Auf der Welt gibt es Stellen von Nichts. Und wenn das so ist, wie die Schweizer Autorin Gianna Molinari behauptet, dann ist da auch noch alles möglich. Für ihren ersten Roman "Hier ist noch alles möglich" erhielt sie verschiedene namhafte Preise und wurde - mit Staunen in den Begründungen - im letzten Jahr auf die etwa 20 Titel umfassende Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt. In der Schweiz gelangte sie sogar auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises, also in die engste Auswahl. Diese längeren und dann nur noch kurzen Auswahllisten vor der Benennung des Siegers sind bereits eine spannende Sache, weil der ausrichtende Börsenverein des Buchhandels in der Masse des jährlich Erscheinenden die Aufmerksamkeit auf Herausragendes lenkt.

Der Coburger Literaturkreis folgt jetzt einer dieser Empfehlungen und präsentiert Gianna Molinari bei einer Lesung im Pavillon des Kunstvereines.

Tatsächlich hat es etwas Merkwürdiges auf sich mit diesem Debütroman. Was erzählt und berichtet wird, kommt so lapidar daher, Dinge und Geschehnisse einfach aufzählend, alltäglich, Ereignisse scheinbar zufällig aufnehmend, wie wahllos in sie hineindenkend. Und dabei überschreitet dieser Roman genauso einfach eine Grenze, schon von Anfang an, wenn lapidare Sätze philosophische Wucht erhalten, aber nicht so, als sei das etwas. Und später überschreitet er auch eine fiktive Grenze in dem, was erzählt wird.

Beobachtungen schaffen die Welt

Was nicht eine Geschichte ist, sondern ein Puzzle aus verschiedenen, ein Puzzle aus Realitäten. Die Welt setzt sich aus Beobachtungen zusammen; wer es wagt, über die vorgegebenen Anleitungen zum Zusammensetzen von Beobachtungen hinwegzugehen, gelangt in - Anderes? Nichts? Neues?

Kleine konzentrierte Strichzeichnungen in Molinaris Buch und dann Schwarzweiß-Fotografien von Wolken sind ein weiterer Versuch auf diesem literarischen Weg, eine Kleinigkeit von unserer Wirklichkeit zu erfassen.

Eine dieser Stellen von Nichts ist der Wolf. Womit Gianna Molinari mit Gespür für das, was gegenwärtig stark wirkt in unserem Bewusstsein, ein symbolhaftes Bild aufgenommen hat, das unsere Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen durchspukt. Das Absurde lauert dabei überall.

Eine Frau wird als Nachtwächterin in einer Fabrik eingestellt, die eigentlich schon fast verlassen ist und demnächst schließen muss. Der Koch meint einen Wolf auf dem Gelände gesehen zu haben, was den Chef so beunruhigt, dass er "die Bestie" fassen will. Er lässt die beiden Nachtwächter sogar eine große Fallgrube ausheben. Die beiden kratzen also am Äußeren der Erdkruste, wie die Ich-Erzählerin feststellt, im Versuch, den Wolf, die Wirklichkeit, zu fangen.

Eine Grenze überschritten

Die Nachtwächterin ist in eine der leeren Hallen ganz eingezogen. Auf ihren Rundgängen und vor den Monitoren hat sie viel Zeit zum Nachdenken, über anderes und den Wolf. Sie erkennt, dass der Wolf nicht gefürchtet wird, weil er heutzutage - übrigens in seltenen und wenigen Fällen - in Containern nach Fressbarem, nach dem aus unserem Überfluss Weggeworfenen sucht, sondern weil er eine Grenze überschritten hat, in der absurden Linien- und Grenzziehung des menschlichen Versuches, die Welt zu ordnen, zu sichern, zu begreifen.

Die Nachtwächterin erfährt von dem Mann, der vom Himmel fiel, wahrscheinlich ein Flüchtling aus Kamerun, der sich im Fahrwerk eines Flugzeuges versteckt hatte. Er starb schon, bevor er vom Himmel fiel.

Die Nachtwächterin geht auf den nahe gelegenen Flughafen und denkt sich über die äußeren, technischen Umstände in ein mögliches Leben des Flüchtlings. Viele Spekulationen, Möglichkeiten, schließlich tun sich, bei näherem Hinsehen immer mehr Stellen von Nichts auf in dieser Welt.

Es stellt sich heraus, was die Nachtwächterin früher war. Dann aber wollte sie nicht mehr Teil einer Geschichte sein, sondern - wenn überhaupt - von vielen. Also hat sie ihr "Umfeld" verlassen. Alles ist nur noch Umfeld, nicht Heimat, nicht Herkunft, nicht Verortung.

Schon am Anfang des Romanes stellte die Erzählerin fest: "Ich zweifle daran, dass die Sicherheit, in der ich lebe, der Realität entspricht." - Wer sich dieser Perspektive aussetzen möchte, dem seien diese Lesung heute Abend und dieser aus unserer Herkömmlichkeit entrückte Roman empfohlen.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich. Roman. Aufbau-Verlag Berlin, 192 Seiten, 18 Euro

Kultur-Tipp Coburger Literaturkreis: Lesung mit Gianna Molinari, Donnerstag, 4. Juli, 19.30 Uhr im Pavillon des Kunstvereines.

Gianna Molinari, geboren 1988 in Basel, studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und im Anschluss Neuere Deutsche Literatur an der Universität Lausanne. 2012 war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt Prosa am Literarischen Colloquium Berlin. Derzeit lebt sie in Zürich, wo sie mit Julia Weber die Kunstaktionsgruppe "Literatur für das, was passiert" mitbegründet hat, die Menschen auf der Flucht helfen will.

 Ihre Kurzgeschichte "Herr Bleier" wurde 2012 mit dem 1. Preis und dem Publikumspreis des MDR-Literaturwettbewerbes ausgezeichnet. 2017 erhielt Gianna Molinari beim Ingeborg-Bachmann-Preis für den Text "Loses Mappe" den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis.

 2018 gelangte sie mit ihrem Romandebüt "Hier ist noch alles möglich" auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises. Heuer hat sie dafür den Clemens-Brentano-Preis erhalten.