Vor Beginn seiner ersten Saison als Intendant am Landestheater Coburg war es für Bernhard F. Loges lange Zeit unklar, ob diese Spielzeit am Ende schon den Übergang in die Interimsphase bilden würde. Am Beginn dieser ersten Saison musste der junge Theaterleiter dann den Umstand verkraften, dass die geplanten Freiluft-Aufführungen nicht im Hof der Ehrenburg stattfinden könnten - und erlebte schließlich den durchschlagenden Erfolg der Hofgarten-Festspiele.

Auch jetzt muss Coburgs Prinzipal inmitten der Corona-Krise mit Lockdown und Re-Start unter erschwerten Bedingungen Improvisationstalent beweisen. Damit freilich nicht genug: Mit der krankheitsbedingten kurzfristigen Verschiebung der für diesen Samstag geplanten Premiere der "Globe Songs" muss Loges unabhängig von der Corona-Krise gleich die nächste Herausforderung meistern.

In Ihrer ehrgeizig mit dem "Rheingold" gestarteten zweiten Saison wurden im Frühjahr alle Planungen von der Corona-Krise über den Haufen geworfen. Am Beginn Ihrer dritten Saison schließlich gibt es im Angesicht der Pandemie mehr Fragezeichen als Antworten und verbindliche Fakten. Haben Sie schon bereut, Intendant in Coburg geworden zu sein? Anders gefragt: Wie strapazierfähig müssen die Nerven eines Intendanten am Landestheater sein?

Bernhard F. Loges: Ohne gute Nerven sollte man den Beruf nicht wählen. Ich bereue nicht, hier in Coburg zu sein und bin froh, an diesem Haus mit vielen motivierten Kollegen zu arbeiten. Allerdings kommt die Flexibilität in einem Theaterbetrieb, der notwendigerweise langfristig planen muss, durchaus an Grenzen. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass wir die erfolgreich begonnene zweite Spielzeit hätten beenden können. "Das Rheingold" war ein voller Erfolg, auch das Musical hatte viel Zuspruch gefunden, Shakespeares "Othello" war ebenfalls eine gelungene Produktion und die Reithalle lief sehr gut, gerade beim jungen Publikum und diese Tendenz fortzusetzen wäre wichtig gewesen. - Aber der Konjunktiv ist aktuell genug strapaziert, blicken wir nach vorne!

Das Landestheater muss derzeit extrem auf Sicht planen, kann kein Abonnement im klassischen Sinne mit festen Terminen und Premieren anbieten und muss jederzeit bereit sein, Planungen zu korrigieren oder gänzlich über den Haufen zu werfen. Wie kann es gelingen, in dieser Situation nicht nur ständig zu improvisieren, sondern künstlerische Kreativität zu entfalten und ein gestalterisches Konzept sichtbar werden zu lassen?

Wichtig ist, dass der Spielplan jetzt nicht improvisiert wirkt. Wenn wir beispielsweise nur noch "Reader's Digest"-Fassungen großer Stücke produzieren würden, um auf jeden Fall die Titel zu spielen, auch wenn der Abend dann nur halb so lang ist, würde das nicht meinem Anspruch genügen. Daher spielen wir als einzige Opernpremiere vor Weihnachten Händels "Alcina" mit kleiner Barockbesetzung, ein Werk, bei dem Kürzungen üblich sind, ohne dass der Charakter des Werkes verloren geht. Matthias Straub hat sofort reagiert, als klar wurde, dass ein Mehrspartenmusical zu Saisonbeginn unmöglich sein würde und hat mit "Globe Songs" einen ausgezeichnet unterhaltsamen Abend unter Corona-Bedingungen konzipiert, der allen Ansprüchen unseres Publikums gerecht wird.

Durch die Dreiteilung bei der Veröffentlichung des Spielplans haben wir uns die Möglichkeit geschaffen, kurzfristiger reagieren zu können. Das heißt mit mehr Bedacht und auf die Krise eingestellt die Stücke zu planen. Das gilt gleichermaßen für die Sinfoniekonzerte, die natürlich nicht das sein können, was Daniel Carter (Coburgs neuer Generalmusikdirektor, Anm. d. Red.) und ich ursprünglich gedacht haben, aber wenn beispielsweise neue Erkenntnisse vorliegen, die die Abstandsregeln im Orchester revidieren und dann Eingang in Verordnungen finden, können wir reagieren.

Die ursprüngliche Planung hatte vorgesehen, im Frühjahr 2021 mit der Neuinszenierung von Wagners "Walküre" den zweiten Teil der "Ring"-Tetralogie auf die Bühne zu bringen und die in diesem Frühjahr abgesagte Produktion von Martinus Oper "Die griechische Passion" in dieser Saison nachzuholen. Wie groß ist derzeit Ihre Hoffnung, dass das tatsächlich möglich sein wird?

Solange es keinen Impfstoff oder wirksame Medikamente gibt, sind Produktionen dieser Größe nicht möglich. Bei der "Griechischen Passion" wären mehr als 70 Menschen auf der Bühne, das gesamte Orchester im Graben. Bei der "Walküre" ist weniger Personal auf der Bühne, aber letzten Endes das Orchester voll besetzt. Eine kleinere Version ist nicht möglich. Wenn wir hier den "Ring" spielen, dann in der vorgesehenen Besetzung für Coburg. Für beide Produktionen werden wir einen adäquaten Ersatz anbieten. Hier bin ich allen Regieteams für ihre Flexibilität dankbar, die zwei unterschiedliche Stücke vorbereiten - und schließlich kommt Stück A oder B in den Spielplan.

Was ist aktuell die größte Herausforderung für Sie als Intendant?

Die Balance zwischen künstlerischem Anspruch und hygiene- und sicherheitstechnischen Notwendigkeiten. Die Vermittlung der aktuellen Regeln für den Kulturbereich in den Betrieb hinein ist wichtig, aber angesichts sich ständig ändernder Erkenntnisse eine Herausforderung. Die Krise ist inzwischen vor allem eine psychologische geworden. Das heißt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sorgen haben und mit diesen auch zu mir kommen können. Dabei ist zu spüren, dass für alle ihre Arbeit eine Herzensangelegenheit ist. Das ist wiederum auch eine sehr schöne Erfahrung und umso mehr wünsche ich mir natürlich für uns alle, dass eine Verbesserung der Situation eintritt. Jeder will mit den Kollegen für unser Publikum spielen, musizieren, tanzen. Theater ist für die Menschen, die hier arbeiten auch ein Lebenselixier - und das fehlt in der uns bekannten Dosis.

Die "Globe Songs" versprechen eine unterhaltsame musikalische Zeitreise, der Ballett-Abend "Dis-Dancing" spielt im Titel mit dem derzeit fast allgegenwärtigen Begriff "Distancing" - wie schwierig ist es derzeit, die richtige Mischung im Programm zu finden?

In der aktuellen Situation ist es wichtig für die Menschen, einmal aufatmen zu können und im Theater auf andere Gedanken zu kommen. Die "Globe Songs" bieten mit ihren Medleys für alle eine musikalische Reise, die guttut. Mit dem Ballett thematisieren die drei Choreografinnen die Sehnsucht nach Nähe, die wir alle haben und deren Mangel uns in der Zeit des Shutdowns schmerzhaft bewusst wurde. Darin liegt aber auch eine große Poesie und in der Bewegung auch etwas Tröstendes. In den herrlichen Barockklängen der "Alcina" ist es die Kraft der Musik, die verzaubert.

Natürlich ist aber auf die Reflexionsebene von Theater heute wichtiger denn je. Einfache Meinungen haben viel zu schnell leichtes Spiel und daher ist "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo wichtig. Für das Kalenderjahr 2021 planen wir auch Stücke, die an "Jugend ohne Gott" anschließen und einen politischen Fokus haben.

Das Theater hat in den letzten Monaten manches neue Format erprobt (Landestheater im Vorbeigehen) und die Möglichkeiten der diversen digitalen Kanäle verstärkt erkundet (Klassik am Sonntag). Was davon könnte oder sollte nach der Pandemie Bestand haben oder weiter ausgebaut werden?

"Landestheater im Vorbeigehen" ist ein Format, das wir auch jenseits der Corona-Krise gerne wiederaufleben lassen. Die große Nachfrage zeigt, dass unser Publikum ein hohes Bedürfnis nach "anderem" Erleben von Kultur hat. Gerade die Schönheit von Musik und Tanz in der Natur ist es auch, die bei den Sommerfestspielen im vergangenen Jahr die Menschen begeistert hat. Wir hoffen sehr, das auch 2021 wieder umsetzen zu können.

Das Kulturangebot auf digitalen Kanälen ist eine gute Ergänzung und war in der Hochzeit der Krise wichtig, um ein Lebenszeichen zu geben. Aber dauerhaft ist es kein Ersatz für das "Live-Erlebnis" Theater. Einige Formate werden wir allerdings beibehalten und auch zur Berichterstattung von unseren Produktionen verwenden können.

Inwiefern muss sich das Landestheater in seinen Angeboten und mit seinen Möglichkeiten, seine Besucher zu erreichen, nach der Pandemie neu ausrichten?

Wir müssen jetzt vor allem trotz kurzfristiger Planung den Blick über das aktuelle Geschehen hinaus nicht vergessen. Die Entwicklung im Bereich der kulturellen Vermittlung, die dank des Engagements der Theaterpädagogik und der Musiker unseres Orchesters auch während der Krise vor allem in KiTas durch mobile Konzerte ist hier eine Richtung, die wir weiterverfolgen werden. Ohnehin müssen im Bereich der kulturellen Bildung weitere Formate geschaffen werden.

Die Vernetzung, auch überregional, mit anderen Theatern wird ein Thema sein. Die Kulturlandschaft wird mehr zusammenrücken und sich durch Kooperationen auch breiter aufstellen können.

Coburgs Intendant und die Pläne des Landestheaters zum Spielzeit-Auftakt

Bernhard F. Loges ist seit Herbst 2018 für zunächst fünf Spielzeiten Intendant des Landestheaters Coburg. Zuvor war er seit der Saison 2009/2010 Musiktheaterdramaturg an der Deutschen Oper am Rhein. Vor seinem Düsseldorfer Engagement sammelte er Erfahrungen in der freien Theaterszene als geschäftsführender und künstlerischer Leiter einer Theatergruppe. Regie- und Dramaturgiehospitanten absolvierte er in den Bereichen Schauspiel und Oper. Ausbildung: An der Ruhr- Universität Bochum studierte Loges Theaterwissenschaft, Komparatistik und Alte Geschichte. 2009 wurde er zum Dr. phil. promoviert (Dissertation "Heiliger Wahnsinn auf der Bühne - Die Figur der Hysterika in der Belcanto-Oper"). Lehraufträge führten ihn an die Ruhr-Universität Bochum und an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die nächsten Theater-Termine Samstag, 26. September "It'z Jazz" - "Karawahn" und "Black Star", 19.30 Uhr

Sonntag, 27. September Matineekonzert "It'z Jazz around the Globe", 11 Uhr (Schlossplatz); "Itz's Jazz around the Globe", 19.30 Uhr

Freitag, 2. Oktober Frid "Das Tagebuch der Anne Frank" - Wiederaufnahme, 19.30 Uhr

Samstag, 3. Oktober Delaporte/de la Patellière "Das Abschiedsdinner", 3. Oktober, 19.30 Uhr

Dienstag, 6. Oktober Soiree "Bezahlt wird nicht!", 18 Uhr

Sonntag, 11. Oktober: Dario Fo "Bezahlt wird nicht!", Premiere, 19.30 Uhr

Donnerstag, 15. Oktober "Love of Autumn" - Liederabend, 19.30 Uhr

Samstag, 17. Oktober 2. Sinfoniekonzert "Licht und Schatten", 20 Uhr (Wiederholungen des Konzerts Sonntag, 18. Oktober, 11 und 18 Uhr)

Mittwoch, 21. Oktober Soiree zum Ballettabend "Social Dis-Dancing"

Freitag, 30. Oktober Ballettabend "Social Dis-Dancing", Premiere, 19.30 Uhr "Globe Songs" Die für 26. September geplante Premiere "Globe Songs: Episode I" musste krankheitsbedingt kurzfristig verschoben werden.

Tickets für die bislang terminierten Aufführungen gibt es an der Kasse des Landestheaters, Infos zu den gültigen Hygiene-Regeln gibt es online (www.landestheater-coburg.de/hygiene)

Großes Haus Wenn nicht anders vermerkt, finden die Veranstaltungen jeweils im Großen Haus des Landestheaters statt.red