Wer rasiert, verliert! Der Play-off-Bart ist bei vielen Basketballern ein Ritual. Wenn die entscheidende Saisonphase beginnt, werden die Haare rund um den Mund von Tag zu Tag länger - die Matte im Gesicht soll Glück bringen im Kampf um die Meisterschaft. Aber David Kravish schlägt aus der Art. Der neue Center von Brose Bamberg hat erst aufgehört, sich zu rasieren, als er zur Tatenlosigkeit verdammt war.

Es war im vergangenen März, als das Coronavirus in Spanien wütete und nicht nur die Liga in die Zwangspause schickte, sondern das ganze Land lahmlegte. "Meine Frau Ashton hat im Scherz gemeint: Lass Dir halt einen Quarantänebart wachsen", erzählt Kravish, der damals noch bei Baxi Manresa unter Vertrag stand. Der 28-Jährige nahm sie beim Wort. Von seiner täglich wachsenden Gesichtsbehaarung wollte er sich aber wieder trennen, sobald die Saison fortgesetzt würde.

"Trimmen oder abnehmen"

Doch daraus wurde nichts. Wie in Deutschland fand nur noch ein Finalturnier statt, an dem Manresa als Tabellen-14. nicht teilnahm. Kravishs Barthaare wurden also länger und länger. So lange, bis es Ashton Kravish zu viel wurde. "Sie hat mich vor die Wahl gestellt: entweder Bart trimmen oder abnehmen", erzählt ihr Ehemann grinsend - und entschied sich für Ersteres. Der Grund: "Wenn ich ihn abnehmen würde, würde ich wieder wie ein 13-Jähriger ausschauen!"

Dank des Vollbartes wirken die Gesichtszüge des 28 Jahre alten Kravish vielleicht nicht mehr so kindlich wie früher, angsteinflößend wirkt der 2,08 Meter große Hüne aber auch nicht. Das passt wohl auch nicht zu seinem Naturell. "David hat keinerlei Allüren. Er ist eine der nettesten Personen, die ich kenne", sagt der Bamberger Coach Johan Roijakkers.

Der Niederländer muss es wissen, schließlich kennt er den US-Amerikaner schon seit längerem. Ihre Wege kreuzten sich, als Kravish nach seinem Abschluss am College im Jahr 2015 bei einem Showturnier in Las Vegas spielte, wo er sich für ein Team der NBA-Summer-League empfehlen wollte. Roijakkers war damals Mitglied des Trainerstabs seiner Mannschaft. Das Centertalent hat in diesen Tagen beim Coach offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen, denn Roijakkers wollte ihn für seine Göttinger Bundesligamannschaft verpflichten. Doch daraus wurde nichts. "Mein damaliger Agent hat auf seine Anfrage nicht geantwortet. Daher bin ich in Finnland gelandet", erzählt Kravish, der in der Saison 2015/16 sein Profidebüt bei BC Nokia gegeben hat.

Viele Vereinswechsel

Für das 200 Kilometer nördlich von Helsiniki gelegene Team aus der Stadt im Westen Finnlands ging der Center aber nur eine Saison auf Korbjagd. Auch bei seinen weiteren Karrierestationen (siehe Infokasten) stand er jeweils nur für ein Jahr unter Vertrag. "Jedes Jahr woanders zu spielen, das hat sich einfach so ergeben. Irgendwie hat sich immer eine neue Tür geöffnet. Das hat meiner Frau und mir die Möglichkeit gegeben, viele Länder und Kulturen kennenzulernen. Für uns ist das ist eine großartige Erfahrung", sagt Kravish.

Auch in Bamberg hat er zunächst einmal einen Einjahresvertrag erhalten. Lange gezögert hat er bei der Unterschrift des Kontrakts nicht: "Dieser historische Verein ist sehr ambitioniert. Als mein Agent mir vom Interesse aus Bamberg erzählt hat, hörst du natürlich genau zu. Die Organisation ist sehr fokussiert, und auch der Coach ist sehr ambitioniert. Daher hat das für mich einfach gepasst."

Kravish weiß, dass er angesichts von Roijakkers dreierlastigem Offensivspiel nicht die Angriffsoption Nummer 1 sein wird, kann sich damit aber arrangieren. Rebounds holen und gut verteidigen will er, um den Coach zufriedenzustellen. In den bisherigen Testspielen im Brose-Trikot hatte der Center bislang solide Auftritte. An seine Werte aus der vergangenen Saison in Spanien konnte er aber noch nicht anknüpfen. Für Baxi Manresa erzielte er in 21 Ligaspielen im Schnitt zwölf Punkte und sechs Rebounds. Dabei wies der 28-Jährige eine sehr gute Freiwurfquote von 83 Prozent auf, in der Champions League betrug diese sogar 92 Prozent.

Kravish arbeitet am Dreier

Eine Waffe aus der Distanz ist Kravish dagegen nicht, obwohl er nach eigenen Angaben jeden Sommer an seinem Dreier arbeitet. "Aber bislang war ich immer bei Vereinen, deren Trainer nicht wollten, dass ihre Center Dreier werfen", sagt der Center. Das habe sich erst in diesem Jahr in Spanien geändert, als ihn Manresas Coach Pedro Martinez vier Wochen vor der Saisonunterbrechung plötzlich aufgefordert habe, Dreier zu nehmen. "Bei Wurfdrills im Training habe ich die Dinger recht gut getroffen, und er hat mir gesagt, dass ich das jetzt auch im Spiel umsetzen solle. Das würde mich variabler machen. Er hat mir grünes Licht gegeben, aber das Coronavirus hat die Ampel wieder auf Rot gestellt." Damit blieb es in der Statistik der vergangenen Saison bei zwei Kravish-Dreiern, die zudem ihr Ziel verfehlte.

Nur in einer Spielzeit hatte der 28-Jährige eine zweistellige Zahl an Dreipunktewürfen zu Buche stehen. Das war in seinem letzten Collegejahr. An der renommierten University of California in Berkeley studierte Kravish Systembiologie und spielte sogar mit dem Gedanken, ein Medizinstudium dranzuhängen, um anschließend als Kinderarzt tätig zu werden. Doch sein Coach habe ihn damals umgestimmt: "Er hat mir gesagt, du bist so gut als Basketballer, dass du damit Geld verdienen kannst. Vielleicht nicht in der NBA, aber auf jeden Fall in Europa. Daher habe ich mich für diese Laufbahn entschieden. Ein Arzt werde ich nicht mehr werden."

Versuche als Ackerbauer

Für die Zeit nach der Basketball-Karriere hat Kravish einen anderen Plan. Zusammen mit seiner Jugendliebe Ashton, mit der er seit 2015 verheiratet ist, hat er sich in der Nähe von Kansas City, Missouri, zweieinhalb Hektar Land gekauft. Auch einen Traktor haben sich die beiden angeschafft. "Wir versuchen jetzt, das Land zu bestellen, wenn wir dort sind. Ich finde es sehr reizvoll, neue Dinge auszuprobieren und sich fortzubilden", sagt Kravish. Da die Familie seiner Frau Farmen besäße, könne er in Sachen Ackerbau viel von ihnen lernen. Ackern will Kravish in den nächsten Jahren aber zunächst vorrangig noch auf dem Basketballfeld. In Bamberg möchte er zusammen mit seinen Teamkollegen "diesen historischen Verein dahin zurückbringen, wo er einmal war".

Ehefrau ist eingetroffen

Ganz besonders freut er sich auf sein erstes Spiel in der Brose-Arena vor möglichst vielen Zuschauern, denn: "Ich habe so großartige Dinge über die Bamberger Fans gehört, die die besten in Deutschland sein sollen." Obwohl der Fankontakt bislang noch spärlich war, fühlt sich Kravish in Bamberg mit offenen Armen empfangen und freut sich darauf, die Stadt zusammen mit seiner Frau zu erkunden. Zum Auftakt der Vorbereitung Mitte August war er noch alleine angereist, mittlerweile ist Ashton ebenfalls eingetroffen und wird die gesamte Saison in Bamberg bleiben. Nicht auszuschließen ist, dass die Kravishs die Stadt nach Ende der Spielzeit zu dritt wieder verlassen, denn David verrät: "Wir wollen Eltern werden."

Zur Person: David Kravish

Die Anfänge Zwei Faktoren brachten David Kravish zum Basketball. Erstens: Er war schon als Kind in der Schule größer als die meisten seiner Klassenkameraden. Zweitens: Sein Vater Dave ist in Basketball vernarrt und gab die Liebe zu diesem Sport an seinen Sohn weiter. Die College-Zeit David Kravish spielte von 2011 bis 2015 für die University of California in Berkeley, an der er auch Systembiologie studierte. Der Center hält zwei Basketball-Rekorde der renommierten Universität, die bislang 107 Nobelpreisträger hervorgebracht hat: Er ist der Spieler mit den meisten Partien für "Cal" (135) und hat in einer Saison so viele Würfe geblockt (73) wie sonst niemand. Bisherige Stationen Nach seinem Profidebüt bei BC Nokia in Finnland (2015/16) spielte der Center jeweils für ein Jahr in Polen (Energa Czarni Slupsk), Weißrussland (Zmoki Minsk), Russland (Awtodor Saratow) und Spanien (Baxi Manresa). Trikotnummer David Kravish wurde am 12. September 1992 geboren in Joliet, einer Stadt in der Nähe von Chicago. "Meine ganze Familie ist Fans der Bulls, und von daher wäre es naheliegend gewesen, die 23 zu tragen. Aber das machen dort alle, das ist fast schon ein Klischee", sagt Kravish. Er hat sich daher dazu entschieden, Michael Jordans Nummer bei dessen Comeback im Jahr 1995 zu tragen: die 45! Die Familie David Kravish hat einen acht Jahre jüngeren Bruder. Aaron hat aber keine sportliche Laufbahn eingeschlagen. "Er ist an Sport überhaupt nicht interessiert. Als Aaron mit meinem Dad früher zu meinen Spielen kam, hat er auf der Tribüne lieber ein Buch gelesen als zugeschaut. Er spielt Geige, ist mehr akademisch orientiert und will Kurator in einem Museum werden", sagt David Kravish.