Der Kampf der Staatsbad Philharmonie geht in die nächste Runde. Nachdem die Musiker gestern mit Unterstützung vieler Zuhörer vor dem Rathaus demonstrierten, zogen sie am Freitag ins Luitpoldbad zu Kurdirektorin Sylvie Thormann. Bei dieser Demo ging es weniger um den gewünschten Tarifvertrag. Im Vordergrund stand, dass die Kündigungen von Hazar Birkan (Flötistin) und Federico Kurtz de Griñó (Klarinette) rückgängig gemacht werden sollen. Denn laut Burghard Toelke, dem Chef der Philharmoniker, steht durch die Entlassung die Ausweisung von Hazar Birkan in die Türkei im Raum.

Allerdings: Die Kurdirektorin zeigte sich nicht. Als der Protestzug mit über hundert Menschen vor ihrem Büro zum Stopp kam, war durch die Fenster nur zu sehen, wie eine Mitarbeiterin hurtig zum Telefon griff. "Es ist eine Schande. In 5,5 Monaten haben sich Menschen hier einen Haushalt aufgebaut und werden von jetzt auf nachher entlassen", rief Reinhold Roth, in der Philharmonie zuständig für die Trompete und die Moderation. Hazar Birkan habe durch die Kündigung nun kein Aufenthaltsrecht mehr in Deutschland. Ihr drohe die Ausweisung in die Türkei. Er wurde deutlich: "Frau Thormann, bitte kommen Sie ans Fenster oder raus. Wir möchten, dass Sie die Kündigungen zurücknehmen."

"Frau Thormann ist nicht da"

Dem Appell kam die Kurdirektorin nicht nach. Eine Mitarbeiterin der Bayerischen Staatsbad Bad Kissingen GmbH öffnete eines der Fenster und sagte: "Frau Thormann ist nicht da." Dass Sylvie Thormann in Terminen war, wie sich später herausstellte, kam bei der Menge nicht gut an. Die Stimmung heizte sich auf, manch einer klopfte an die Bürofenster und laute Buh-Rufe hallten über den Innenhof. "Ich bin wegen der Kultur vor zwei Jahren hierher gezogen. Ich sehe nicht ein, dass ich Musik in dieser Qualität vermissen soll. Wenn jemand so eine Entscheidung wie die Kündigungen trifft, sollte er auch dazu stehen", sagte Ilse Streng. "Wir kommen jedes Jahr viermal wegen des Orchesters zum Urlaub nach Bad Kissingen. Sich nicht zu stellen nach den Kündigungen ist eine Frechheit", machten Heinz Adamczyk und seine Partnerin Inge-Käth Nowak aus Frankfurt deutlich. "In meiner Verzweiflung habe ich sogar einen Brief an den OB geschrieben.Ich stehe voll hinter den Musikern", sagte Jutta Hinn.

Karl-Heinz Hesper und seine Frau Ursula urlauben ebenfalls regelmäßig in Bad Kissingen. "Ich bin halb gelähmt und rumple jeden Tag zur Wandelhalle, um die Musik zu hören." Das Verhalten der Kurdirektorin sei eine Schande. "Frau Thormann, wir stehen mit über 100 Gästen hier. Wir machen das solange, bis sie die Kündigungen zurücknehmen", rief Reinhold Roth von den Philharmonikern in Richtung des Büros der Kurdirektorin. Burghard Toelke teilte mit, dass die Deutsche Orchester Vereinigung dem OB eine Frist gesetzt hat. Er soll bis zum 24. September mit der Gewerkschaft in Kontakt treten. Ansonsten drohe ein Erzwingungsstreik - also ein unbefristeter Streik, was als letztes Mittel und schärfste Waffe der Gewerkschaften in einem Tarifkonflikt gilt.

"Zu Gesprächen bereit"

Später meldete sich Sylvie Thormann, schriftlich, sie beantwortete Fragen unserer Redaktion. Warum suchte sie nicht das Gespräch mit den Musikern? Antwort: "Das Gespräch mit den Musikerinnen und Musikern zur Vorstellung des Maßnahmenpaktes betreffend die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist für nächsten Mittwoch terminiert und eingeladen." Weiter heißt es im Schreiben: "Die Bayerische Staatsbad Bad Kissingen GmbH und ihre Gesellschafter sidn weiterhin zu Gesprächen bereit."

Das sagen die Stadträte

In der städtischen Kommunalpolitik ist der Arbeitskampf der Musiker ein Thema. Und dort wird es wohl auch liegen bleiben. Schützenhilfe vom Freistaat können sich die Demonstranten nicht erhoffen.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) äußerte sich im Nachgang eines Wahlkampf-Termins im Landkreis zur Situation. Den hatten die Musiker am Mittwochmorgen beim Konzert sowohl in der Moderation als auch durch das Spielen des Defiliermarsches in die Verantwortung gezogen.Er nahm Bezug auf die Unternehmensanteile: "Das muss vor Ort entscheiden werden, da sind wir als Freistaat in der Minderheit." Im Stadtrat nachgefragt: "Wir machen uns Gedanken, können aber aktuell noch keine Stellungnahme abgeben", sagte Richard Fix (Grüne). Das hänge mit kommunalpolitischen Abläufen zusammen. Anfang September gab es eine Sitzung aller Fraktionssprecher des Stadtrates. Dabei erhielten die Fraktionssprecher Informationen zu den Themen. Diese müssen dann pro Fraktion intern besprochen werden. "Die Sitzung ist nicht öffentlich, da müssen wir zu den Inhalten schweigen", sagte Fix. "Wir als Fraktion der Grünen treffen uns am Sonntag, um uns mit dem Thema auseinander zu setzen."

Wann der Stadtrat als gesamtes Gremium darüber diskutiert, ist noch nicht ersichtlich. Der Blick auf die im Internet einsehbaren Sitzungstermine zeigt jedoch, dass die Musiker kommende Woche nicht auf der Tagesordnung sind - denn da tagt der Bauausschuss. Die nächste mögliche Zusammenkunft des gesamten Stadtrates findet Ende September statt.

"Ein Arbeitskampf sollte im Hinblick auf das Ziel verhältnismäßig und fair sein. Das Gebot der Fairness wurde vom Orchester verletzt durch das Auftreten während der Feierlichkeiten zum Weltkulturerbe", sagte Freia Lippold-Eggen von der AfD. Ob die Aktionen der Musiker den Verhandlungen dienlich sind, müssten alle Beteiligten für sich beantworten. "Grundsätzlich ist es ein Grundrecht, sich jederzeit gewerkschaftlich zu organisieren." Für sie ist wichtig: "Es gilt immer die konkrete wirtschaftliche Belastbarkeit der Stadt zu berücksichtigen, besonders die automatischen Tariferhöhungen stehen im Widerspruch zum Gedanken der leistungsgerechten Bezahlung der Musiker." Zum vom OB ausgearbeiteten Konzept - dessen Inhalt der Redaktion noch nicht bekannt ist - hat sie eine Meinung: "Es ist ein vernünftiger Kompromiss, um widersprüchliche Interessen auszugleichen."

"Übers Ziel hinausgeschossen"

Bernd Czelustek, SPD-Fraktionssprecher: "Der Stadtrat hat wenig Möglichkeiten, sich dort einzumischen, es ist Sache der Geschäftsleitung." Er meint: "Es ist das Recht eines jeden, einen Arbeitskampf zu führen. Gerade die SPD muss das sagen." Allerdings: "Auf der anderen Seite verwundert einen die Art und Weise wie dieser geführt wird. Beim Welterbe-Festakt sind sie weit übers Ziel hinaus geschossen." Eine Verpflichtung, aufgrund des Titels handeln zu müssen, sieht er nicht. "Man muss sagen, dass das Kurorchester Tradition hat, aber auch, dass die Qualität, die die Musiker anstreben, nicht unbedingt notwendig ist." Der SPD-Mann fügt an: "Ich habe von Leuten schon gehört, dass manche es gern etwas seichter hätten." Bei der Gehaltsforderung wird er deutlich: "Wenn wir uns es nicht leisten können, müssen wir Abstriche machen."

Arbeitgebersicht sei nachvollziehbar

Die Reaktionen auf die Kündigungen sind für ihn schwer nachvollziehbar: "Es heißt, sie haben sich gegen 60 andere Bewerber durchgesetzt. Die Bewerber wussten doch von den Verhältnissen. Ich kann die Einstellung der Arbeitgeberseite nachvollziehen."

Alexander Koller, Sprecher der DBK, verweist darauf, dass grundsätzlich selbstverständlich das Recht auf einen Arbeitskampf besteht. Allerdings: "Die Art und der Zeitpunkt wirkt jedoch sehr befremdlich." Er fügt an: "Wir halten die Aktionen für unangemessen, nicht nur beim Festakt sondern auch danach, dies insbesondere aufgrund der konkreten Gesprächsangebote an die Musiker." Einen Tarifvertrag lehnt die DBK ab.

Sie steht hinter dem Konzept des OBs, das den Musikern in der kommenden Woche unterbreitet werden soll. Dieses sei mehr als ausreichend. "Letztlich heißt bei der Staatsbad jeder zusätzliche Euro für Personalkosten künftig einen Euro weniger Marketingbudget für den Standort." Kommt es zu einer Einigung, möchte die DBK eine Debatte über die Einhaltung von Budgets in der Staatsbad und auch im Kurorchester führen.