Die Mission: Gespür entwickeln. Ein Gespür dafür, was man in Sachen Naturschutz machen kann. So formuliert Prof. Dr. Dr. Reinhard Mosandl das Lernziel, das seine Exkursions-Gruppe in den Steigerwald führt. "In Ebrach machen wir Buche", doziert er.

Mit knapp 40 Studierenden des Masterstudiengangs Forstwissenschaft und Ressourcenmanagement der TU München (Weihenstephan) reist Mosandl von Baumart zu Baumart. Eine Woche lang durch Bayern. Auftakt mit der Fichte in Zusmarshausen, Ende mit der Kiefer in Selb, und davor die Buche in Ebrach. Mosandls Gruppe wird in die Ebracher Rekord-Bilanz dieses Jahres (2000) und in die der 7600 internationalen Exkursions- und Vortragsteilnehmer der letzten zehn Jahre einfließen.

Der Staatswald bei Ebrach ist beliebter Lehr-, Lern- und Forschungsort. Im Schnitt sind seit 2005 jährlich 26 Exkursionen bzw. Vorträge dokumentiert. Geforscht und wissenschaftlich untersucht wird in Ebrachs Wäldern und ganz speziell in den beiden bekanntesten Naturwaldreservaten Waldhaus und Brunnstube seit Jahrzehnten.

Pilotprojekt
Vor zehn Jahren wurde das einstige Forstamt Ebrach zum Forstbetrieb und Ulrich Mergner zu dessen Leiter. 2006 startete im gesamten Betrieb ein bayernweites Pilotprojekt zum integrativen Naturschutz. Darunter versteht man vereinfacht dargestellt, dass der Wald sehr wohl bewirtschaftet, aber zugleich auch aktiv Naturschutz betrieben werden kann, Naturschutz in die Nutzung integriert ist. "Naturschutz ist Teil der Ausbildung", erklärt Institutsleiter Mosandl, während seine Schützlinge den Steigerwald erobern. "Das ist sinnvoll", schiebt er hinterher.

Hinter diesen Studenten liegen fast acht Semester Studium; zwei weitere und die Abschlussarbeit vor ihnen. Danach werden sie für den Staat, Privatwaldbesitzer oder die Holzwirtschaft arbeiten. Und dabei möglichst auch Naturschutzbelange berücksichtigen. Darum geht es dem Professor bei den Studenten und darum geht es Mergner in den 17 000 Hektar Staatswald, für die er zuständig ist. Die Forschungsergebnisse in den Naturwaldreservaten fließen in seine Arbeit ein. Und in diese wiederum gibt er bei den vielen Exkursionen und Tagungen Einblick.

Natürlich kann Mergner angesichts der seit vielen Jahren geführten Debatte um einen Nationalpark Steigerwald, die den Forstbetrieb unmittelbar tangieren, das Politische nicht ganz aus der Exkursion heraushalten. "Ideologisch ist viel festgefahren." Aus Besuchen in zahlreichen Nationalparks habe er viele wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Professor Mosandl wirft den Blick auf ein Naturschutz-Modell, wie es in den USA oder Finnland angewendet wird: Einerseits gibt es große Plantagen, daneben "gute, große" Nationalparks. "In dicht besiedelten Ländern wie Deutschland ist das nicht möglich", zeigt er sich überzeugt.

Mergners Ziel ist es, die Artenvielfalt der Naturwaldreservate auf die gesamte Waldfläche auszudehnen. Das Mittel der Wahl: das Trittsteinkonzept. "Ein Weltmodell", wie der Professor schwärmt, "das man in den Tropen genauso machen könnte" und das Mergner auch international vorstelle.

Vier Komponenten
Das Konzept besteht aus den vier Komponenten Totholz, Bio topbäume, Trittsteine und Naturwaldreservate. Es soll insgesamt die Artenvielfalt sichern und verbessern. Dazu gehören 200 Trittsteine. Das sind im ganzen Forstbetrieb verteilte Flächen von 0,3 bis 20 Hektar, auf denen sich eine größere Anzahl ökologisch höherwertiger Bäume befindet. Sie dienen den Arten zur "Zwischenlandung" und vernetzen so die sechs Naturwaldreservate (mit Flächen zwischen 23 und 180 Hektar) - zusammen mit 40 Kilometern ökologisch wichtiger Waldränder. Zu dem Konzept gehört es auch, 15 bis 20 Prozent des eingeschlagenen Holzes als Totholz liegen zu lassen.

Mit seinem Einschlag von jährlich 100 000 Festmetern ist Ebrach einer der größten Laubholzproduzenten in Bayern. In den bewirtschafteten Beständen bleiben zehn Biotopbäume pro Hektar stehen. Biotopbäume sind solche, die Höhlen, Pilze oder frei liegende Holzkörper haben. Das Tritt steinkonzept erfordert einen "Paradigmenwechsel, ein radikales Umdenken", erklärt Mergner. Da sei viel Aufklärung auch bei den Mitarbeitern gefragt, die jahrzehntelang ganz anders gearbeitet hätten.

Szenenwechsel. Nach dem Naturwaldreservat, in der sich die Natur selbst überlassen bleiben darf, geht's in bewirtschafteten Wald. In einen "gut gepflegten Wald", um dessen Zukunft politisch gerungen wird. (Er soll aus der Nutzung genommen werden.) Statt der bloßen Erweiterung unter Schutz gestellter Fläche wären Mergner solche Flächen mit "Habitatstruktur" lieber, macht er deutlich. Mit entsprechenden kleinen, über den Gesamtwald verteilten Flächen komme man beim Artenschutz weiter, zeigt er sich überzeugt.

"Da können die Arten wandern." Mergner führt auch vor, wie versucht wurde, der Natur auf die Sprünge zu helfen: Mit der Motorsäge wurden Löcher in Bäume gesägt, um künstliche Höhlen zu erzeugen, damit sich Organismen entwickeln können. "Doch Bäume sind keine Naturschützer, die wehren sich."

Klar macht Mergner: "Wir sind nicht diejenigen, die zu entscheiden haben. Wir führen aus. Aber: Wir haben der Politik ein Konzept angeboten." Die Studenten interessieren sich für die Argumente der Nationalpark-Befürworter. Mergner nennt da Befürchtungen, dass sich Gesetze ändern, der Naturschutzaspekt nicht mehr die derzeitige Berücksichtigung findet. Da könne man sich dann aber auch in Bezug auf bestehende Nationalparks sorgen, relativiert er.

"Nicht eine der drei Säulen Ökologie, Ökonomie, Soziales maximieren", fasst der Professor zusammen, was die Studenten aus Ebrach mitnehmen sollen.