Wenn Thomas Apfel - vorzugsweise mit seinem E-Bike - in der Uferstraße vorbeikommt, muss er regelmäßig schmunzeln. Denn dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Noch immer lächelt er als OB-Kandidat von einer Plakatwand! Das Wahlplakat mag mittlerweile schon etwas ramponiert sein und sich an der einen und anderen Ecke auch schon langsam lösen - aber dieser Apfel, so scheint es, hat eine bemerkenswert lange Haltbarkeit. Denn, zur Erinnerung: Die Kommunalwahl war Mitte März. Und nur so zur Einordnung: Als das Plakat geklebt wurde, wussten in Deutschland nur wenige, was der Begriff "Lockdown" bedeutet. Doch - natürlich - hat auch diese kuriose Plakat-Geschichte indirekt mit dem verflixten Virus zu tun. Aber der Reihe nach.

Spur führt nach Bad Kissingen

"Es ist schon ein etwas komisches Gefühl, sich dort noch immer auf dem Plakat zu sehen", gibt Thomas Apfel im Gespräch mit dem Tageblatt ganz offen zu. Zugleich erinnere ihn das Plakat aber auch an eine "aufregende und intensive Zeit". Außerdem: "Es war mein Einstieg in die Kommunalpolitik!" Denn auch wenn es mit dem OB-Posten nicht geklappt hat, so konnte er doch immerhin ein Stadtratsmandat gewinnen.

Das Wahlplakat ist von Thomas Apfel und "seiner" Wählergemeinschaft Pro Coburg natürlich nie und nimmer für eine so lange Zeit gebucht worden. Doch an dieser Stelle kommt das Virus ins Spiel sowie eine weitere Branche, die unter der Pandemie leidet. "Das erste und das vierte Quartal sind im vergangenen Jahr eigentlich recht gut gelaufen", sagt Dieter Kaiser von der in Bad Kissingen ansässigen Firma Tiefenbacher Außenwerbung, "aber das zweite und dritte Quartal waren sehr schlecht." Der Grund liegt auf der Hand: "Wenn im Lockdown weniger Menschen draußen unterwegs sind, verliert Plakatwerbung an Bedeutung." Die größten Einbrüche musste Tiefenbacher Außenwerbung 2020 bei sogenannten Konzernbuchungen hinnehmen. Heißt: Große Firmen - allen voran aus den Bereichen Mineralwasser und Bier - hätten im ersten Lockdown auf sehr viel Werbung verzichtet.

Normalerweise gibt es für den Fall, dass es kein Nachfolge-Plakat auf einer Werbefläche gibt, eine klare Regelung: "Nach drei nicht gebuchten Dekaden wird ein Füllplakat geklebt", erklärt Dieter Kaiser. Eine Dekade umfasst zehn Tage, und bei einem Füllplakat handelt es sich um Werbung für einen karitativen Zweck, die von der jeweiligen Organisation (beispielsweise Unicef oder Rotes Kreuz) nicht bezahlt werden muss.

Aber warum wurde nicht auch schon längst das Apfel-Plakat in der Coburger Uferstraße mit einem Füllplakat überklebt? Dieter Kaiser kramt in seinen reichhaltigen Unterlagen - immerhin ist die Firma Tiefenbacher Außenwerbung für rund 1300 Plakatwände in Bayern und Hessen zuständig. Erster Erklärungsversuch: In Coburg ist ein Subunternehmer mit dem Kleben beauftragt; möglicherweise wurde da etwas versäumt.

Doch dann bringt Dieter Kaiser noch mehr Licht ins Dunkel: Die Plakatwand in der Uferstraße hat Mitte vergangenen Jahres einen anderen Status bekommen. Statt wie bislang als "Großfläche" wird es von Tiefenbacher Außenwerbung jetzt als "Allgemeinstelle" vermarktet. Das bedeutet: Statt für ein großes Plakat steht es für mehrere kleine zur Verfügung. Klassische Zielgruppen hierfür sind Veranstalter, die für Konzerte und ähnliches werben. Doch wegen Corona gibt es eben seit geraumer Zeit kaum noch Veranstaltungen. Also wurden auch keine Plakate gebucht - und der Apfel blieb weiter hängen....

Aber das Gespräch mit dem Tageblatt bringt jetzt offenbar Bewegung in die Sache. "Ich werde mit unserem Subunternehmer sprechen", kündigt Dieter Kaiser an. Möglich also, dass "der Apfel" schon bald aus der Uferstraße verschwindet - "für einen guten Zweck".

Spendenaufruf für Sea-Watch

Das wiederum dürfte dann ganz im Sinne des ehemaligen OB-Kandidaten sein. Der hat nämlich auch seinen 48. Geburtstag, den er am Montag feierte, in den Dienst einer guten Sache gestellt: Via Facebook rief er seine Freunde auf, für Sea-Watch zu spenden. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten. Weitere Infos unter www.sea-watch.org.

CHRONOLOGIE

Von der Nominierung bis zur Entscheidung

9. Januar 2020 Pro Coburg nominiert Thomas Apfel zum OB-Kandidaten.

15. März 2020 Thomas Apfel landet bei der OB-Wahl mit 18,5 Prozent auf Platz 3. Gleichzeitig holt er bei der Stadtratswahl 10320 Stimmen - ein noch besseres Ergebnis erzielen nur Dominik Sauerteig, Thomas Nowak (beide SPD) und Christian Meyer (CSU).

29. März 2020 In der OB-Stichwahl setzt sich Dominik Sauerteig mit 57 Prozent gegen Christian Meyer durch.os