereits aus. Heerlein ist sicher, dass sie zumindest dazu beigetragen hat, den Bevölkerungsschwund in der Stadt zu bremsen.
Die neue Straße ist nicht der einzige Grund für die positive Entwicklung. Mit Broschüren wird am Image der Stadt gefeilt, bekannt gemacht, wie gut es sich hier leben lässt. Die Wirtschaftsförderung der Stadt unter der Leitung von Sandra Franz ringt um Arbeitsplätze und Neuansiedlung von Firmen. Kooperationen mit anderen Kommunen, etwa beim Stadtbus mit Sonneberg oder dem Party-Express mit Rödental, helfen weiter. Apropos Partyexpress. Bei 28 Fahrten wurden 889 junge Leute sicher zum Feiern und zurück gebracht - ein echtes Erfolgsmodell. "Demografie ist nicht nur ein Thema für Senioren, wenn wir der Überalterung entgegen arbeiten wollen, müssen wir auch jungen Leuten einen Grund geben hier zu bleiben", weiß Heerlein. Dazu gehört für ihn auch das seit einigen Wochen laufende Rufbussystem. Unter www.fahrtwunschzentrale.de können Fahrten gebucht werden. Bis August wurden so mehrmals täglich etwa sechs Fahrtmöglichkeiten an Werktagen zwischen 5.30 und 20.30 Uhr, auch in den Ferien, angeboten. Seit September werden zusätzlich noch Wochenendfahrten angeboten. Damit wird die Mobilität von Senioren und Jugendlichen deutlich verbessert. Es dauerte Jahre bis dieser Wunsch des Demografiebeauftragten Wirklichkeit wurde, aber es wurde erreicht. Ein weiterer Fortschritt freut Detlev Heerlein. Die Stadtwerke Neustadt sind dem Wohnprojekt mit dem hübschen Namen Sophia beigetreten. Dabei geht es darum, Senioren so zu beraten und zu unterstützen, dass sie möglichst lange selbstbestimmt und sicher zu Hause leben können. Barrierefreiheit spielt dabei eine Rolle. Es wir aber auch über technische Neuerungen informiert, die das Leben älterer Menschen sicherer machen, etwa eine automatische Abschaltung für den Herd.
Am Ende weiß Detlev Heerlein, dass er keinen bundesweiten Trend umkehren, kein bundespolitisches Problem von Neustadt aus lösen kann. Unter dem Strich kann er nur versuchen, beim Ringen um die verbleibenden Menschen in der Region erfolgreicher zu sein als andere. Dabei gilt es, ständig dem Wandel Rechnung zu tragen. "Man ist nie am Ziel, es ist ein fortlaufender Prozess, in dem immer neu reagiert werden muss", sagt Frank Rebhan.
Zuwanderung sieht er für Neustadt durchaus auch als Chance. Zurzeit sind 190 ehemalige Flüchtlinge in der Stadt gemeldet. Auch das trägt zu Verbesserung der Einwohnerbilanz bei. Ob sie alle bleiben werden, in Neustadt Arbeit finden können, weiß Detlef Heerlein nicht. Aber er ist überzeugt: "Wir haben hier kein Integrationsproblem", ist Heerlein überzeugt. Im Gegenteil, gerade macht Neustadt mit einem Integrationsprojekt für Kinder auf sich aufmerksam. In Wildenheid spielen Flüchtlingskinder mit deutschen Kindern Fußball. Vielleicht tut sich die Stadt etwas leichter als andere, weil sie traditionell international ist. Neustadter kommen aus aller Herren Länder. 48 Nationalitäten finden sich beim Durchforschen der Einwohnerlisten. Detlev Heerlein hat seinen Platz in der Verwaltung der Stadt Neustadt, nicht in der großen Politik. Er ist überzeugt: "Die Folgen des demografischen Wandels schlagen in der Kommune auf. Deshalb hat es einen Sinn, sie auch in der Kommune zu beeinflussen." Neustadt wird seinen Weg in dieser Sache weiter gehen.