Es dürfen wieder Gottesdienste gefeiert werden, nicht nur virtuell vor dem Bildschirm, sondern ganz real in der eigenen Kirche. Diese Gottesdienste wirken eher wie eine Notlösung, geschuldet der Corona-Pandemie. Die Gläubigen müssen zueinander Distanz halten, eine Maske tragen, die Hostie wird mit Latexhandschuhen gereicht. Es soll nicht gesungen werden, und wenn, dann nur wenig. In der Stadt Bamberg hat bis jetzt keine Kirchengemeinde auf vorherige Anmeldung zu den Gottesdiensten bestanden. Noch reicht das Platzangebot trotz Abstandsregeln in den Gotteshäusern aus. Auch nach acht Wochen "ohne" strömen die Menschen nicht einfach wieder in die Kirchen. Wer jetzt hineingeht, sucht Labsal für die Seele.

So wie Claudia Hofmann, die in der gottesdienstlosen Zeit versucht hat, Kontinuität in ihr Glaubensleben zu bringen: "Ich habe die Medienangebote wie den Livestream aus der Nagelkapelle des Doms genutzt", erzählt die 46-jährige Erzieherin in einem katholischen Kindergarten. Doch "das Sakramentale hat mir gefehlt und mich belastet", sagt sie. So sehe sie die Wiederöffnung der Kirchen für öffentliche Gottesdienste positiv: "Es ist eine gute Lösung, ich bin auf jeden Fall am Sonntag wieder dabei", sagt Claudia Hofmann. Denn "die Kommunion zu empfangen, ist emotional bewegend", ergänzt sie. Mit den Hygienevorschriften könne sie sich arrangieren: "Sicherheitsvorkehrungen müssen sein." Und auch trotz Abstandhaltens könne sie "Gemeinschaft spüren", betont Claudia Hofmann.

Ein eher vorsichtiges "Jein" spricht Dr. Bettina Haake-Weber aus: "Die Alternative "kein Gottesdienst" ist für mich aber auch nicht zu hundert Prozent richtig", sagt die 47-jährige Ärztin und stellvertretende Schulleitung der Fachschule für Heilerziehungspflege und Heilerziehungspflegehilfe der bfz gGmbH. Sie habe aber tatsächlich ein Problem "mit einem Gottesdienst mehr oder weniger ohne Gesang, wenig gemeinsamem Gebet und mit dem durchgängigen Tragen des Mund-Nasenschutzes: "Für mich bedeutet Gottesdienst in erster Linie Gemeinschaft erleben, auch mit dem Gespräch vor der Kirchentür", erklärt Bettina Haake-Weber, die vielfach ehrenamtlich in der Oberen Pfarre und im Seelsorgebereich "Bamberger Westen" engagiert ist. Ob sie an diesem Sonntag einen Gottesdienst besucht, wisse sie noch nicht, tendiere jedoch mehr zu einem "eher nein".

Stimmiges Hygienekonzept

Aus medizinischer Sicht sei sie nicht gegen Gottesdienste, die unter einem solchen Hygienekonzept durchgeführt werden, so die Ärztin. Das Hygienekonzept sichere den Abstand zwischen den Personen als sicherste Übertragungsprophylaxe. "Ich sehe auch die psychologische Gesundheit insbesondere unserer älteren Gemeindemitglieder mittlerweile als sehr gefährdet an, das müssen wir so ernst nehmen wie das Virus selbst", betont Bettina Haake-Weber.

Ein striktes Nein zu der "Corona-Exit-Strategie" der Kirche sagt Dr. Matthias Dietzel, Arzt und Professor an der Erlanger Universitätsklinik: "Keine Schutzmaßnahmen sind in der Lage, das Risiko einer Ansteckung auszuschalten", meint der 41-Jährige, der sich selbst als "engagierter Christ in der Gemeinde St. Josef im Hain" bezeichnet. Er wolle sich hier nicht als Experte aufspielen, der er nicht sei, so Matthias Dietzel. Grundsätzlich gelte aber: "Keine Schutzmaßnahmen sind in der Lage, das Risiko einer Ansteckung auszuschalten. Wir wissen schlicht nicht, wie hoch das Restrisiko ist". Und daher schlussfolgert Dietzel: "Die Wiedereröffnung der Kirchen wird in jedem Fall Opfer kosten". Das Haupt-Risiko sei, so der Mediziner , dass der Gottesdienstbesucher infolge der "Wiederöffnung" das Virus in der Gesellschaft verteile und so dort schwere Krankheitsverläufe triggere." "Die Gesellschaft", so Dietzel, "besteht überwiegend nicht aus Gottesdienstbesuchern". Gleichzeitig trage eben diese als Solidargemeinschaft das Gesundheitssystem und ermögliche die Behandlung jedes Erkrankten, auch des Gläubigen selbst. Diese Übertragung des Risikos auf Dritte "ist das eigentliche Dilemma der Wiedereröffnung", gerade aus christlicher Sicht.

Ein Zeichen setzen

Sicher sei es jetzt richtig, die coronabedingten Beschränkungen langsam wieder zu lockern, räumt Matthias Dietzel ein: "Wir müssen priorisieren, also fragen, wer muss und darf als Erster, wer stellt sich hinten an?" Und da würden "wir Christen uns gerade in die allererste Exit-Reihe stellen, noch vor allen Schülern, Kitas, vor den von einer Pleite bedrohten Mitbürgern". Wäre es nicht klug, hier unsere eigenen religiösen Bedürfnisse zurückzustellen und uns ganz der Solidargemeinschaft unterzuordnen? Verzicht für andere zu üben, die es gerade nötiger haben? Auch als Zeichen für die draußen vor der Kirche? Die uns oft zu Recht kritisieren?"

Freimütig fügt Matthias Dietzel noch hinzu, dass er sich nach "Normalität auch in Gottesdiensten" sehne. In der jetzigen Phase der Pandemie hält er deren Wiederöffnung für verfrüht und das falsche Zeichen.