Coburg
Versuchter Totschlag

Mann in Coburg bewusstlos getreten: Täter spricht von "Versehen"

Statt bei der Aufklärung zu helfen, wirft Tobias T. mit seiner Aussage allerdings nur noch weitere Fragen auf.
 
Der Prozess wird am 28. April fortgesetzt.
Der Prozess wird am 28. April fortgesetzt. Foto: Foto: Jochen Berger

Mit voller Wucht zugetreten, versehentlich "gesappt", also mit dem Fuß berührt oder doch nur "im Suff gestolpert"? Am zweiten Verhandlungstag bricht der Angeklagte Tobias T. sein Schweigen und schildert, was aus seiner Sicht am 18. Oktober vergangenen Jahres in den frühen Morgenstunden passiert sein soll.

Statt bei der Aufklärung zu helfen, wirft Tobias T. mit seiner Aussage allerdings nur noch weitere Fragen auf. Laut Anklageschrift soll er nach einer verbalen Auseinandersetzung in einem Lokal im Steinweg gemeinsam mit dem Mitangeklagten Daniel S.einen Mann getreten und geschlagen haben, bis dieser das Bewusstsein verlor. Da beide nur durch das Eingreifen eines Ehepaars von ihrem Opfer abgelassen haben sollen, müssen sich beide derzeit dem Vorwurf des versuchten Totschlags vor dem Coburger Landgericht stellen.

Beteiligter oder Beobachter?

Tobias T. hat seine Angaben gemacht, nachdem mehrere Augenzeugen und Polizeibeamte ausgesagt hatten. Kurz nach der Tat hatte ihn das Ehepaar mit Hilfe von Polizeifotos als Angreifer identifiziert, bei der Verhandlung selbst geriet der Ehemann aufgrund von wiederholtem Nachfragen durch den Verteidiger Andreas Günther ins Straucheln. Auf andere Zeugen, die nach der körperlichen Auseinandersetzung zum Tatort in der Nähe des Parkhauses Post kamen, habe T. "besorgt" gewirkt, er sei sogar geblieben, um den Rettungswagen zum Geschädigten zu lotsen.

Im Gespräch mit den Zeugen habe T. zwar erzählt, dass es zu einer Schlägerei gekommen war, jedoch mit keinem Wort erwähnt, selbst daran beteiligt gewesen zu sein. Beamte sagten aus, der Angeklagte habe sich "widerstandslos" verhaften lassen und sei bei der Überführung in die JVA Bamberg "locker" gewesen.

Immer wieder soll er beteuert haben, dass er unschuldig sei - unter anderem auch, als seine Schuhe sichergestellt wurden. Als ihm erklärt wurde, dass sie auf DNA-Spuren untersucht werden, soll er in Tränen ausgebrochen sein. Er sagte dem Beamten, es könne sein, dass sich DNA des Opfers auf den Schuhen befindet, weil er bei der Prüfung der Wunden das Opfer "versehentlich gesappt" haben könnte. In einem Brief, den der Angeklagte Tobias T. aus der JVA schrieb, sprach er von einem dritten, bisher unbekannten "Mann mit Ziegenbart", der statt ihm die Taten ausgeführt haben soll, während er unbeteiligter Beobachter gewesen sei.

"Fix und fertig": Täter doch unschuldig?

Ist Tobias T. möglicherweise doch unschuldig? Auf Nachfrage von Richterin Jana Huber und nach Absprache mit seinem Verteidiger Andreas Günther macht Tobias T. vor Gericht doch eigene Angaben zum Tatgeschehen. Demnach seien er, Daniel S. und dessen Bruder Florian S. nach dem Zapfenstreich vor dem Lokal gewesen und hätten noch ein Bier getrunken, dann sei es im Lohgraben zu einer Auseinandersetzung gekommen, er habe einen "dumpfen Schlag" gehört und sei dort hingerannt. Was dann passierte, wisse er nicht mehr genau - es könne sein, dass er über den Geschädigten "gestolpert sei", denn er sei "ja auch besoffen" gewesen.

Dann wisse er nur noch, dass er dem Geschädigten mit der Handytaschenlampe ins Gesicht geleuchtet habe, um sich dessen Verletzungen näher anzusehen - weil er Blut gesehen habe, sei ihm "richtig schlecht" geworden. Er sagte, er sei deshalb "fix und fertig" und "am Ende" gewesen.

Bei diesen Aussagen platzte der Nebenklage der Kragen: "Mein Mandant lag blutend auf dem Boden, aber SIE waren fix und fertig?" Ihrer Meinung nach verhalte sich der Angeklagte "unverschämt" - davon zu sprechen, dass er das Blut nicht habe sehen können, das er vermutlich sogar selbst herbeigeführt habe. Auch für Richterin Jana Huber war es "schwierig, die Aussagen nun nachzuvollziehen" - gerade auch, weil dessen Erinnerung "gerade an der wichtigsten Stelle" aussetzen würde. Im Falle einer Verurteilung sei es jedenfalls schwierig, seine Aussage zu seinen Gunsten auszulegen, denn ein wirkliches Geständnis sei das nicht. Tobias T. blieb trotz der harschen Worte bei seinen Angaben.

Tränen und Entschuldigung

Am zweiten Verhandlungstag sagte auch die Freundin von Daniel S. aus. Sie berichtete vom Trinkverhalten ihres Lebensgefährten. Sie sehe seinen Konsum "kritisch", habe schon oft versucht, ihn zu bremsen - was dazu geführt habe, dass er heimlich getrunken habe. Sie habe erlebt, wie der Angeklagte unter Alkoholeinfluss aggressiv geworden sei, ihr gegenüber habe er sich aber nie so verhalten. Als seine Freundin ausführte, dass sich an den Zukunftsplänen - Hochzeit und Kinder - trotz des Vorfalls nichts geändert habe, wischte sich Daniel S. Tränen aus dem Gesicht. Sie habe viel mit ihm telefoniert, während er in Haft gewesen sei - er habe ihr dabei gesagt, dass es sein "Herzenswunsch" sei, mit dem Trinken ganz aufhören zu wollen.

Nicht nur ihr gegenüber hat er diesen Wunsch geäußert: In einem Brief, den er an den Geschädigten aus der JVA schrieb, äußerte er ebenfalls, dass er "keinen Tropfen mehr anrühren" wolle - sein Konsum sei "keinesfalls eine Entschuldigung" für das, was passiert sei, aber er sei "gefährlich", wenn er getrunken habe. Was geschehen ist, täte ihm "von Herzen Leid" und er hoffe, dass der Geschädigte vollständig genesen sei.