Bongo und Tika tun ihren Job und sehen an der Gartentür nach dem Rechten. Selbstbewusst und zielstrebig. Amy dagegen hält sich im Hintergrund, beobachtet was die beiden Großen machen und läuft schüchtern und vor allem misstrauisch mit. "Amy hatte Glück," sagt ihr Frauchen Carmen Böker und streicht der hellen Hündin mit den großen dunklen Augen sanft über den Kopf. In der Tat, wäre sie jetzt noch dort, wo sie hergekommen ist, in der rumänischen Tierauffangstation und Todeslager Ploiesti, würde ihr vermutlich ein qualvoller Tod bevorstehen. Seit dem letzte Woche erlassenen neuen Gesetz sind in Rumänien alle Straßenhunde zum Töten freigegeben - es sei denn sie werden innerhalb von zwei Wochen adoptiert...

Carmen Böker kann das, was in Rumänien passiert, nicht tatenlos hinnehmen. Sie macht über Facebook auf die Misere aufmerksam und setzt sich nach ihren Kräften ein. Auslöser für das rasch verabschiedete Gesetz, war der Tod eines Jungen, angeblich von Straßenhunden getötet. Carmen Böker findet den Tod des Buben furchtbar. In diversen Medien tauchen derzeit jedoch Zweifel an der Darstellung auf, also ob es tatsächlich Hunde waren, die den Jungen töteten. Er könnte auch Opfer eines Verbrechens geworden sein.

Fakt ist gleichwohl das schnell erlassene Gesetz, wonach Straßenhunde gezielt gefangen und getötet werden dürfen, wenn niemand sie innerhalb von zwei Wochen nach Einlieferung adoptiert. Facebook ist voller detaillierter Beschreibungen, wie die Hunde zu Tode gebracht werden.

Nationenübergreifende Proteste

Carmen Böker schluckt schwer, als sie die Lage schildert. Seit die bekannt ist, gibt es nationenübergreifend Proteste und Petitionen. Die 49-Jährige informiert, sensibilisiert, aktiviert - zumindest für die Unterschriftenaktionen.

Hier bringen sich auch die in Bamberg aktiven Tierschutzorganisationen ein - der Tierschutzverein Bamberg Stadt und Land sowie Tierisch Grenzenlos.Wie Liebhard Löffler, Vorsitzender des Tierschutzvereins erklärt, fand am Samstag eine Regionalkonferenz statt, bei der Rumänien Thema war. Er sieht eine Lösung auf politischem Weg als den aussichtsreichsten. Dazu gehört das Intervenieren über den Deutschen Tierschutzbund bei der Botschaft. Das habe mehr Gewicht, als ein einzelner Tierschutzverein.

65.000 Straßenhunde - allein in Bukarest

Gleichwohl werde der Bamberger Verein dazu parallel die Möglichkeiten der Petitionen im Internet nutzen. Er verschließt auch nicht die Augen vor dem Problem, das gut 65.000 Straßenhunde allein in Bukarest durchaus darstellen. Man müsse politischen Druck aufbauen, "ähnlich wie in der Ukraine - in der Öffentlichkeit massiv für Druck sorgen", fordert er. Die Lösung könne freilich nur in einer vernünftigen Kastrationspolitik liegen. Damit es also gar nicht erst viele Straßenhunde gibt. Was die Nachrichtenlage betrifft, mahnt er eine gewisse Vorsicht an und erinnert daran. Zugleich sei für ihn wichtig, auch andere Länder im Blick zu behalten.

Das tut insbesondere der Verein Tierisch Grenzenlos, der sich schwerpunktmäßig in Spanien, Griechenland und Italien engagiert. Ursula Tag, die sich auch in der Vereinsverwaltung einbringt, merkt beispielsweise an, dass in Griechenland nun wieder "das Vergiften" beginne. Das sei zwar verboten, aber gängige Praxis. Besonders in der Zeit, wenn die Touristen verschwunden sind. Man kämpfe in den genannten Ländern für Kastrationen, das einzige Mittel der Wahl, um der Problematik Herr zu werden. Die Tötungsaktionen in Rumänien findet sie gleichwohl grauenvoll. Sie zeigt sich aber realistisch. Es werde wohl eine Generation dauern, bis sich hier etwas ändere. Gleichwohl unterzeichnen auch ihre Vereinsmitglieder nach Möglichkeit alle Schreiben, "wir sind bei den Petitionen voll dabei".

Wie Löffler betrachtet auch Ursula Tag Einzelaktionen nur als Tropfen auf den heißen Stein. "Wir haben gar nicht die Möglichkeit, viele Tiere aufzunehmen." Sie gibt zu bedenken, dass gerettete Tiere unbedingt medizinisch untersucht und, geimpft werden. In Tierisch-Grenzenlos-Ländern sei man dabei, Strukturen aufzubauen. Was bei Einzelaktionen passieren kann, so Löffler ergänzend an, habe jüngst der Fall des tollwütigen Welpen gezeigt.

Direkter Kontakt nach Rumänien

Carmen Böker wiederum kämpft auf ihre Weise für die rumänischen Straßenhunde weil sie über Amy, die sie über eine deutsche Tierschutzorganisation adoptiert hat, auch in direkten Kontakt mit einer Helferin in Ploiesti gekommen ist. Mihaela. Über sie weiß sie auch von dem unendlichen Leid vor Ort. Wo über 700 Hunde in einem einzigen "Tierheim" zusammengepfercht sind. "Das ist ein Wahnsinns Stress für die Tiere." Ihre Amy war dort und hat dabei wohl etliche Traumata erlitten. Dennoch hatte sie dank Mihaela die Chance zur Ausreise zu bekommen. Mihaela hilft dort als Ehrenamtliche nach Kräften, das Allerschlimmste zu vermeiden und wenigstens ein paar Hunden über ihre Kontakte zu ausländischen Tierschutz-Organisationen die Ausreise zu ermöglichen. Dazu gehört, dass die Tiere, für die sie Paten gefunden hat, kastriert und medizinisch behandelt werden. Kastrierte Hunde bekommen eine Ohrmarke, weiß Carmen Böker. Meist sind es Teams von ausländischen Tierärzten, die ehrenamtlich Kastrationen übernehmnen. Vor kurzem wurde machen laut Facbook sogar das verboten.
Mihaela Teodoru, so der ganze Name, hält über Facebook Kontakt zu ausländischen Tierschützern, informiert und sammelt nach Möglichkeit auch Spenden, für die Arbeit vor Ort. Derzeit ist sie pausenlos unterwegs, was durch ihr defektes Auto noch erschwert wird...

Weil sie bereits einen (italienischen) Straßenhund (vor vielen Jahren übers BambergerTierheim) hatte, wusste Carmen Böker, auf was sie sich mit der Adoption eines Hundes aus Rumänien einlassen würde. Denn ganz ohne Vorkenntnisse ist es nicht einfach zu verstehen, warum sich der Hund so verhält, wie er es tut, sagt die Trainerin. "Straßenhunde haben ein bestimmtes Verhalten, das aus ihren meist negativen Erfahrungen resultiert." Wähnen sie Gefahr, flüchten sie oder kauern sich ganz flach auf den Boden, verfallen geradezu in eine Starre oder zeigen klares Abwehrverhalten. Bökers beiden andere Hunde machten Amy die Eingewöhung leichter. "Sie konnte sich an ihnen orientieren."

Darauf, dass ein Straßenhund anders reagiert, muss man sich einstellen, und damit umzugehen wissen. Amy hat schon viel gelernt und vor allem auch Vertrauen aufgebaut. Weil sie durch Amy nur erahnen kann, was derzeit in Rumänien passiert, lässt es Carmen Böker nicht dabei bewenden, sich um ihren geretteten Hund zu kümmern. Sie versucht auch, für Mihaela so viel Unterstützung zu organisieren, wie ihr möglich ist. Unter anderem spendet sie Einnahmen von Kursen und fände es toll, wenn andere Ausbilder sich anschließen würden. Aber auch Privatpersonen. Weitere Informationen darüber, wie man Mihaela bei ihrer Arbeit in Rumänien unterstützen kann, gibt es auf Bökers Homepage.

Weitere detaillierte Informationen über den aktuellen Sachstand gibt es beispielsweise bei der Tierschutzorganisation Tasso



Kommentar von Anette Schreiber: Eine kleine Chance besteht

Sicherlich gibt es mindestens genauso skandalöse oder noch furchtbarere Ereignisse wie das gesetzlich erlaubte Töten von Straßenhunden in Rumänien. Keine Frage. Aber wie sich andeutet, könnte vielleicht im Falle Rumänien doch ein kleine Chance bestehen, das Ruder ein bisschen herumzureißen. Und das ist die Sensibilisierung für dieses Thema in jedem Fall wert. Jeder einzelne Hund, dem es erspart bleibt, zu Tode geprügelt zu werden oder qualvoll durch eine laienhaft gesetzte Spritze und "billiges" Gift zu sterben oder lebendig verbrannt zu werden, ist der Anstrengung wert.

Nur wenn von möglichst vielen Seiten politisch Druck aufgebaut wird, könnte vor Ort Umdenken erfolgen. Nun darf man nicht ganz Rumänien mit Tier- oder Hundehassern gleichsetzen und verdammen. Auch dort gibt es Menschen, wie Mihaela, die sich mit ganzer Kraft für diese Kreaturen einsetzen. Und da kann Unterstützung wiederum von Privatpersonen bei uns immens viel bewirken. So wie sie nun noch dringender nötig geworden ist, da Mihaelas Privatwagen ist nach einem (unverschuldeten) Unfall vom Dienstag Totalschaden hat. Es ist aller Mühen und Ehren wert, tätig zu werden und eben nicht einfach so zur Tagesordnung über zu gehen. In diesem Fall nicht und in den anderen genauso wenig.

Nur wird sich nicht jeder von allem angesprochen fühlen. Auch das liegt in der Natur des Menschen.