"Geschichten von der Zonengrenze" gibt es am Sonntag um 19 Uhr in der Traditionsreihe "Unter unserem Himmel" im Bayerischen Fernsehen zu sehen. Die in Ebersdorf aufgewachsene Filmemacherin Annette Hopfenmüller hat für ihren Film die Partnerstädte Neustadt und Sonneberg besucht.

Was Hopfenmüller dabei erlebt hat und was sie noch heute mit dem Coburger Land und der ehemaligen "Zonengrenze" verbindet, hat sie im Gespräch verraten.

Ihrer Biografie nach waren Sie Ende der 80-er Jahre zwar nicht mehr im Coburger Land - aber wie haben Sie denn die Tage der Grenzöffnung 1989 persönlich erlebt?
Annette Hopfenmüller: Ich war zu der Zeit gerade in Los Angeles und drehte eine Hardrocksendung. Da haben uns vor lauter "Heavy Metal" die Neuigkeiten aus der Heimat tatsächlich erst einmal nicht erreicht.
Ich kam erst viele Wochen später zurück nach München, bin aber gleich nach Coburg gefahren. Dort habe ich meine alten Stammkneipen kaum wieder erkannt vor Überfüllung. Interessant fand ich dort die rege Kommunikation zwischen den Leuten, die aus der DDR herüber gekommen waren, und den Coburgern. Wo man sonst eher unter sich blieb, wurde plötzlich geredet, gefragt, es war eine zwar vorsichtige, aber herzliche Unterhaltung in den Kneipen.

Welche Aspekte der ehemaligen Grenze kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie ein bisschen in den Kindheitserinnerungen im Coburger Land kramen?
Ich bin in den 60er, 70er Jahren in Ebersdorf aufgewachsen und in Coburg zur Schule gegangen. Als Thema war sie durchaus präsent, die Grenze. Aber die Tatsache, dass es wenige Kilometer entfernt einen "Todesstreifen" gab, gehörte zum Alltag, man hat sich als Kind keine Gedanken darüber gemacht. Die Dramatik hat sich mir ansatzweise erschlossen, als mein Vater einmal von einem Bauern aus dem Landkreis erzählt hat, dessen Felder sich unmittelbar an der Grenze befanden und der auf eine wohl angeschwemmte Mine getreten war. Das empfand ich als Kind sehr bedrohlich. Ansonsten sind wir einmal mit Verwandtschaft zum Sonntagsausflug nach Rottenbach gefahren. Wir Kinder fanden's eher langweilig. Ein Bewusstsein für die Bedeutung dieses Grenzübergangs ist erst später entstanden.

Welche Veränderung aus der Zeit nach der Wende in Neustadt/Sonneberg ist Ihnen jetzt besonders aufgefallen?
Ich muss sagen, dass ich weder Neustadt noch Sonneberg gekannt habe. In der Jugend ist man nach Coburg gefahren, Neustadt habe ich, glaube ich, einmal in den 70er Jahren besucht, das lag irgendwie "im Nebel". Auch nach der Wende war ich weder in Neustadt noch in Sonneberg. So hatten die Recherchen zum Film etwas von einer "Forschungsreise" für mich: es war spannend, die Geschichten der Sonneberger und Neustadter zu hören und alte "Vorher-Nachher"-Fotos zu sehen.

Neustadt und Sonneberg sind zwar Partnerstädte - aber so recht gelebt wird die Partnerschaft zumeist nicht. Haben Sie die Probleme dieser Städtepartnerschaft in den Gesprächen mit den Menschen mitbekommen?
Natürlich springt einen die Tatsache, dass ein großer Konflikt existiert hat, bei genauerem Hinsehen als erstes an. Deshalb mussten wir diese immer wieder auch hitzig abgehandelte Rivalität auch im Film thematisieren. Wir ließen einfach die Leute selbst erzählen, aus der Perspektive von "Ost" und "West", vom Puppendoktor bis zur Bürgermeisterin, von der Plüschtierherstellerin bis zum Lottoladen-Inhaber. Schön war, wie ehrlich wir Antworten bekamen, da hat uns das entwaffnende Naturell allerorten sehr gefallen. Und das reichte vom Oberbürgermeister bis zum Motorradfreak. Das Fazit können Sie im Film hören - ich will ja hier nicht alles verraten...

Sie leben ja in München. Ist dort das Jubiläum der Grenzöffnung am 9. November bei Ihren Bekannten überhaupt ein Thema, über das man spricht?
Das Jubiläum ist ein Thema in meinem beruflichen Umfeld, also im Bayerischen Rundfunk, in den Fernsehstudios, den Redaktionen, den Schneideräumen. Im Privaten sind die Münchner, so bemerke ich, einfach zu weit weg davon. Ich werde so gut wie nie darauf angesprochen.

Sie sind ja filmisch immer wieder in Franken und im Coburger Land unterwegs - haben Sie schon ein neues Projekt im Kopf oder sogar schon in Arbeit?
Das Coburger Land war in meiner Arbeit der letzten zehn Jahre wirklich ein zentrales Thema; ob Lautertal, ob Itzgrund - auch die Stadt selbst haben wir portraitiert. In den nächsten Zeiten wollen mein Team und ich auch andere Bereiche Oberfrankens filmisch "ausloten". Wir haben im Oktober eine Dokumentation mit dem Arbeitstitel "Oberfränkische Werkstätten" gedreht und waren dafür in Thurnau, Bamberg, im Fichtelgebirge und im Kloster Kirchschletten. Ich wollte in Zeiten des Handwerksterbens kleine Werkstätten aufzuspüren und die Fertigkeiten ihrer Inhaber zeigen. In wenigen Jahren wird vieles für immer verloren sein. Mit dieser Forschungsreise wollten wir Althergebrachtes filmisch festhalten, aber auch unsere erfreulichen Neuentdeckungen einem größeren Publikum vorstellen. Sendetermin wird der 1. Februar sein.



Zur Person: Annette Hopfenmüller

Stationen Seit 1978 lebt und arbeitet sie in München. Ihren Beruf als Dolmetscherin für Englisch, Französisch und Spanisch hat sie aber nur kurz ausgeübt. Seit 1991 konzentriert sich Annette Hopfenmüller hauptsächlich auf die Arbeit hinter der Kamera. Inzwischen hat die Filmemacherin über 50 Dokumentarfilme realisiert. Die Oberfrankenstiftung hat ihr in diesem Jahr ihren Kulturpreis für hervorragende Leistungen auf kulturellem Gebiet an Arbeiten mit einem engen Bezug Oberfranken verliehen. Bezirksheimatpfleger Günther Dippold begründete die Auszeichnung in seiner Laudatio: "Weil Annette Hopfenmüller die Gegenden, die sie abbildet, so zeigt, wie sich dieses Oberfranken viel öfter präsentieren sollte: mit offenem Bekenntnis zu Schwächen, in selbstverständlicher Würde, in unaufgeregter, klarer Schönheit, in knorriger Eleganz." Für die Dokumentation "Unternehmen Märchenschloss" wurde Hopfenmüller bereits im Jahr 2011 mit dem oberfränkischen Medienpreis ausgezeichnet.