Was haben Händels Opern und seine Zeit mit der Gegenwart zu tun? Warum sollten sich vor allem junge Leute dafür interessieren, für die das alles "vor ihrer Zeit" gewesen ist? Die Barockzeit ist ja nun mal unwiderruflich vorbei. Und damit eigentlich auch ihre Musik. Andererseits geht es auch in Händels Opern auf der Basis von zum Teil historischen, zum Teil mythologischen Ereignissen um menschliche Grundbefindlichkeiten, die zeitlos sind: Liebe und Hass, Rache und Versöhnung, Krieg und Frieden. Wenn man damit die heutige Jugend - und nicht nur sie - erreichen will, muss man sich etwas einfallen lassen, muss diese Zeitlosigkeit erfahrbar machen, und zwar kompromisslos.

Die Gruppe Spark mit Daniel Koschitzki, Andrea Ritter, Stefan Balazsovics, Victor Plumettaz und Christian Fritz hat eine Antwort auf diese Herausforderung gefunden, und zwar eine absolut zündende. Nicht ohne Grund werden die fünf Leute den Namen gewählt haben, denn das englische Wort bedeutet im Deutschen "Funke". Ihr Konzert in der Erlöserkirche wurde zu einer einzigen Überraschung. Die Instrumentalbesetzung ist ja noch relativ konventionell: Violine, Viola, Violoncello, ein Tasteninstrument, in dem Fall ein Flügel, und jede Menge Blockflöten von Piccolo abwärts gab es auch schon in der Barockzeit. Aber eine Melodica natürlich nicht. Aber sie war es vor allem, die unerwartete faszinierende Klangvarianten ins Spiel brachte.

Geheimnisvoll bis pompös

Eine weitere gute Idee war die Zusammenarbeit mit einem Countertenor - historisch natürlich insofern ungenau, als es zu Händels Zeiten Kastraten waren, die die Frauenrollen sangen. Heute werden die erforderlichen Höhen zum Glück nicht mehr mit der Schere, sondern mit Gesangstechnik erreicht. Der Solist war der Countertenor Valer Sabadus, den die Kissinger-Sommer-Besucher bereits 2013 kennen lernen konnten. Damals sang er - ebenfalls in der Erlöserkirche - mit dem Weimarer Barockensemble Vivaldis "Nisi Dominus" und mit Anna Luca Richter Pergolesis "Stabat Mater". Das war auch jetzt ein echter Glücksgriff, denn es blieb ja nicht bei barocken Arien.

Ziel der Gruppe ist es, Musik, unabhängig aus welcher Zeit, in ihren Grundstrukturen zu erhalten, aber sie in neue Klanggewänder zu kleiden. Wie gut das funktioniert, zeigte gleich das erste Stück: "Die Ankunft der Königin von Saba" aus Händels Oper "Salomon". Auch wenn man nicht immer den Titel weiß, gehört hat das schon (fast) jeder: Im Original eilig pulsierende Streicher mit Cembalo, die in einen Dialog mit zwei parallel geführten Oboen treten. Das klingt zunächst ganz interessant, gestattet aber rasche Gewöhnung. Natürlich waren bei Spark die beiden Oboen Blockflöten. Und die beiden Streicher waren Streicher. Aber schon der Flügel brachte ganz andere klangliche Aspekte ins Spiel. Und es entstanden durch eine geschickte Klangregie und eine aktive Rhythmusgestaltung starke, mitreißende Stimmungsschwankungen von geheimnisvoll zu Beginn bis pompös am Ende. Schließlich war es eine Königin, die sich da näherte. Nix für ungut, aber da merkte man im Vergleich zur historischen Aufführungspraxis das Spannungspotenzial jenseits des Virtuosen, das in dieser Musik steckt.

Und das Ganze dann mit Gesang: "Augeletti che cantate" ("Kleine Vögel, die singen") Der Titel macht ja schon deutlich, dass da die Piccoloflöte zum Einsatz kommt. Und Daniel Koschitzki trillerte geradezu entzückend. Aber noch erstaunlicher war, dass Valer Sabadus das genauso konnte, in derselben Höhe, mit derselben Leichtigkeit. Und das Ganze vor einem zauberhaften Hintergrund von Naturlauten. Vivaldis "Vedrò con mio diletto" ("Mit Freuden werde ich sie erblicken") bot den großen Kontrast. Da steigerte der Sänger seine Verzückung in eine überraschend druckvoll gestaltete Leidenschaftlichkeit.

Vier Teile mit mehreren Nummern hatte das Programm, und alle vier Teile handelten von Liebe - erfüllt und noch öfter unerfüllt - und Sehnsucht. Der zweite Teil war der französische mit Ravels Rigaudon aus "Le tombeau de Couperin", in dem Violoncello und Klavier ihre Kantabilität gegen starke Rythmisierungen und kräftige Klangfarben der anderen Instrumente setzten. Höhepunkt dieses Teils war Kurt Weills "Youkali", dramaturgisch wunderbar gemacht mit einem verträumten, fast naiven Beginn - eine Stimmung, von der sich Valer Sabadus tragen ließ, aber immer verzweifelter wurde, als er begriff, dass es diesen Sehnsuchtsort gar nicht gibt. Da sang er seine Verzweiflung bis zur Hysterie raus, mit einer Lautstärke und Intensität, die man von einem Countertenor nicht unbedingt erwarten würde. In der offenen Akustik der Erlöserkirche klang das natürlich besonders authentisch. Wobei hier das erste Auftauchen der Melodica zunächst aus dem Off für überraschte Spannung und eine wunderbare Klangfarbenerweiterung sorgte. Und bei Lev Zhurbins "Tango Heavy" mit den aggressiv pointierten Streichern konnte man lernen, dass man auch mit einem Tango in den Krieg ziehen kann. Dafür war Léo Ferrés "Ècoutez la chanson bien douce" eine wunderschöne Musette, eine pfiffige Karussellmusik. Es waren großartige, immer wieder überraschende Klangbilder, die zeigten, dass man auch zeitgenössische Musik nicht auf Barock bürsten muss, wenn man einen Countertenor einsetzen will. Und Valer Sabadus stellte sich der Herausforderung mit toller Intensität und verblüffender Stimmsicherheit, der auch unter Druck noch Freiräume für Gestaltung hatte. Der so unterschiedliche Komponisten wie Robert Schumann mit "In der Fremde" oder Rammstein-Bassist Oliver Riedel mit "Seemann" (das hatte er sich extra gewünscht), "Scotch Club" von Victor Plumettaz oder "One Caress" von Martin Gore (Depeche Mode) ganz unterschiedlich Gestalt geben konnte. Und immer mit einer absolut fantasievoll arrangierten und hochvirtuosen Musik an seiner Seite. Natürlich stand Daniel Koschitzkis "Closer to Paradise" am Ende, eine fast elegische, sich dem Paradies nähernde Steigerung. Aber das Ende bleibt offen. Es musste ja noch eine Zugabe kommen: "Could It Be Magic" von Anderson/Manilow. Da war dann plötzlich wieder Chopin dabei. Vier Konzerte werden in diesem Sommer zweimal aufgeführt. Dieses leider nicht.