Ein genialer Tag: Iran gewinnt gegen Marokko mit 1:0 und Behnaz S. erhält ihre Abiturnoten. Mit einem Schnitt von 3,3 hat sie als erstes Flüchtlingskind die allgemeine Hochschulreife erreicht. Die 20-Jährige spricht fließend Deutsch - und das, obwohl sie erst 2015 nach Coburg kam und kein einziges Wort verstand.
"Im ersten Moment war ich enttäuscht", gibt sie zu. Behnaz hatte sich einen besseren Schnitt erhofft. Für Schulleiter Herbert Brunner und ihre beiden Lehrerinnen Doreen Bachmann (Deutsch, Geschichte) und Helena Uhrmann (Englisch, Geografie) ist es jedoch unglaublich, was die junge Iranerin geleistet hat. "Alles, was wir gesagt haben, hat sie aufgesaugt und umgesetzt", sagt ihre Englischlehrerin. "Manchmal mussten wir sie vor ihrem eigenen Ehrgeiz schützen", ergänzt Doreen Bachmann.


Von der Rückertschule ans Alex

Es war Gregor Malinowski, der die Übergangsklassen an der Rückertschule betreut, der ihre Fähigkeiten nach nur wenigen Monaten Mittelschule erkannte und am Gymnasium vorstellte. Zunächst versuchte es Behnaz am Casimirianum, weil dort Spanisch als zweite Fremdsprache erst ab der 10. Klasse unterrichtet wird. "Doch der Schulleiter sah keine Chance für mich", erinnert sich die junge Frau.

Mehr Glück hatte sie dann mit Herbert Brunner am Alexandrinum. Er nahm die Schülerin als Gast auf und setzte sich bei der Regierung dafür ein, dass ihre Muttersprache Persisch als zweite Fremdsprache anerkannt wird. So musste sie weder Latein noch Französisch nachlernen. Zur Regelschülerin wird Behnaz 2017 nachdem ihr 10.Klass-Zeugnis aus dem Iran anerkannt wurde.
Das Mädchen, das zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus religiösen Gründen aus dem Iran flüchtete, hatte schon damals ein großes Ziel vor Augen. "Ich wollte und ich werde Medizin studieren", sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. "Was uns im Iran widerfahren ist, war unfair. Wir haben uns als Opfer gefühlt. Diese Haltung wollte ich nicht für mein weiteres Leben annehmen." Behnaz spricht sehr ernsthaft. "Meine einzige Waffe, um mich in dieser Gesellschaft zu integrieren, ist das Lernen", weiß sie und fortan setzte sie ihre ganze Energie in die Verwirklichung ihres großen Traumes.


In der Landesbibliothek gelernt

Alles, was sie im Unterricht erfährt, schreibt sie auf Persisch (von rechts nach links) mit. Am Nachmittag übersetzt sie daheim alles ins Deutsche (von links nach rechts). Weil die Kellerwohnung, in der sie mit ihrer Familie lebt zu eng ist, sitzt sie oft stundenlang in der Landesbibliothek, wo sie Zeit und Ruhe hat, um zu lernen.
"Es war sehr schwer", gibt sie zu. Vor allem Deutsch. In den ersten beiden Klausuren in der 10. Klasse kassierte sie null Punkte. Ihr Ziel war es, in der Elften wenigstens einen zu erreichen. Das schaffte sie in der ersten Arbeit, in der zweiten waren es dann schon vier.
Im Deutsch-Abitur musste sie eine Interpretation von Friedrich Dürrematts Marianne und Romeo schreiben. Sie bekommt fünf Punkte - ohne besondere Erleichterung. Also keine Zeitverlängerung, kein Wörterbuch, keine andere Aufgabe.


Unglaublicher Wille und Fleiß

Im Englisch-Kolloquium erreicht sie zehn Punkte. "Unfassbar", schwärmt ihre Lehrerin. Viele Kollegen hätten bei Behnaz während der Abiturprüfungen mitgefiebert. Es war dieser unglaubliche Wille und Ehrgeiz, ihr unendlicher Fleiß und ihre Motivation, die alle angesteckt hat. Auch ihre Freundinnen. Joline fällt ihr im Gang um den Hals und gratuliert ihr zum bestanden Abitur.
Die Naturwissenschaften seien nicht das Problem gewesen, sagt Behnaz. In Mathematik und Chemie sei sie von Anfang an gut mitgekommen. Doch am Ende auch im Deutschen und Englischen so gut abgeschnitten zu haben, macht sie stolz.
Ihrem Traum, Medizin zu studieren, ist sie damit einen großen Schritt näher gerückt. Doch sie weiß natürlich, dass es einen Numerus Klausus gibt, den sie nicht hat. Deshalb hat sie bereits einen Nachteilsantrag gestellt. Unzählige Mails habe sie bereits geschrieben, um sich in Würzburg und Erlangen einschreiben zu können. Doch derzeit sieht es nicht danach aus, dass es klappen wird. Denn unter die Ausländerklausel an den Universitäten fällt Behnaz nicht (mehr). Der Grund: Sie hat ihr Abitur in Deutschland gemacht.
Außerdem wurde der Asylantrag der Familie bereits abgelehnt. Das Klageverfahren läuft und Behnaz weiß nicht, wie ihr Fall ausgeht. Dass sie eventuell wieder abgeschoben wird, daran möchte sie nicht denken.


Daumen drücken

Die junge Frau arbeitet weiterhin hart an ihrem Ziel. "Wenn ich jetzt nicht studieren kann, dann bewerbe ich mich um einen Ausbildungsplatz im Klinikum oder mache ein soziales Jahr", sagt sie selbstbewusst. Unterstützung oder Bafög bekommt die Familie nicht, da das Klageverfahren läuft. Doch die Abiturientin bleibt zuversichtlich. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!" Ihre beiden Lehrerinnen, die sie bisher auf ihrem Weg begleitet haben, drücken fest die Daumen. "Eine bessere und fleißigere Studentin bekommen sie an der Universität nicht", sind sie sich einig.


KOMMENTAR

Wo ein Wille, da ein Weg

Behnaz S. ist sicherlich eine Ausnahmeschülerin. Das Mädchen, das 2015 aus dem Iran kam, entwickelte sich hier am Gymnasium Alexandrinum innerhalb von zweieinhalb Jahren zu einer Musterschülerin, die mit unglaublichem Fleiß und einer begeisternden Motivation nicht nur ihre Lehrer, sondern auch Klassenkameraden angesteckt hat. Um zu verstehen, weshalb sie so diszipliniert gearbeitet, muss man ihre Geschichte kennen. Ihre Erfahrungen mit Unrecht und ihre Gefühle in der Opferrolle haben eine Kraft bei ihr freigesetzt, die sich in Lust am Lernen ausdrückt. Hinzu kommt ihr Traum vom Medizinstudium. Behnaz hat ein Ziel vor Augen, das sie erreichen möchte, und ist bereit, dafür alles zu geben.
Welch ein Glück, dass sie dabei nicht zur Außenseiterin wurde, sondern Freunde gefunden hat, mit denen sie sich austauschen und feiern kann. Möge sie auch weiterhin Menschen mit ihrer Leidenschaft anstecken und bürokratische Hürden überwinden.