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Coburg
Kunst im Buch

Den Drachen auf der Spur bleiben

Die Geschichten zu "Drachenblut und Heldenmut" bleiben uns auch nach Ende der großen Ausstellung auf der Veste Coburg erhalten.
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Ein paar Leichen, ein  weitgehend  aufgefressener Mensch  - das war kein Spaß mit den Drachen damals. Hier eine Illustration zu Ovids Metamorphosen nach Hendrick Goltzius. Carolin Herrmann
Ein paar Leichen, ein weitgehend aufgefressener Mensch - das war kein Spaß mit den Drachen damals. Hier eine Illustration zu Ovids Metamorphosen nach Hendrick Goltzius. Carolin Herrmann

Die Drachengefahr auf der Veste Coburg ist ja nun gebannt. Die jetzt zu Ende gegangene große Sonderausstellung "Drachenblut und Heldenmut" führte zurück in die Zeit, als Drachen noch leibhaftig - man glaubte wirklich an ihre körperliche Existenz - oder symbolhaft existenzielle Bedrohung für den Menschen waren. Es bedurfte Heroen mit übermenschlichen Kräften und dann zunehmend des aktiven Eingreifens des christlichen Gottes, um sie zu töten. - Geht mir bloß weg mit all den Kuscheldrachen und geradezu göttlichen Beschützertieren von heute, die sind eine völlige Neudeutung des uralten Motives. Gegen die wir nichts haben müssen; all die Fantasyfilme und -bücher heute, die sind doch herrlich. Was da allerdings ein viertel Jahr lang auf der Veste zu sehen war - manche Details in den Graphiken waren in ihrer Grausamkeit und in der Darstellung von Angst und Schrecken nicht gerade jugendfrei.

Ein Buch, ein Buch

Eine Ausstellung, vor allem wenn sie so lebendig und fantasievoll gestaltet ist, wie es der für die Graphiksammlung auf der Veste zuständigen Kuratorin Stephanie Knöll gelang, ist das eine. Ein Buch ist noch etwas anderes, vor allem etwas Bleibendes. Zur Drachenblut-Ausstellung hat der Verlag Schnell + Steiner mit Hilfe der Niederfüllbacher Stiftung einen großen Bildband vorgelegt. Darin sind die auf der Veste gezeigten Kunstwerke in hochwertigem Druck abgebildet und im Detail erläutert, motivisch gedeutet und aus dem historischen Hintergrund erklärt.

Das heißt, wer beim Besuch der Ausstellung nach der Betrachtung von drei, vier dieser überaus detailreichen Werke von Dürer (1471 - 1528), des wirkungsmächtigen niederländischen Kupferstechers Hendrick Goltzius (1558 - 1617), der fantastischen Cranachs und all der anderen großen Meister erschöpft war - was gar kein Wunder ist angesichts der oftmals wimmelnden, gefühlt hundertseitigen Bildergeschichten auf ein paar Quadratzentimetern - der kann nun in dieses uns heute im Grunde doch fremd gewordene Medium auf dem Sofa sitzend eindringen und sich ganz viel Zeit lassen bei der Entdeckung der fantastischen Geschichten. Schließlich geht es nicht "nur" um Kunstgenuss.

Es geht um unser Leben heute

Vor der Präsentation einer Ausstellung steht umfangreiche wissenschaftliche Forschung. Es sollen ja nicht mehr oder weniger wahllos irgendwelche Objekte gezeigt werden, sondern Einsichten über Vergangenheit und Gegenwart, generell also über unser Leben gewonnen und vermittelt werden.

Stefanie Knöll hat mit ihrer Ausstellung "Drachenblut und Heldenmut" die Fantasy-Faszination der Gegenwart in den Fokus gerückt und gefragt, woher denn diese Motive, die Geschichten eigentlich kommen. Ihre kunstgeschichtliche Forschung in der über 250 000 Blätter umfassenden Graphiksammlung auf der Veste und darüber hinaus zeigt, wie ungebrochen präsent die historischen Drachengeschichten seit der Antike bis in die Drachenkämpfer-Propaganda des 1. Weltkrieges gerade heute sind, wie zentral sie im kollektiven abendländischen Gedächtnis wirken.

Der spannende Bildband versammelt, den eigentlichen Ausstellungs-Katalog ergänzend, eine Reihe von Aufsätzen, die es ermöglichen, tiefer in das Drachentöter-Motiv einzudringen. Es geht unter anderem um die Drachenbezwinger der antiken Mythologie, um diese eigenartigen Mensch-Tier-Beziehungen in der mittelalterlichen Literatur, um die Drachen aus Böhmen, die mit dem Further Drachenstich auch heute noch aufleben, und zum Schluss um die weltrettenden Drachenreiter etwa in den "Games of Thrones".

Der Bildband Stefanie Knöll (Hrsg.): Drachenblut & Heldenmut. Begleitpublikation zur Sonderausstellung in den Kunstsammlungen der Veste Coburg vom 27. Juni bis 22. September 2019. Mit Beiträgen von Ingrid Bennewitz, Sarah Böhlau, Regina Deckers, Franziska Ehrl, Cosima Kristahn, Thomas Wünsch. Verlag Schnell + Steiner Regensburg, 320 Seiten. 34 Euro, im Museumsshop auf der Veste erhältlich zum Sonderpreis.

 Der Bildband stellt alle Exponate ausführlich vor. Beiträge renommierter Autoren erschließen den Kontext aus kunsthistorischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive.